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Brechtfestival 2018

23.02.2018

Geschossen wird mit Worten: Brechtfestival im Sensemble-Theater

Marisol (Daniela Nering, Mitte) versucht, zwischen Nomoney (Sarah Hieber, links) und Baxter (Florian Fisch) zu schlichten.
Bild: Michael Hochgemuth

Das Sensemble Theater bringt zum Auftakt das Stück "Der kalte Hauch des Geldes" auf die Bühne. Das Spiel zwischen Salontüren und Sandkasten zündet.

Schon an der Kasse riecht der Zuschauer, dass an diesem Abend im Sensemble etwas anders ist. Ist das frische Farbe, die mieft? Nein, das ist der Boden, der diesem Western bereitet worden ist. Auf frischem Rindenmulch staksen vier Cowboys herein, um die Hüften Colts, die Hüte weit ins Gesicht gezogen, während Saloon-Besitzerin Marisol in dickem Pelz die Vorgeschichte erzählt: „Es war einmal im Westen, Entschuldigung, im Western.“

Gespielt wird im Sensemble Theater zum Auftakt des Brechtfestivals Alexander Eisenachs „Der kalte Hauch des Geldes“, vom Autor selbst im Schauspiel Frankfurt 2016 uraufgeführt. Nun sitzt der Dramatiker selbst im ausverkauften Saal und sieht die Saloon-Türen auf- und zugehen. Mit Lust haben Theaterleiter und Regisseur Sebastian Seidel und sein Team etwas von El Plata, der Goldstadt irgendwo im wildesten Westen, auf die Bühne gebracht: Saloon-Türen, Whiskey-Flaschen, der Mulch und jede Menge Staub, den sich die Cowboys gegenseitig aus den Mänteln klopfen.

Der geheimnisvolle Fremde ist auch dabei

Neben Marisol (Daniela Nering) stehen harte Jungs auf der Bühne: Baxter (Florian Fisch), das Genie der Habgier, Sheriff Logan (Jörg Schur), der sich zwischen Recht und Es-recht-Machen nicht entscheiden kann, und Sneaky Sam (Birgit Linner), der in Geldschwierigkeiten geriet und deshalb für Baxter Leute erschießt, den Revolver aber am liebsten auf seinen Chef richten würde. Später tritt der geheimnisvolle Fremde auf, Nomoney (Sarah Hieber), der sich später als die Fremde outet und Schwung in die Handlung bringt. Sie hat noch eine Rechnung mit Baxter offen.

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Das Sensemble Theater schwelgt im Genre. Cowboys, die sich mit gezogenem Colt gegenseitig neutralisieren, der breitbeinige Gang, die Details in der Ausstattung. Geschossen wird aber mit Worten. Das Genre wird mit Wortsalven gebrochen, in denen es um die segensbringenden Wirkungen des Finanzmarkts, die Kontrolle des Lebens durch das Geld und die Verbesserung des Rechts durch den Markt geht. Auf der Bühne finden sich die Brüche durch Details – ein Lucky-Luke-Heft zwischen den Whiskey-Flaschen, ein EC-Automaten-Schild neben dem Wanted-Aufruf.

Das Gold-Schürfen lohnt nicht mehr

In Eisenachs Stück geht es nur vordergründig um Wild-West-Romantik. Im Zentrum stehen Banken und das Bankwesen. Dort leben die Gesetzlosigkeit, das Recht des Stärkeren und alle Skrupellosigkeit noch heute fort. Deshalb will Baxter nicht mehr mit dem Gold-Schürfen Geld verdienen, sondern mit Derivaten. Sein Plan hat es in sich: Alle wertlosen Claims an Ahnungslose verscherbeln, ihnen dafür Geld leihen und im Anschluss die Kredite als Derivate weiterverkaufen, um mit dem Boden, der nichts wert ist, Kasse zu machen, bevor das Geld-Kartenhaus in sich zusammenbricht.

Unterstrichen wird das Stück von der Musik, die Rainer von Vielen für den Abend komponiert hat – eine Hommage an große Momente des Italowestern. Im irrsten Bild des Abends sitzt Baxter im Sandkasten. Der Kampf mit Nomoney als Sandkastenstreiterei setzt der rasanten Inszenierung die Westernkrone auf.

Weitere Vorstellungen laufen bis zum 19. Mai.

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