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Brechtfestival 2018

26.02.2018

Theaterpredigt: Wenn Gregor Gysi auf die Kanzel steigt

Das Brechtfestival 2018Brechend voll war die evangelische St.-Anna-Kirche zur Theaterpredigt des Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi. Der Berliner sprach über Brecht – und kritisierte den Kapitalismus.
Bild: Fred Schöllhorn

Wie der linke Politiker die Alternative zum Kapitalismus sucht und in der St. Anna-Kirche dafür Beifall erhält. Die Theaterpredigt im Rahmen des Brechtfestivals 2018.

Für ihn war es eine Premiere: Zum ersten Mal sprach Gregor Gysi, die profilierteste Figur der Linken, von einer Kanzel. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht von oben herab spreche“, mahnte der Berliner Bundestagsabgeordnete sich selbst, als er am Sonntag die Theaterpredigt in der dicht gedrängt besetzten Anna-Kirche hielt. Fromm wird Gysi nicht, ein Bekenntnis jedoch legt er auf der Kanzel ab. Eine soziale, gerechte Gesellschaft jenseits des Kapitalismus schwebt ihm vor, aber freilich keine, die die alten kommunistischen Systemfehler Lenins, Stalins und Ulbrichts wiederholt.

Gregor Gysis Lob und Tadel des Kapitalismus

Sein Kronzeuge dafür heißt Bert Brecht, allerdings der dialektische Theatermann, der den Marxismus auch gegen den Strich bürstet und auf der Bühne zur Diskussion stellt. So wie im Stück „Die Maßnahme“ oder – jüngst in Augsburg inszeniert – in „Der Untergang des Egoisten Fatzer“. Dieser und sein Gegenspieler Koch stünden für bestimmte Typen, die übrigens beide untergehen. „Fatzer ist ein Revolutionär von beachtlicher Inkonsequenz und seine Schwäche lässt Koch-Typen großwerden“, erklärt Gysi. Fatzer folgt seinen individuellen Bedürfnissen und drückt sich als Revolutionär aus. Koch wiederum ist der Radikale, weshalb ihn der Dramatiker Heiner Müller in seiner Berliner Inszenierung mit dem RAF-Terroristen Andreas Baader gleichgesetzt habe. Er möchte die Massen mobilisieren, indem er den Staat zu äußerster Gegenwehr reizt – und wenn Unbeteiligte dabei zu Opfern werden. „Der Fehler, den beide begehen, ist, sich von den Massen zu entfernen“, folgert Gysi.

„Brecht fehlten im Fatzer-Fragment aber noch die dramaturgischen Mittel, eine mögliche Haltung vorzuführen und zu diskutieren.“ Diese standen dem Dichter dann in seinem epischen Theater zur Verfügung, dessen Hauptzweck die gesellschaftliche Selbstverständigung war. Daran würde der linke Politiker Gysi gern anknüpfen. Auf der Kanzel benennt er einige Widersprüche der momentanen Weltverfassung – mit Lob und Tadel des Kapitalismus: Der könne eine sehr effiziente Wirtschaft hervorbringen, eine Spitzenforschung und eine Top-Kultur. Aber, wendet Gysi ein, er kann auch einiges nicht. Nicht den Frieden sichern, weil an Kriegen zu viel verdient wird. Keine soziale Gerechtigkeit herstellen, weil er immer die Tendenz hat, die Reichen zu bevorzugen. Der Kapitalismus habe große Schwierigkeit mit der ökologischen Nachhaltigkeit, sobald etwas nicht mehr verkauft werden darf. Schließlich: „Kapitalismus kann demokratisch sein, muss es aber nicht.“

Aus all dem destilliert Gysi die Frage: „Wie komme ich zu einer Gesellschaft, die alles übernimmt, was der Kapitalismus dem Kommunismus voraushat, und all das überwindet, was dieser nicht kann?“ Die Antwort bleibt er schuldig: „Den Vortrag halte ich Ihnen im nächsten Jahr.“ Stadtdekanin Susanne Kasch, die Hausherrin in St. Anna, ist schon gespannt darauf. Hunderte applaudierende Zuhörer offenbar auch.

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