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01.07.2010

Ungeliebtes Rokokopalais

Glückliches Köln: Da standen die Bürger auf, um ihr Schauspielhaus zu erhalten. Ein Engagement, wie es die Kölner für den nüchternen Nachkriegsbau zeigten, ist für die Komödie seit den frühen 1980er Jahren nicht mehr bekannt. Dabei hätten die Bürger am Lech weit mehr Grund gehabt, sich für ihr kleines Schauspielhaus einzusetzen - ein veritables Rokokopalais.

1764/65 errichtete es der Barockbaumeister Leonhard Christian Mayr für die Familie Gignoux als Kattunmanufaktur und Wohnhaus. Im Handwerkerviertel der Lechkanäle entstand ein repräsentatives Gebäude, das von Stolz und Erfolg des Industriepioniers Gignoux erzählt: ein selbstbewusst auskragender Erker, ein stattliches Korbbogen-Portal, herrschaftliche Dreiecksgiebel und Ziervasen über den Fenstern. Und vor dem schmucken Haus ein kleiner Platz.

Auf dem hielten sich die Theaterbesucher - gutes Wetter vorausgesetzt - gern auf, auch wenn der Blick auf die zunehmend verfallende Schaufassade traurig stimmte. Trotzdem standen sie lieber draußen als drinnen in der Toreinfahrt. Die hatte für das Theater zwar die Funktion eines Foyers, war aber so lieblos gestaltet und dermaßen zugig, dass keine rechte Freude aufkommen wollte. Da halfen auch die vom Holzbildhauer Urban Ehm heiter-figurativ gestalteten Türen zum Innenhof nichts, die bei einer Sanierung 1988 angebracht wurden.

Überhaupt war diese Sanierung ziemlich halbherzig. Die Wände im Zuschauerraum wurden gestrichen, die Bühne etwas vergrößert und technisch aufgerüstet, aber die betagten Sitze - aus dem aufgegebenen Emelka-Kino in die Komödie herbeigeschafft - wurden nicht ausgetauscht. Diese Sessel mit ihren durch den abgeschabten Samt stoßenden Sprungfedern konnten einen Theaterabend in der Komödie zur Leidensgeschichte machen, ebenso wie die schlecht funktionierende Lüftung, die den Besuchern in den hinteren Reihen regelmäßig Atemnot bescherte.

Nicht schade also um die Komödie als Spielstätte? Doch, es ist sehr wohl schade, dass ein hochwertiges Baudenkmal mitten im malerischen Lechviertel, dem Herzen Augsburgs, nicht für die darstellende Kunst modernisiert wurde, dass nun nicht mehr regelmäßig kulturinteressierte Bürger ins Lechviertel gezogen werden. Was wird demnächst wohl einziehen in das schöne Palais der Familie Gignoux? Ein 1-Euro-Shop? Ein Sportgeschäft? Ein Spielsalon? Vielleicht stehen die Bürger dann auf.

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