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Augsburg

04.06.2013

Sensationsfund in der Barfüßerkirche: Frau findet Jahrhunderte altes Archiv

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Blick in die Kirchenchronik: Sie beginnt 1649.

Das  Barfüßer-Archiv galt seit 1944 als verschollen. Durch Zufall wurde es nun in altem Schrank auf dem Dachboden wiederentdeckt. Doch warum blieb das Archiv so lange unbemerkt?

Renate Kemmether kennt die Barfüßerkirche in der Jakobervorstadt wie kaum eine andere Person. 43 Jahre lang arbeitete sie dort als Mesnerin, kein Winkel war ihr fremd. Bis auf einen Schrank. Pfarrer Hans Meisel hatte ihr vor etwa 40 Jahren gesagt: „Der geht Sie nichts an!“ Daran hielt sich Kemmether. Der Schrank geriet über die Jahre in Vergessenheit. Was sich darin befand, erfuhr sie nicht – bis zu ihrem letzten Arbeitstag vor wenigen Wochen: Bei der Schlüsselübergabe erinnerte sie sich wieder an die Worte Meisels. Da wurde der heutige Pfarrer Frank Zelinsky hellhörig – auch er wusste nicht, was sich in dem Schrank auf dem Dachboden befand. Nachdem er keinen Schlüssel zu dem Schrank finden konnte, brach er ihn noch am selben Tag auf und traute seinen Augen nicht: Von oben bis unten stapelten sich dort historische Dokumente.

Funde geben Einblicke in Kirchengeschichte des evangelischen Augsburg

„Es sind Teile des Barfüßer-Archivs“, sagt Zelinsky. Es galt seit der Zerstörung der Kirche 1944 als verloren: Nach dem britischen Luftangriff vom 25. auf 26. Februar stand bis auf die Außenmauern des Chors nichts mehr. „Bisher hatten wir nur Nachkriegsdokumente und dachten, alles andere sei zerstört“, sagt der Pfarrer.

Weit gefehlt: In dem Schrank finden sich unter anderem Rechnungsbücher, das älteste stammt von 1559. Eine Vielzahl von Akten aus vier Jahrhunderten, unter anderem Sterberegister und Taufregister, sind dabei – alle fein säuberlich in Packpapier eingewickelt und beschriftet. Auch Dokumente aus den Kriegsjahren, zum Beispiel Spendenquittungen für den Wiederaufbau, liegen in dem Schrank, ebenso wie ein Tagebuch aus dem 18. Jahrhundert, in dem die Predigt jedes Gottesdienstes festgehalten ist. Interessant für die Kirche dürfte auch ein Verzeichnis der Grüfte sein: Wer wo begraben liegt, wusste bislang niemand.

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„Das Wertvollste ist wohl ein dreibändiges Kirchen-Memorial, eine Chronik aus den Jahren 1649 bis 1807“, erzählt Zelinsky. Dort ist detailliert aufgeführt, wie sich die Gemeinde nach Reformation und Westfälischem Frieden in Augsburg entwickelt hat. „Es ist eine einzigartige Chronik“, sagt Zelinsky.

Vier Wochen liegt der Fund bereits zurück. Erst gestern informierte der Pfarrer die Öffentlichkeit – denn zunächst warfen Historiker einen Blick auf die alten Dokumente. Professor Rolf Kießling, ehemals Inhaber des Lehrstuhls für Bayrisch-Schwäbische Landesgeschichte, spricht von einem überraschenden und bedeutenden Fund: „Neben den Rechnungsbüchern ist das Memoriale ein besonders wertvolles Einzelstück, mit dem wir vertiefende Einblicke nicht nur in die Geschichte der Barfüßerkirche, sondern auch in die Kirchengeschichte des evangelischen Augsburg gewinnen werden.“

Die Dokumente sind in einem guten Zustand – vermutlich deshalb, weil sie über Jahre in Packpapier eingewickelt waren, das als besonders säureresistent gilt.

Historiker wollen den Fund auswerten

Sie sollen nun von Historikern ausgewertet werden. „Zunächst einmal müssen wir sie inventarisieren, dann werden sie Wissenschaftlern zugänglich gemacht und aufbereitet“, sagt Pfarrer Zelinsky. Drei Jahre werde es dauern, bis die Dokumente der Öffentlichkeit gezeigt werden können.

Dass das Archiv so viele Jahre umbemerkt blieb, wundert Pfarrer Zelinsky. Er selbst sei nie auf dem Dachboden, dort sei lediglich die Wohnung der Mesnerin. „Das war immer ihr Bereich. Tag für Tag ist sie mehrfach an dem Schrank vorbeigelaufen, der dort auf dem Gang vor ihrer Wohnung steht“, sagt er. Besonders für sie sei es nun ein großartiges Abschiedsgeschenk nach 43 Jahren – denn sie habe sich stets für die Geschichte der Barfüßerkirche interessiert.

Reiner Zufall sei es gewesen, dass ausgerechnet an ihrem letzten Arbeitstag dieser Schrank wieder eingefallen sei. „Wir können sicherlich einiges aus diesen Dokumenten lernen“, sagt Zelinsky: „Es ist ein wahrer Schatz.“

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