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Soziale Netzwerke

24.04.2018

Experte im Interview: Kann Facebook süchtig machen?

Viele Menschen hängen dauernd vor dem Computer oder am Smartphone – oft geht dies schon im Kindesalter los. Doch wie kann man erkennen, ob man internetsüchtig ist?
Bild: Hermann Ernst (Symbolfoto)

Viele Kinder „hängen“ nur noch am Smartphone, ein Familienleben ist praktisch nicht mehr möglich. Ein Experte verrät, ab wann das zu einer Sucht wird.

Herr Pruin, kann Facebook süchtig machen?

Niels Pruin: Sucht ist eine schwerwiegende Krankheit mit einem komplexen Krankheitsbild, die man nicht inflationär diagnostizieren sollte. Facebook und andere Soziale Netzwerke können gerade jüngere Nutzer aber stark in ihren Bann ziehen, sodass es dem allgemeinen Verständnis von Sucht sehr nahe kommt.

An was kann man eine Mediensucht festmachen?

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Pruin: Offiziell gibt es das Krankheitsbild noch nicht, auch wenn das Störungsbild bekannt ist. Die zurzeit anerkannten Diagnosekriterien einer „Internetsucht“ sind ähnlich der einer klassischen Suchtdiagnose. Darunter fallen, wenn sich das Denken und Handeln der Person nur noch mit dem Internet beschäftigt. Wenn sich ein Unwohlsein und eventuell Aggression einstellt, wenn sie nicht in das Internet gehen kann. Wenn es schon Versuche gab, den Internetkonsum einzuschränken, dieser aber misslang. Wenn sich die Person immer häufiger und länger im Internet aufhalten muss. Wenn soziale und berufliche oder schulische Verpflichtungen vernachlässigt werden. Wenn trotz negativer Konsequenzen der Internetkonsum nicht eingeschränkt werden kann, eventuell sogar verstärkt wird. Wenn fünf dieser Kriterien mindestens seit einem Jahr festzustellen sind, könnte es sich um eine Internetsucht handeln.

Suchttherapeut Niels Pruin leitet das Gebiet Medien und Internetsucht bei der Caritas.
Bild: Fabian Kluge (Archiv)

Geht es nur um Soziale Medien oder zum Beispiel auch um „Ballerspiele“?

Pruin: Gerade die Rollenspiele und Egoshooter stehen im Focus der Aufmerksamkeit. Die Problematiken, mit denen pathologische Internetnutzer in die Beratungsstellen kommen, beziehen sich aber nicht nur auf Computerspiele oder Soziale Netzwerke. Es ist ein Anstieg an Beratungs- und Behandlungsbedarf im Bereich Internetpornografie und Casino-Glücksspiele festzustellen.

Gibt es da besonders schlimme?

Pruin: Die meisten Computerspiele würde ich nicht als schlimm bezeichnen. Sie sind teilweise herrlich ausgedachte und gut programmierte Geschichten, in die der Spieler eintauchen kann. Aber die Spiele haben unterschiedliche Suchtfaktoren eingebaut, die sich sehr stark an gängige Glückspielfunktionen anlehnen. Zusätzlich kommt bei vielen Spielen ein zeitlicher Druck dazu, den die Spieler einhalten müssen, um einen bestimmten Status zu erlangen. In Kombination mit aufkommender Sammelleidenschaft sowie Leistungsdruck und finanziellen Investitionen kann es zu massiven Problemen führen. In vielen Spielen kommt es zu einer spielbaren Unendlichkeit, in der sich der Spieler verlieren kann. Oft werden dann die virtuellen Avatare lebens- und liebenswürdiger als die reale Persönlichkeit.

Fast jeder, so hat man das Gefühl, „hängt“ an seinem Smartphone. Egal, ob Mutter mit Kinderwagen, Autofahrer oder Radler. Sind das Süchtige?

Pruin: Smartphones haben so viele Funktionen in unserem Leben übernommen, dass sie schon aus diesem Grund ständig benutzt werden. Diese Nutzung in allen Lebenslagen hat viel mit Ritualen zu tun. Sie geben uns Sicherheit – ein Grundbedürfnis. Wenn man das Handy mal vergisst, fühlen sich viele unsicher und abgeschnitten von der Umwelt. In den meisten Fällen würde ich aber noch nicht von einer Suchtkrankheit sprechen. Allerdings sollte man sich fragen, warum ständig auf’s Handy geschaut werden muss. Brauche ich es, weil ich anders nicht mehr mit unangenehmen Gefühlen umgehen kann, wie Langeweile, Unsicherheit in öffentlichen Räumen, Frust, Anspannung und Ärger, dann könnte es sich zu einer Suchtkrankheit entwickeln. Oder wenn ich keine Alternativen habe, um mir ein gutes Gefühl im Alltag zu holen, wie Bestätigung, positive Erwartungen, angenehme Erregungszustände.

