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Augsburg

04.04.2018

Gebetshaus-Gründer: „Wir brauchen einfach eine Pause“

Johannes Hartl ist Leiter des Gebetshauses in Augsburg.
Bild: Annette Zoepf

Johannes Hartl spricht über Gründe, die Mehr-Konferenz auszusetzen, über die Kritik am Augsburger „Gebetshaus“ - und mögliche Fernsehauftritte.

Herr Hartl, jüngst haben Sie angekündigt, dass die „Mehr“ 2019 nach elf Jahren erstmals ausfallen wird. Seither gibt es Gerüchte um den „wahren“ Grund dafür. Verraten Sie ihn?

Johannes Hartl: Der wahre Grund ist der, den wir von Anfang an kommuniziert haben. Wir brauchen einfach eine Pause. Die Zahl der „Mehr“-Teilnehmer hat sich von anfangs 120 auf nun knapp 12000 verhundertfacht. Wir wollen innehalten und unsere Glaubens- und Gemeinschaftserlebnisse verarbeiten. Auch unsere Strukturen und Abläufe im Gebetshaus müssen wir ordnen. Im Gebetshaus, das die „Mehr“ ja organisiert, sind aus einst 15 inzwischen 50 hauptamtliche Mitarbeiter geworden. Solche großen Entwicklungen brauchen mal einen Verdauungsgang. Kinder wachsen doch auch in Schüben und nicht fortwährend.

Sie selbst aber haben bei der vergangenen „Mehr“ von künftigen Konferenzen in Stadien geredet. Wundert Sie es da, dass manche meinen, es müsse doch „irgendwie mehr“ hinter der Pause stehen?

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Hartl: Es hat mich nachdenklich gemacht, dass es da ein gewisses Misstrauen gibt. Aber zu der Ankündigung: Wir denken nach wie vor über zusätzliche Angebote nach. Vielleicht bieten wir Ende des Jahres noch eine kleine Veranstaltung an, einen „Tag am Mehr“. Auch Konferenzen in Stadien sind mittelfristig möglich, vielleicht für Teenager, zum gemeinsamen Schweigen oder für Führungsleute. Denn ich empfinde einen Mangel an Diskurs über spirituelle Führung bei weltlichen Leitern – andersherum sehe ich bei deren geistlichen Pendants noch Luft nach oben bei Managerqualitäten.

Noch mal zum Misstrauen: Das hängt stark mit dem Thema Geld zusammen. Kritiker bemängeln unklares Finanzgebaren im Zusammenhang mit „Mehr“ und Gebetshaus. Können Sie erklären, wie sich das alles trägt?

Hartl: Das ist keine Hexerei. Es gibt um die 10000 Leute, die finden gut, was wir tun, dass wir etwa ununterbrochen beten. Drei bis fünf Prozent davon spenden regelmäßig für uns, entweder allgemein fürs Gebetshaus oder zweckgebunden für bestimmte Personen. Dadurch erhalten die hauptamtlichen Mitarbeiter wie ich ein Gehalt, das sich am Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst für pastorale Mitarbeiter orientiert und unterer Durchschnitt ist. Vom Gebetshaus-Verein angestellt wird man erst, wenn es einen Spenderkreis von 20 bis 30 Leuten gibt, die monatlich je etwa 50 Euro spenden. Diesen Kreis bauen wir zusammen mit potenziellen Mitarbeitern auf.

Auf diese Weise können Sie auch derart baulich expandieren, wie Sie das mit dem Gebetshaus gerade tun? Sie planen ja einige neue Gebäude.

Hartl: Das geht auch dank zusätzlicher Großspenden. So hat jemand die Kosten für unsere neue Kapelle übernommen. Zudem geht mein Honorar als Redner und Autor zu 100 Prozent ins Gebetshaus. Das Gebetshaus verkauft darüber hinaus Medien über eine ausgelagerte GmbH, um kostenlose Angebote zu finanzieren und das kleine Minus auszugleichen, das die „Mehr“ meistens macht. Alles wird ordentlich versteuert oder als Sozialabgabe geleistet. Ich sehe uns allerdings weniger wegen der Finanzen in der Kritik.

Sondern?

Hartl: Aus vier Gründen. Erstens ist da die Angst vor der Auflösung der Konfessionsgrenzen. Zweitens die Sorge vor theologisch „Überkonservativem“ in modernem Gewand. Drittens die Skepsis gegenüber unserer Start-up-Mentalität, die eben auch merkantil denken muss. Und viertens das Misstrauen gegenüber unserer Emotionalität, die manche entheiligend finden. Ich kann alle Punkte nachvollziehen, nehme aber wahr, dass sie umso lauter geäußert werden, je weiter man von uns weg ist. Wir können dazu nur sagen, dass wir ein Weg zu Gott sind, nicht der einzige.

Sind die Kritiker bei Ihrem Erfolg vielleicht auch Neider?

Hartl: Für mich wäre Neid in dem Fall eine Versuchung.

Auch als Erfolg darf jetzt schon die geplante „Schön“-Konferenz gelten. Immerhin haben Sie Starregisseur Wim Wenders dafür gewonnen. Wie das?

Hartl: Dabei hat mir mein Netzwerk im Kulturbereich geholfen. Leider aber hat Wenders seine Teilnahme vor wenigen Tagen wegen anderer Verpflichtungen abgesagt. Dafür ist ein Beitrag seiner Frau Donata – einer bekannten Fotografin – im Gespräch. In welcher Form genau, weiß ich nicht. Wir Veranstalter sind jedenfalls überzeugt, dass Gott Schönheit ist. Deshalb wollen wir dieses Thema mit der „Schön“ in den Fokus rücken und dabei zum Beispiel diskutieren, warum sich moderne Künste der Schönheit so oft verweigern – man vergleiche nur die heutige Architektur mit der von vor 100 Jahren.

Treibt Sie sonst etwas um?

Hartl: Ich bin mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Gespräch über ein Religionsformat für Jugendliche.

Eine Art „Wort zum Sonntag“?

Hartl: Aber in cool.

Interview: Christopher Beschnitt, kna

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