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Augsburg

17.09.2013

Lebensmodell Hartz IV wird zum Problem

Insbesondere beim Start ins Berufsleben orientieren sich Jugendliche am Vorbild der Eltern. "Wenn schon die Eltern keine Lust haben zu arbeiten, dann ist das einfach asozial", sagt eine Mutter, die selbst ein Jahr lang arbeitslos war.
Bild: Ulrich Wagner

Arrangieren sich Eltern mit ihrer Arbeitslosigkeit, fehlt oft auch Kindern die Motivation. Im Jobcenter ist das ein Problem.

Eigentlich wollen sie den Menschen Arbeit vermitteln, ihnen ein eigenes Auskommen ermöglichen – raus aus Hartz IV. Doch immer häufiger beißen die Mitarbeiter des Jobcenters auf Granit. Denn in einigen Familien ist die Arbeitslosigkeit offenbar schon Teil des Lebensmodells. Den Kindern fehle das Vorbild arbeitender Eltern, klagt Eckart Wieja, der Leiter des Jobcenters. Er wolle nicht verallgemeinern, aber: „Einige junge Leute sehen, dass der Vater und die Mutter nicht arbeiten, dass das Geld aber trotzdem irgendwie reinkommt.“ Das senke die Motivation, sich in der Schule anzustrengen, sich selbst einen Job zu suchen.

Bei zehn bis 20 Prozent seiner Kunden unter 25 Jahren beobachte Wieja die Tendenz schon heute. „Das lassen einige raushängen.“ Um diese „Hartz-IV-Bezieher in zweiter Generation“ will man sich verstärkt bemühen. Dazu gab es nun einen bundesweiten Aktionstag. Ziel war es, gezielt Eltern oder Elternteile, die Leistungen vom Staat beziehen, in eine Beschäftigung zu vermitteln. „Damit die Kinder durch die Berufstätigkeit der Eltern ein gutes Vorbild haben“, sagt Wieja. So wie der Sohn von Manuela H. (Name geändert).

Zum Berufsstart sind Vorbilder wichtig

Fast ein Jahr war die Mutter arbeitslos. Ihre Krankheit und die Pleite eines früheren Arbeitgebers hatten die gelernte Verkäuferin den Job gekostet. Jetzt hat sie eine Stelle beim Brotzeit-Service Karl in Lechhausen: „Ich bin froh darüber.“ Ihr Sohn startet mit 15 Jahren gleichzeitig selbst ins Berufsleben, beginnt eine Lehre. Eine kritische Phase, sagt Wieja. „Die jungen Leute müssen lernen, dass sie so etwas auch durchziehen.“ Arbeitende Eltern können dabei ein Vorbild sein.

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Manuela H. ist es für ihren Sohn, sie will nicht von staatlicher Unterstützung leben, sie will ihre Finanzen durch eigene Arbeit regeln. Verständnis für so manche Familie, die Hartz IV ausnutze, hat sie nicht. „Wenn schon die Eltern keine Lust haben zu arbeiten, dann ist das einfach asozial“, sagt sie.

Mit 15 Jahren bereits auf Hartz IV angewiesen - bei einigen wird sich das nie ändern

Wieja ist froh über solche Beispiele und engagierte Mütter und Väter. „Die Beschäftigung der Eltern vermittelt den Kindern, wie wichtig es ist zu arbeiten.“ Allein in Augsburg leben fast 5.000 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren von Hartz-IV-Unterstützung. Das sei eine „relativ hohe Zahl“, findet Wieja. Zudem sind 2.400 junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren auf Hartz IV angewiesen, entweder weil sie selbst arbeitslos sind oder weil sie in einer Bedarfsgemeinschaft leben. Bei einigen wird sich das ein Leben lang nicht ändern.

Ursula F. kann das nicht verstehen. Auch sie war bis vor Kurzem auf Hartz IV angewiesen. Eine bittere Erfahrung nach fast 20 Jahren im Beruf und mit einer guten Ausbildung. „Es ist erniedrigend“, sagt die alleinerziehende Mutter. Nach der Trennung von ihrem Mann konnte sie wegen der Kinder nur halbtags als Sekretärin arbeiten. Das Gehalt reichte nicht, sie musste aufstocken. „Das ist wie betteln zu gehen.“

Mehr als nur Geldverdienen

Ursula F. war es daher wichtig, ihren Kindern früh Verständnis dafür zu vermitteln, welchen Wert Arbeit hat: „Es geht nicht nur ums Geldverdienen, es macht auch Spaß, seinen Geist anzustrengen.“ Vom Bild einer Hartz-IV-Familie, das mit so vielen Vorurteilen behaftet ist, sind die F.s weit entfernt. Die Tochter studiert, der Sohn besucht eine weiterführende Schule. „Uns ist Bildung sehr wichtig“, sagt Ursula F.

Die Mutter will nun mit knapp 50 im Job noch einmal durchstarten. Neben ihrem Halbtagsjob hat sie eine weitere Stelle in einem Autohaus angenommen. Für sie geht mit dem zusätzlichen Einkommen die Zeit in Hartz IV zu Ende. Eine Erfahrung, vor der sie ihre Kinder gerne bewahren möchte.

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