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Augsburger Geschichte

04.05.2017

In einem Stadtteil ist Musik drin

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5 Bilder
Der goldene Bienenkorb mit den Initialen „JMM“ bleibt an der Hausecke des einstigen Miller´schen Kerzengeschäfts Auf dem Kreuz als Erinnerung erhalten.
Bild: Franz Häußler

Wohnen, wo einst Lebkuchen gebacken und Kerzen gegossen wurden. Ein Projekt trägt Mozarts Namen.

„J. M. Miller - Wachsbleiche und Wachswarenfabrik, gegründet 1719“ inserierte 1930 im „Buch der alten Firmen der Stadt Augsburg“. Die damals 211 Jahre alte Firma stellte sich mit ihrer Geschichte sowie mit den 1930 hergestellten Produkten vor. Ein ausgedehntes Gelände im Georgsviertel war der Firmensitz. Die Betriebsgebäude und das Wohnhaus wurden vor einigen Jahren abgebrochen. Danach kamen die Archäologen und untersuchten den Untergrund des Areals. Jetzt sind die Bauarbeiten für eine Wohnanlage mit dem Namen „Mozart“ im Gange. Sie wird zehn Häuser mit rund 70 Wohnungen im gehobenen Preissegment umfassen.

Von Lebkuchen und Kerzen

Die Archäologen dokumentierten römerzeitliche Hinterlassenschaften und nachfolgende Bauperioden, doch der Boden müsste auch Spuren ganz anderer Art aufweisen: Er könnte exotische Gewürze enthalten und an vielen Stellen müsste der Untergrund wachsgetränkt sein. Hier wurden nämlich ab 1719 Lebkuchen und Kerzen produziert! Lebzelter und Wachszieher waren ab dieser Zeit die Besitzer. Die beiden Gewerbe waren in Augsburg jahrhundertelang untrennbar. Lebzelter machten auch Kerzen. Sie verarbeiteten unter einem Dach die von Bienen gelieferten Rohstoffe Honig und Wachs. Sie benutzten dieselben Holzmodeln häufig nicht nur zum Ausformen des gewürzreichen Gebäcks, sondern gossen sie auch mit Wachs aus. Solche Wachsreliefs waren noch im 20. Jahrhundert beliebt.

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In Augsburg werden 1609 „Lebzelter und Wachs-Kertzengiesser“ bei der Zuweisung von Marktplätzen in einer Zeile genannt. Es gab beide Produkte am selben Marktstand zu kaufen. Noch vor 20 Jahren lagerten in einem Dachboden der Kerzenfabrik J. M. Miller Kartons mit alten Lebkuchenmodeln und Wachsgussformen für Köpfe, Arme und Beine von Puppen. Diese Hinterlassenschaften belegten die Unternehmensgeschichte. Einige der Modeln trugen das Monogramm „IAG“, das Namenskürzel des Lebküchners und Kerzenmachers Ignaz Alois Gast. Er hatte 1782 die Lebzelterei und Wachszieherei erworben.

Wachs weiterverarbeitet

Er erweiterte 1782 das ursprüngliche Firmenareal Auf dem Kreuz durch Zukauf des rückwärtigen Grundstücks Litera F 39 (Georgenstraße 15), um darauf eine Naturwachsbleiche einzurichten. Nachdem am 17. April 1839 Franz Xaver Miller das Anwesen gekauft hatte, verschwand der Geschäftszweig „Lebküchnerei“. F. X. Miller spezialisierte sich auf die Weiterverarbeitung von Bienenwachs in großem Stil.

Er betrieb zeitweise die größte Naturwachsbleiche Bayerns. Das Bleichen von Bienenwachs erforderte etliche Arbeitsgänge: Zuerst musste das Wachs geschnitzelt werden, um die Oberfläche zu vergrößern und so den Bleichvorgang zu beschleunigen. Die Wachsschnitzel wurden im weiten Garten in großen Holzschütten ausgebreitet. Oftmals gewendet und genässt, der Sonne und den Naturkräften ausgesetzt, verlor das Bienenwachs allmählich seine dottergelbe Farbe. Es bleichte, wurde allmählich elfenbeinfarben bis weiß, ohne das Bienenwachs-Aroma zu verlieren. 1871 übernahm Josef Miller die florierende Wachsbleiche, importierte in großem Stil Bienenwachse aus Übersee und verkaufte das gebleichte Wachs als Halbfabrikat europaweit. Zum Bleichen reichten Sonne und Tageslicht in unseren Breiten nur von April bis September. Das war ein erheblicher Wettbewerbsnachteil gegenüber den ab etwa 1890 chemisch gebleichten Wachsen. Ab 1904 führte mit Josef Maria Miller die dritte Miller-Generation den Wachsverarbeitungsbetrieb im Georgsviertel. Er bleichte zwar weiterhin, verlegte sich aber verstärkt auf die serienmäßige Herstellung und den Vertrieb von Kirchenkerzen aller Größen und Ausführungen. Wachsstöcke, Schmuck- und Kommunionkerzen sowie Weihnachtskerzen ergänzten das Sortiment. Die nachfolgende vierte Miller-Generation erneuerte ab den 1930er Jahren die Bleichanlagen und erweiterte die Werkstätten. Die Kerzenfertigung wurde technisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Herstellung von Fußbodenpflegemitteln und technischen Wachsen sowie ein Honigabfüllbetrieb dazu.

Die größten der Branche

1959 verstarb der Seniorchef J. M. Miller. Franz Miller wurde Alleininhaber eines Unternehmens mit rund 50 Beschäftigten. 1962 schrieb er, seine Wachsbleiche und Wachswarenfabrik zähle „mit ihren Qualitätsfabrikaten zu den ältesten, bedeutendsten und größten ihrer Branche in Süddeutschland“. Dann folgten in der Wachsbranche enorme Umbrüche: Mineralische Wachse - großteils aus Braunkohle gewonnen - und synthetische Wachse beherrschten die Märkte und machten Bienenwachs zum teuren Nischenprodukt. Die Umsätze der „Kerzenfabrik J. M. Miller“ schrumpften, 2002 folgte die Insolvenz. Als sichtbare Erinnerung an das Wachsverarbeitungsunternehmen wird am einstigen Kerzengeschäft an der Ecke Auf dem Kreuz/Sebastian-Kneipp-Gasse ein von floralem Stuck umrankter, vergoldeter Bienenkorb mit den verschlungenen Initialen „JMM“ bleiben.

Die auf dem einstigen Firmengelände erstehende „Mozart“-Wohnanlage verweist mit ihrem Namen auf mehrere Mozart-Generationen, die in diesem Stadtteil ansässig waren und ihre Spuren hinterließen. Die Gedenkstätte „Mozarthaus“ an der Frauentorstraße, in dem 1719 Leopold Mozart zur Welt kam, ist nur wenig entfernt. Die nahe Propstei von St. Georg erbaute der Werk- und Maurermeister Hans Georg Mozart, die katholische Heilig-Kreuz-Kirche ist mit Leopold Mozart und seinem Sohn Wolfgang Amadeus verbunden.

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