Gibt es auch für Mediensüchtige einen Leidensdruck?

Pruin: Ja, aber dieser setzt erst viel später ein als bei Substanzabhängigen. Der Leidensdruck wird spät wahrgenommen und die Betroffenen brauchen länger, um sich einzugestehen, etwas verändern zu müssen und Hilfe anzunehmen. Die starke krankhafte Mediennutzung fällt in der Gesellschaft fast nicht auf. Meistens sind es Schulden, die entstehen, die Lebenspartner gehen oder es kommt zu beruflichem oder schulischem Leistungsabfall. Auch gesundheitliche Probleme entstehen – Depressionen, Ängste, Selbstwertprobleme, Übergewicht.

Ist Leiden Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung?

Pruin: Der Betroffene muss einen Leidensdruck spüren, um die Motivation zu haben, seine Mediennutzung zu verändern. Eine komplette Abstinenz vom Internet wird es dauerhaft in unserer Gesellschaft nicht geben können. Der Kranke wird lernen müssen, sich seine Sicherheit durch andere Handlungen zu holen, Bindungen mit anderen Menschen einzugehen und diese zu schätzen, unangenehme Aufgaben und Gefühle auszuhalten und sich selbst zu akzeptieren und zu mögen.

Ist die Mediensucht der eines Alkohol- oder Heroinkranken vergleichbar?

Pruin: Die neurobiologischen Abläufe im Gehirn sind bei allen stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten ähnlich. Es werden Neurotransmitter freigesetzt, die unser Belohnungs- und Erregungssystem befeuern. Daher kommt es auch häufig zu Suchtverlagerungen. Glückspielsucht wird häufig durch Alkohol oder Nikotin ersetzt. Computerspieler fangen an, Cannabis zu konsumieren, oder entwickeln eine Essstörung mit Amphetaminkonsum. Es kommt nicht selten vor, dass sich Suchtformen verändern.

Kann man Mediensucht behandeln?

Pruin: Es gibt ambulante und stationäre Therapieformen.

Wie lange dauert der Heilungsprozess?

Pruin: Das hängt vom Klienten ab. Es kann sich von zwei Monaten bis zu einem Jahr hinziehen. Aber auch die Zeit nach der Therapie gehört zum Prozess der Heilung.

Wir sind es gewohnt, jederzeit erreichbar zu sein. Kann man sich entziehen?

Pruin: Das soziale Umfeld gewöhnt sich schnell daran, dass nicht gleich geantwortet wird, auch wenn sie sehen, dass derjenige die Nachricht gelesen hat. Im Fall der beruflichen Nutzung kann es sinnvoll sein, das private und das berufliche Handy zu trennen. Es gibt Tageszeiten, an denen ich für das eine von beiden nicht erreichbar bin. Ich habe die Möglichkeiten, smartphone-freie Räume oder Zeiten im Alltag zu schaffen, wie: kein Handy beim Essen oder im Schlafzimmer. Nutzer könnten „Push“-Nachrichten deaktivieren, um nicht ständig eine Benachrichtigung zu bekommen.

Wie kann man Kinder vor Sucht oder anderen Gefahren schützen?

Pruin: Eltern können kindgerechte Startseiten einrichten mit eingeschränkten Zugriffsrechten. Die Zahl der anzusehenden Webseiten sollte beschränkt sein, da Kinder von Informationen schnell überfordert sind. Es gibt Suchmaschinen für Kinder, die eingestellt werden können. Es sollte darauf geachtet werden, dass die Webseiten werbefrei sind und wenig bis keine privaten Daten angefordert werden. Es sollte darauf geachtet werden, dass sich jüngere Kinder nur in moderierten Chats aufhalten. Bei älteren sollten Risiken und Chancen des Internets immer wieder thematisiert werden.

Niels Pruin, 46, ist Sozialpädagoge und seit 25 Jahren in der Suchtarbeit tätig. Bei der Caritas leitet er das Gebiet Medien und Internetsucht. Er hat ein Buch geschrieben: „Spaßfaktor Realität – zurück aus der virtuellen Welt“. Hilfsangebote gibt es beim Caritasverband Augsburg, Doktorgäßchen 7, Telefon 0821/3156469.

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