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Debatte

10.11.2011

In der Klischeefalle

Der Publizist Patrick Bahners warnt vor dem Einfluss selbsternannter Islamkritiker

Die deutsche Verzagtheit ist im Ausland sprichwörtlich. Patrick Bahners, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat jetzt eine neue „German Angst“ ausgemacht: die Furcht vor Muslimen. Sein aktuelles Buch heißt „Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam“, und er nennt es eine „Streitschrift“. Auf Einladung der Interkulturellen Akademie stellte er seine Erkenntnisse nun beim Mesopotamien-Verein vor und versicherte charmant: „In Augsburg kann das oft beschworene Gespenst von muslimischen ‚Parallelgesellschaften‘ sicher niemandem einen Schrecken einjagen. Schließlich erprobte diese Stadt die strikte Trennung und das Nebeneinander der Konfessionen schon in der frühen Neuzeit und weiß: Das parallele Leben war und ist Voraussetzung für ein gewaltfreies Zusammenleben.“

Für sein Buch nahm der Historiker Bahners nicht den Islam selbst, sondern die öffentliche Diskussion darüber unter die Lupe. Insbesondere bekannte Autoren wie Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek, Alice Schwarzer, Henrik M. Broder, Thilo Sarrazin und Ralph Giordano outet er als gesellschaftlich wirksame Islamkritiker. Bahners’ Analyse konzentriert sich nicht auf eine wissenschaftliche Korrektur ihrer Islambilder, sondern auf die Eigendynamik des Diskurses, auf die Stimmungen und Übertreibungen in Medien und Politik. „Wir sind Gefangene unseres Gedankenzirkels“, resümiert er. „Beständig wiederholen wir das Minarett als Zeichen einer islamischen Bedrohung, ebenso das Kopftuch, die Zwangsheirat, das angebliche Züchtigungsgebot des Mannes.“ Die Vorstellungen über einen „bedenklichen“ Islam verselbstständigten sich, sodass die öffentliche Debatte die Wahrnehmung des Islam bestimme.

Bis hin zu Verschwörungstheorien

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Bahners warnt vor den dauernden penetranten Aufrufen zur Wachsamkeit, die letztlich in Alarmismus umschlügen und manchmal auch den Blick für tatsächliche Gefahren verstellten. Er führt in die Welt eines klischeehaften islamkritischen Denkens, das sich bei einschlägigen Gruppierungen wie etwa „Politically Incorrect“ auch gerne zu handfesten Verschwörungstheorien auswachse. Diese trügen dann mitunter selbst religiöse Züge. Bahners’ Mission ist nicht die Verharmlosung vorhandener Integrationsprobleme. Doch er entlarvt Islamkritiker, die unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung Stimmung machen.

Kritik an der Familienministerin

Die Skepsis gegenüber dem Islam hat laut Bahners die Mitte der Gesellschaft und die politischen Eliten erreicht. Als Beleg hatte er einen FAZ-Beitrag von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder im Gepäck, in dem diese sich auf eine aktuelle Studie ihres Ministeriums zum Thema Zwangsheirat bezieht. Demzufolge haben 83 Prozent der etwa 3000 Zwangsverheirateten in Deutschland muslimische Eltern. Der Zusammenhang mit dem Islam dürfe „uns nicht kalt lassen“, zitiert Bahners die Ministerin. Diese hitzige Schlussfolgerung werde jedoch von den Zahlen in keiner Weise gestützt, so Bahners. Andere Untersuchungen hätten ergeben, dass die Zwangsverheiratung eher mit Stammesgepflogenheiten als mit der Religion zu tun habe.

Der Ministerin wirft er vor, leichtfertig mit Scheinlogik zu operieren. Ihr Artikel zeige die bekannten Abwehrreflexe gegenüber einem gefühlt rückständigen und demokratiefeindlichen Islam par excellence. Und so prognostiziert Bahners nicht ohne Resignation, dass die weitere Rezeption dieser Studie vom „Sarrazin-Effekt“ getragen werde: Endlich sage mal wieder einer, was „Sache“ sei. Der Erfolg in den Medien sei vorprogrammiert.

In der anschließenden Diskussion zeigte die Vehemenz und Lautstärke einiger Beiträge, dass auch das Augsburger Publikum nicht vor ängstlichen Reflexen gefeit ist. So verlas ein Zuhörer zwei Verse einer deutschen Koranübersetzung, die zur Züchtigung von Frauen auffordern. Bahners verwies auf zahlreiche andere Verse, die eben dies verbieten und empfahl dem Zuhörer, nicht auf Scheinevidenzen hereinzufallen. Der Koran allein reiche islamischen Gelehrten ohnehin nicht für Handlungsanleitungen. Sie müssten immer auch die überlieferten Aussprüche des Propheten und Urteile anderer Gelehrter hinzuziehen, bevor sie eine Interpretation abgeben könnten.

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