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Columbia Sportswear

11.11.2019

Sie musste aus Augsburg fliehen und gründete in den USA eine Weltmarke

Gert Boyle, geboren als Gertrud Lamfromm, wurde 95 Jahre alt. In den USA gründete sie die bekannte Modemarke Columbia Sportswear.
Bild: Business Wire

Plus In den USA ist die Senior-Chefin von Columbia Sportswear gestorben: Gert Boyle stammte aus Augsburg, sie floh mit ihrer Familie als Kind vor den Nazis.

Als „Star einer eindrucksvollen Werbekampagne“ würdigt die amerikanische Tageszeitung The Oregonian die vor wenigen Tagen verstorbene Senior-Chefin der Sportbekleidungsfirma Columbia Sportswear, Gert Boyle. Und die Zeitung stellt auf ihrer Online-Ausgabe auch noch mal das Werbe-Video, auf dem Gert Boyle mit bärtigen Hard-Rockern posiert, selber im Muskelshirt, mit tätowierten Oberarmen und extrem coolem Blick. Als „tough mother“ wurde sie damit zur Werbe-Legende.

Gert Boyle wanderte mit ihrer Familie aus Augsburg in die USA aus

Was das mit Augsburg zu tun hat? Sehr viel, denn Mrs. Boyles Leben ist Teil der deutschen Zeitgeschichte, der deutsch-jüdischen und der deutsch-amerikanischen Geschichte. Im Jahr 1924 wurde sie als Gertrud Lamfromm in der Werderstraße 16 in Augsburg geboren, im Bismarckviertel, damals feine Wohnadresse bürgerlicher Familien, auch der jüdischen Familie Lamfromm. Die kleine Gertrud wuchs mit ihren Schwestern Hildegard und Eva und den Eltern in einem schönen Haus mit Garten auf; der Vater Paul Lamfromm führte eine der größten Wäschefabriken Süddeutschlands, die Mutter Marie, eine geborene Epstein, sorgte für die Familie.

Ein Blick auf die Kindheit der kleinen Gertrud zeigt, wie vor 1933 jüdisches Leben zu Augsburg gehörte: Das kleine Mädchen ging in den Kindergarten von Gertrud Dann, der Tochter des Synagogenvorstehers Albert Dann, den diese in der Hochfeldstraße 15 ¹⁄6 eingerichtet hatte, danach in die Wittelsbacher Volksschule. Mit der jüdischen Gemeinde feierte sie das Laubhüttenfest, Chanukka oder Purim, zu Hause, aber auch Nikolaus und Weihnachten. Beim Synagogenbesuch war sie von den seidenen Zylindern der Männer beeindruckt, wie Gertruds jüngere Schwester Eva vor acht Jahren in der Zeitzeugen-Reihe „Lebenslinien“ erzählte.

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Ihre Familie wurde verfolgt und unterdrückt

Die behütete Kindheit von Gertrud und ihren Schwestern fand nach 1933, nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, bald ein Ende. Demütigungen und Ausgrenzungen mehrten sich, aus Ballettschule, Sportverein und Schule wurden sie rausgeworfen. Hildegard, die älteste der Schwestern, konnte 1937 noch Bat Mizwa feiern – die letzte in der Augsburger Synagoge. Paul Lamfromm musste auf Druck der Nationalsozialisten das Wohnhaus und sein Unternehmen unter Wert verkaufen. Die Firma wurde schließlich von den Brüdern Oelkrug gekauft.

Er entschloss sich zur Auswanderung nach Amerika, wo schon Verwandte lebten und die nötige Bürgschaft übernehmen konnten. Andere mussten in Nazi-Deutschland bleiben. Gertruds Großmutter Hedwig Epstein etwa wurde 1942 mit 26 anderen jüdischen Augsburgern ins Lager Theresienstadt deportiert und kam dort um.

Gert Boyle gründete "Columbia Sportswear"

Im Juli 1937 verließ die Familie Lamfromm Augsburg und Deutschland. Sie fand eine neue Heimat in Portland in den Vereinigten Staaten und baute sich mit großer Tatkraft ein neues Leben auf. Paul Lamfromm konnte einen Hut-Großhandel übernehmen, die Töchter arbeiteten neben ihrem Studium kräftig mit. Gertrud studierte Soziologie in Arizona. 1948 heiratete sie ihren Studienfreund Neal Boyle, der in die Firma des Schwiegervaters eintrat, gemeinsam stellten sie auf die Produktion von Freizeit-Kleidung um und gründeten „Columbia Sportswear“. Erster Verkaufsschlager war eine Weste für Fischer mit vielen Taschen. Gertrud, die sich jetzt kurz und knapp Gert nannte, hatte den Prototyp auf ihrer Nähmaschine genäht.

Rückblick auf das Leben von Gert Boyle, Senior-Chefin von Columbia Sportswear.

Video: Columbia Sportwear

Nach dem frühen Tod ihres Mannes im Jahr 1964 wurde sie die Chefin – die drei Kinder waren erst 15, 13 und sechs Jahre alt. Und Gert Boyle baute die Firma zum Marktführer für Outdoor-Bekleidung aus. Unerschrocken – cool – war sie dabei offenbar immer, bis ins hohe Alter. Vor neun Jahren, da war sie schon 86, wurde sie in ihrem Haus überfallen. Der Einbrecher bedrohte sie mit einer Pistole, aber sie drückte trotzdem den Alarmknopf und hielt den Mann in Schach, bis die Polizei anrückte. Und am Einsatz der Polizisten hatte sie trotz überstandenem Schrecken etwas zu kritisieren – dass die nämlich Jacken von Northface trugen, dem Konkurrenten ihrer Firma.

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