1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Mehr als Verzicht auf Nahrung

Ursberg

13.02.2016

Mehr als Verzicht auf Nahrung

Zur Ruhe kommen und sich auf das Wesentliche besinnen. Schwester Lucia erwartet die Teilnehmer der Exerzitien im Alltag. Der Ringeisenbaum mit seinen sieben Ästen (im Bild unten links) soll die sieben leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit versinnbildlichen, denen sich die Schwestern des Ringeisenwerkes verschrieben haben.
Bild: Petra Nelhübel

Die Franziskanerin Schwester Lucia spricht über den Sinn des Fastens. Sie bietet in Ursberg Exerzitien im Alltag an.

Von Petra Nelhübel

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Das Gespräch mit Schwester Lucia fand am letzten Faschingswochenende statt. Eine Stunde sprach Schwester Lucia, eine Franziskanerin der Ursberger Sankt Josefskongregation, über die Fastenzeit, über die Hinwendung zu Gott, die Besinnung auf das Wesentliche, über Exerzitien im Alltag. Den danach ausgesprochenen guten Wunsch auf eine schöne und besinnliche Fastenzeit korrigierte sie jedoch postwendend: „Jetzt ist erst mal Fasching; alles zu seiner Zeit.“

Inzwischen ist der letzte Schunkelschlager verklungen, das Kostüm im Schrank verstaut und das letzte Fitzelchen Konfetti aus den Haaren gekämmt. Die Krapfen sind aus den Regalen geräumt und haben Platz geschaffen für die Fastenbrezen. Nicht so üppig, nicht so süß. Fast als ob etwas fehle. Für Schwester Lucia soll diese Lücke, dieser Hunger nach mehr, die Sinne frei machen für etwas anderes: „Ich will mich öffnen für einen anderen Hunger, als den nach leiblicher Nahrung, für eine andere Speise, die satt macht. Eine Hinwendung zu Gott, die mich nicht körperlich, sondern seelisch speist.“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Seit nunmehr 16 Jahren leitet Schwester Lucia die „Exerzitien im Alltag“, ein Angebot der Kirche, das die Gläubigen durch die Fastenzeit begleiten will. Dafür gibt es von den einzelnen Bistümern eine Begleitmappe mit fünf Wochenthemen, für die sich der Fastenwillige täglich eine halbe Stunde Zeit nehmen soll. Immer samstags findet ein Treffen aller Teilnehmer im Haus Emmaus statt. In einer meditativen Runde versammeln sich die Gläubigen, um die Woche Revue passieren zu lassen. „Wie habe ich die vergangene Woche erlebt? Was ist mir gut gelungen? Wo habe ich mit mir gehadert, oder mich von der Hektik des Alltags mitreißen lassen? Worüber konnte ich mich freuen?

In einer kurzen Schilderung können die Gruppenteilnehmer ihre Erfahrung mit der Gemeinschaft teilen. „Je ehrlicher die einzelnen Aussagen sind“, gibt Schwester Lucia zu bedenken, „desto wertvoller sind sie für die Gruppe.“ Es kommt also nicht darauf an, mit seinen Erfolgen in der Gruppe glänzen zu wollen. Vielleicht gibt es einem Anderen ja Kraft zu erfahren, dass man selbst auch zu kämpfen hat mit seinen eigenen Ansprüchen. Dass man zuweilen scheitert und doch nicht aufgibt. Es kann tröstlich sein, zu wissen, dass es anderen genau so geht.

Für Schwester Lucia steht in diesem vom Papst ausgerufenen Jahr der Barmherzigkeit genau diese Barmherzigkeit Gottes im Mittelpunkt: „Es ist doch so ermutigend zu wissen, dass, ganz egal wo ich fehlgehe oder scheitere, Gott wie ein Vater da ist. Ein Vater, der mich tröstet und wieder aufrichtet. Einer der mich immer und unter allen Umständen liebt.“

Abgesehen davon rät Schwester Lucia dennoch dazu, die eigenen Ansprüche an sich während der Fastenzeit nicht zu hoch zu hängen: „Wenn ich an mir arbeite sind kleine Schritte wichtig. Wenn Geduld mein Thema ist, kann ich vielleicht nicht immer und überall geduldig sein. Wenn ich aber einen Menschen kenne, der mich regelmäßig zur Ungeduld reizt, kann ich mir vornehmen, während der Fastenzeit speziell im Umgang mit diesem Menschen achtsam zu sein.“

Sich selbst nicht überfordern und während der Fastenzeit nicht mit Heldenleistungen glänzen zu wollen, ist für Schwester Lucia ein Teil der bewussten Hinwendung zu Gott. Einmal, so erzählt sie, habe sie für zweieinhalb Monate in Rom gelebt. In diese Zeit ihres Aufenthaltes fiel die Fastenzeit „und ich habe doch so eine Schwäche für das italienische Essen“, bekennt Schwester Lucia. Hin und her habe sie überlegt, wie sie einerseits die lokale Küche genießen und andererseits doch eine kulinarische Zäsur setzen könnte, die ihr die Fastenzeit ins Bewusstsein brächte. „Ich habe dann“, erzählt Schwester Lucia weiter, „zum ersten mal in meinem Leben beschlossen, meinen Tee und meinen Kaffee ungesüßt zu nehmen. Das war schon eine große Überwindung, aber es schien mir ein machbarer Verzicht.“ Lieber sich etwas Kleines vornehmen, aber mit großer Liebe, als etwas Großes mit Hochmut und grämlichem Asketengesicht.

Dazu besteht auch gar keine Veranlassung, gilt doch die Fastenzeit als eine Vorbereitung auf Ostern. „Wir alle sind österliche Menschen“, erklärt die Franziskanerin, „aber ohne Karfreitag keine Auferstehung.“ Die 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Karsamstag (die Sonntage dazwischen sind von den Fasttagen ausgenommen) sollen für den gläubigen Christen auch die 40-tägige Prüfungszeit Jesu in der Wüste nachvollziehbar machen. Dorthin wurde er vom Heiligen Geist geführt.

Hier widerstand er auch den Versuchungen Satans. Welche Gestalt diese Versuchungen annehmen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Gleich für alle, so Schwester Lucia, bleibt jedoch die Wahlmöglichkeit „wen lasse ich siegen – das Gute oder das Böse?“ Der gläubige Christ darf jedoch bei allen Verfehlungen sicher sein: am Ende steht die Barmherzigkeit Gottes. Mit Ostern siegt das Leben und wir feiern die Auferstehung. Aber jetzt ist erst einmal Fastenzeit – alles zu seiner Zeit.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren