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Kritik

20.06.2015

Schauspielprobe an der U-Bahn-Treppe

Der Bremer Reinhard Motzko sagt: Ein Theater soll nur Geld bekommen, wenn es klare Vorgaben der Politik gibt. Und er berichtet, wie das Kulturleben in anderen Städten aussieht

Der Bremer Sozialwissenschaftler Meinhard Motzko spricht aus Erfahrung: „Geld für Kultur an nur einem Ort zu konzentrieren, nämlich am Stadttheater, ohne diesem politische Zielvorgaben zu machen, welche Milieus sie erreichen soll, ist nicht nachhaltig.“ Auf Einladung der 50 Kulturschaffenden, die sich mit der Forderung nach einer Denkpause bei der Sanierung des Stadttheaters an Oberbürgermeister Kurt Gribl gewandt hatten, stellte er seine Methoden zur Entwicklung eines Theaterkonzepts vor. Er rollte die Diskussion nicht aus der künstlerischen, sondern aus einer gesamtstädtischen Perspektive auf und mahnt: „Noch haben Sie hier keine Gettos – noch nicht. In Bremen gibt es zum Beispiel Trabantenviertel, da gehen Sie nachts nicht mehr hin.“ Diese Entwicklung zu drehen, sei politisch und kulturell geboten.

Seit der Bildungsstudie Pisa ist laut Motzko bekannt, dass es vor allem drei bildungsferne Milieus sind, die sich abkoppeln und den sozialen Frieden gefährden können. Sie sind – das geht aus Analysen und Strukturberichten der Stadt hervor – in Augsburg leicht überdurchschnittlich vertreten: 14 Prozent aller Haushalte und 17 Prozent aller Migrantenhaushalte gelten als „hedonistisch-subkulturelles Milieu“. Hier zählt Spaß ohne Aufwand, und es dominieren Verweigerung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft sowie Defizite bei Identität und beruflicher Perspektive. Hinzu kommen etwa acht Prozent sozial, wirtschaftlich und kulturell „Entwurzelte“ sowie das Milieu der „religiös tief Verwurzelten“ mit neun Prozent. Letztere seien „kulturelle Enklaven“ mit rigiden, vormodernen Werten, zu denen christliche Minderheiten und Teile der Muslime zählen. Motzko: „Diese 31 Prozent der Augsburger Bevölkerung sind Teil der Stadt, fehlen aber bei Debatten wie der jetzigen komplett. Auf sie müssen Sie in ihrem eigenen Stadtteil zugehen!“

Er wie auch Kurt Idrizovic und die anderen Unterzeichner des offenen Briefes plädieren für ein trag- und zukunftsfähiges Theaterkonzept, das diese sozial-kulturellen Herausforderungen im Programm und in der Standortauswahl berücksichtigt. Möglicherweise ergeben sich hieraus neue oder auch weniger Funktionen für das Gebäude selbst, sodass eine Sanierung hier neu ansetzen müsse.

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Besuche in den Stadtteilen

Andere Häuser zeigen nach seinen Worten, wie das gehen kann: Beim Schauspielhaus Bochum arbeiten die Künstler zehn Prozent ihrer Arbeitszeit in den Stadtteilen. In Berlin müsse jede Kulturinstitution, die Geld beantragt, eine Publikumsstrukturanalyse vorlegen, also zeigen, welche Milieus sie erreicht. Auch München erhebe diese Daten alle zwei Jahre. Andernorts produzieren Dramaturgen solange mit Jugendlichen an der U-Bahn-Treppe, bis diese den Schritt ins „Große Haus“ wagen.

Um kulturpolitisch vertretbar entscheiden zu können, so Motzko, müsse das Theater empirisch arbeiten. Gleichzeitig müssen die Milieus in den einzelnen Stadtteilen erfasst werden. Außerdem steht ein professionell begleitetes Bürgerbeteiligungsverfahren in seinem Plan, das die Wünsche nach kulturellen Angeboten in den Vierteln aufnimmt. Über diese Vorschläge entscheidet der Stadtrat, reicht sie zurück, und die lokal Aktiven, die für ihren Einsatz bezahlt werden, setzen sie um.

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