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Augsburg

05.04.2015

Trauer-Telefon: Warum Menschen mit Fremden über den Tod sprechen

Zuhören, reden, Mut machen – das sind die Aufgaben der Trauerbegleiter, die das Trauer-Telefon der Diözese betreuen. Viele Menschen rufen dort an, weil sie über den Verlust eines lieben Menschen einfach nicht hinwegkommen.
Bild: Andreas Brücken

Wenn Menschen mit dem Verlust eines Freundes oder Angehörigen alleine nicht fertig werden, kann es helfen, mit anderen darüber zu sprechen. Das geht auch am Telefon.

Es gibt Situationen, die werden einfach nicht mehr gut. Über die wächst kein Gras, sie lassen sich auch nicht mehr rückgängig machen. So wie der Tod eines nahen Angehörigen. Das Sterben, die Beerdigung, all die Verrichtungen, die damit zu tun hatten, sind vorüber. Das Schwerste scheint geschafft. Und plötzlich diese Stille, in der bei dem, der zurück bleibt, die ganze Verzweiflung hervorbricht.

In solchen Situationen kann es gut tun, sich Menschen anzuvertrauen, die davon wissen. Seit 15 Jahren gibt es in der Diözese Augsburg ein Trauer-Telefon. Jeden Mittwoch, von 19 bis 22 Uhr, können dort Trauernde anrufen – auch wenn der Tod eines lieben Menschen schon Wochen oder gar Monate zurückliegt. Gesprächspartner sind erfahrene Trauerbegleiter. Ein Stamm von zehn Trauerbegleitern aus der Diözese übernimmt diesen ehrenamtlichen Dienst.

Karfreitag, Karsamstag, Ostersonntag. Was die christliche Kirche in diesen drei Tagen feiert, spiegelt in all seiner Dichte den Prozess, dem der Mensch selbst ausgesetzt ist. „Da ist die ganze Brutalität, die Dramatik des Sterbens Jesu am Karfreitag“, sagt Pastoralreferent und Trauerbegleiter Benno Driendl. Er koordiniert das Trauer-Telefon der Diözese. Nach diesem Schrecken des Karfreitags folgt der Karsamstag.

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Trauerbegleiter unterstützen die Anrufenden

„Diese bittere Realität des Todes muss jetzt ausgehalten werden“, erklärt Driendl. Auch die Realität, dass jetzt eine neue Zeit beginnt. „Früher wurden beim Tod eines Menschen die Uhren angehalten“, weiß er. Dieses Ritual machte sichtbar, dass nichts mehr ist, wie es vorher war. Es könne etliche Monate, ja sogar Jahre dauern, „bis sich der Lichtschein des Ostermorgens zeigt, bis sich ein Stückchen Perspektive auftut“.

Dieses Stückchen Perspektive zu erahnen, dabei können die Trauerbegleiter am Trauertelefon die Anrufenden unterstützen. Dieses bewusst niedrigschwellige Angebot, bei dem der Anrufer anonym bleiben kann, erleichtere so manchem, über seine Trauer zu sprechen, weiß Benno Driendl. Da dürfen am Telefon auch Gesprächspausen sein, Schweigen. Es darf geweint werden. Hier gibt es auch keinen unbeholfenen Trost, nach dem Motto: „Du bist ja noch jung, es findet sich für dich bestimmt bald ein neuer Mann“ oder „Du kannst ja noch einmal ein Kind bekommen.“

„Solche Sprüche verletzen“, weiß Benno Driendl. Auch so manche Beziehung ändert sich. Freunde, Bekannte ziehen sich zurück. Das schmerzt. Die Ausdrucksformen dieses Schmerzes sind manchen gar nicht bewusst. „Ist das noch normal?“, fragen sich Trauernde, wenn sie nicht mehr schlafen können, nur noch wenig essen, sich schlapp und müde fühlen oder das Leben um sie herum abläuft wie ein Film. „Dann spiegelt der Körper, was sich in der Seele abspielt“, sagt Benno Driendl.

Durch die Trauer entstehen auch Kräfte

Was bewegt den trauernden Menschen? Was ist bei ihm an eigener Kraft da, mit der Not umzugehen? Durch gutes Hinhören suchen die Trauerbegleiter am Trauer-Telefon nach dem je Eigenen, woraus dieser Mensch schöpfen kann. Gemeinsam wird überlegt, wo sich nach diesem Tod gar Neues zeigen kann. „Wir versuchen, diesem Menschen zu vermitteln, dass trotz oder gerade durch die Trauer Kräfte in ihm sind, etwas Neues aus der Situation erwachsen zu lassen“, so Driendl.

Der Pastoralreferent und Trauerbegleiter erinnert sich an eine Frau, die nach dem Tod eines ihrer Kinder „ein einziges Angstbündel“ war. Was kann dieser Frau in ihrem Alltag Sicherheit geben? fragte Driendl bei der Begleitung – und es fanden sich kleine Hilfen, etwa die Unterstützung durch die Nachbarin. „Oft schon ist dann ein kleines Aufatmen da.“

Ein Wandlungsprozess ist spürbar. Der Ostermorgen bricht an.

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