1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Interview mit Stadtjugendring: Die 500.000-Euro-Frage

Augsburg

27.03.2013

Interview mit Stadtjugendring: Die 500.000-Euro-Frage

Copy%20of%20_AWA2219.tif
4 Bilder
Der Stadtjugendring steckt im Schlamassel. Geschäftsführer Helmut Jesske, Vorsitzender Raphael Brandmiller und sein Stellvertreter Matthias Matuschka (von links) versuchen zu erklären, wie das passieren konnte und was es für Folgen hat.

Geschäftsführer und Vorstand stehen selber noch vor Rätseln. Ums Image ihres Verbandes fürchten sie aber nicht – es sei ja nichts verheimlicht worden

Seit 2008 hat der Stadtjugendring 500000 Euro verloren. Vorsitzender Raphael Brandmiller, sein Stellvertreter Matthias Matuschka und Geschäftsführer Helmut Jesske standen gestern unserer Redaktion Rede und Antwort.

Wie konnte in fünf Jahren eine so hohe Summe zusammenkommen?

Jesske: Es handelt sich um Elternbeiträge für die Mittagsbetreuung und Ganztagsangebote an Schulen. Die Eltern wurden zwar großteils aufgefordert zu zahlen, aber wenn das nicht passiert ist, hat die zuständige Mitarbeiterin das nicht weiter verfolgt. Bei einer Schule wurde überhaupt kein Geld eingezogen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Versuchen Sie jetzt, doch noch an das Geld zu kommen?

Jesske: Insgesamt haben wir 285 Kinder in der Betreuung. Wir recherchieren gerade, welche Eltern nicht bezahlt haben und verschicken jetzt Rechnungen. Die Zahlungsverpflichtung erlischt allerdings nach drei Jahren.

Wieso ist fünf Jahre lang niemanden aufgefallen, dass so viel Geld fehlt?

Jesske: Die Situation ist kompliziert. Unser Gesamthaushaltsvolumen beträgt 3,9 Millionen Euro. Vor Prüfungen wurden Defizite von Projekten auf das sogenannte interne Verwahrkonto gebucht. Das ist legitim. Doch müssen die Defizite dann ins nächste Jahr übernommen werden. Das ist nicht geschehen. Die ehrenamtlichen Revisoren und die Prüfer des Bayerischen Jugendrings haben das nicht entdeckt.

Hat niemand gemerkt, dass auf dem Bankkonto kein Geld ist?

Jesske: Zwischen dem Girokonto und dem Geldmarktkonto wurde hin- und hergebucht. Dazu braucht es eigentlich Anordnungen, die ich als Geschäftsführer unterschreiben müsste. Sie wurden mir aber nicht vorgelegt.

Wie sind Sie schließlich doch darauf gekommen?

Jesske: Als im Dezember die zuständige Mitarbeiterin krank war, habe ich den Haushalt 2012 geprüft. Dabei fiel mir auf, dass Geld fehlt. Ich habe den Vorstand informiert. Dann ging die Information an die Stadtspitze und den Bayerischen Jugendring.

Was sagt die Mitarbeiterin dazu?

Jesske: Ich konnte nicht mit ihr sprechen. Sie ist noch krank.

Hat sich jemand persönlich bereichert?

Jesske: Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt ausschließen.

Was war dann das Motiv?

Brandmiller: Das können wir bis heute nicht nachvollziehen.

War Ihre Mitarbeiterin überfordert?

Jesske: Ich habe jede Woche nachgefragt, wie es läuft. Immer hieß es, alles ist in Ordnung.

Haben Sie Strafanzeige gestellt?

Jesske: Nein, denn alles ist noch in der Prüfung, sowohl finanziell als auch juristisch. Der Bayerische Jugendring hat uns geraten, das Ergebnis abzuwarten.

Braucht der Augsburger Stadtjugendring jetzt finanzielle Hilfe?

Jesske: Wir kommen mit den Mitteln zurecht. Auch unser Kerngeschäft Jugendzentren bzw. Streetwork ist nicht in Gefahr. Aber im kommenden Schuljahr werden Schulprojekte in einem sehr engen Rahmen stattfinden. Wir kalkulieren die Projekte anders, sodass mehr Sicherheit für den Stadtjugendring da ist. Brandmiller: Dem Vorstand ist es wichtig, dass die Projekte nochmals daraufhin durchkalkuliert werden, ob sie sich rechnen.

Weil Ihnen das finanzielle Polster fehlt, können Sie besondere Projekte nicht mehr in Angriff nehmen. Ist zum Beispiel das Festival Modular gefährdet?

Brandmiller: Nein. Aber Aktionen wie „Elftausend“ zur Wahl wird es nicht mehr geben. Auch haben wir keine Mittel mehr für Anschubfinanzierungen wie früher beim Jugendtreff B-Box. Wir müssen wieder zu einem Polster kommen. Jesske: Unser Personal zahlt die Stadt. Rücklagen dienen etwa dazu, zu überbrücken, wenn Zuschüsse nicht rechtzeitig eingehen.

Es fehlen 500000 Euro in der Kasse. Hat der Stadtjugendring einen Image-Schaden?

Brandmiller: Der Vorgang wirft kein gutes Licht auf den SJR. Aber weil wir mit allen Partnern gesprochen haben und Transparenz schaffen, schaffen wir es hoffentlich, das Image wiederherzustellen.

Das Image wiederherzustellen, schafft man aber nicht, indem man drei Monate einen Fehler verheimlicht.

Brandmiller: Es ging nicht darum, etwas unter den Teppich zu kehren.

Aber könnte es mit Ihrer Bewerbung für die Oberbürgermeister-Kandidatur bei den Grünen zusammenhängen, Herr Brandmiller? Darüber wird bis Anfang April entschieden.

Brandmiller: Unter diesem Gesichtspunkt wäre ich am besten im Januar an die Öffentlichkeit gegangen, dann ist bis April alles vergessen. Aber mit was hätte ich rausgehen können? Wir müssen die Organisation und die Mitarbeiter schützen, Daher haben wir erst mal unsere Vertragspartner informiert.

Ist es Zufall, dass das Thema gerade jetzt öffentlich wird?

Brandmiller: Das frage ich mich auch. Dazu gibt es Spekulationen, an denen ich mich nicht beteilige.

Herr Jesske, sehen Sie die Probleme als Belastung für Ihre Landtagskandidatur für die SPD?

Jesske: Für mich hat immer der Beruf erste Priorität, dann die Politik.

Wann hätten Sie das Problem denn dann öffentlich gemacht?

Brandmiller: Dabei spielen zwei Punkte eine Rolle, erstens: Am 17. Juni ist die Vollversammlung. Zweitens: Wann ist der Bericht des Innenrevisors des Bayerischen Jugendrings fertig?

Ursprünglich wollten Sie ja Ihren Posten als Vorsitzender aufgeben.

Brandmiller: Ich hatte mir das überlegt, bevor das Problem bekannt wurde. Ich bin seit zehn Jahren Vorsitzender und es war eine erfolgreiche Zeit. Aber jetzt wäre es komisch, zu gehen. Und es ist mein Anspruch, die Vorgänge aufzuklären. So schmeiße ich nicht hin.

Herr Jesske, schmeißen Sie hin?

Jesske: Ich bin nicht der Typ, der kneift, wenn es schwierig wird. Interview: Ute Krogull

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren