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Augsburger Geschichte

15.06.2017

Von der Textilfabrik zur Hochschule

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2 Bilder
Das Schüle’sche Fabrikschloss im Jahr 1795. Der „Fabrikhof“ war ein Park, in den ein Portal mit dem vergoldeten Schüle’schen Wappen führte.
Bild: Sammlung Häußler

Seit zehn Jahren beherbergt die frühere Schüle’sche Kattunmanufaktur Studenten. Um 1785 arbeiteten rund 3500 Menschen für den skrupellosen Unternehmer.

Schon Ende der 1980er Jahre beklagte die Staatliche Fachhochschule Augsburg die beengten Verhältnisse im „Campus am Brunnenlech“. Vor zehn Jahren kam der „Campus am Roten Tor“ auf dem Areal der einstigen Schüle’schen Textilmanufaktur dazu. Vor zehn Jahren fand die Einweihung statt. Beim Festakt übergab der damalige bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel die Schlüssel an den Rektor der Fachhochschule. Danach war bei einem Tag der offenen Tür jedermann zu einem Campusfest und zur Besichtigung der Gebäude eingeladen. Die Fakultäten präsentierten sich mit Ausstellungen und Vorführungen.

Beim Einzug der Hochschule stand vom 1770/72 durch Johann Heinrich Schüle errichteten dreiflügeligen Trakt nur mehr der Kopfbau. Wie die schlossartige Textilmanufaktur ursprünglich aussah, als darin „Cotton“ (Kattun) der besten Qualitäten veredelt und bedruckt wurde, überliefern Bilder. Sie zeigen die langen Seitenflügel, die durch moderne Trakte mit Ganzverglasung ersetzt sind.

Makellose Erzeugnisse

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Eine Rückblende: Schüle wurde 1720 in Künzelsau geboren, kam 1745 nach Augsburg und heiratete die Tochter eines Textilhändlers. Seinen beispiellosen Aufstieg zum „Textilzar“ schaffte er zum einen durch makellose Erzeugnisse höchster Qualität, zum anderen durch skrupelloses Geschäftsgebaren und rücksichtsloses Verhalten gegenüber seinen Beschäftigten. Johann Heinrich Schüle kaufte anfangs hochwertige Kattune in großen Partien ein, ließ sie durch renommierte Firmen bedrucken und verkaufte die Fertigware weiter.

Bald ließ er selbst bleichen, appretieren (veredeln), färben und drucken. Er missachtete reichsstädtische Gewerbegesetze und scheute keinen Konflikt. Bei der Durchsetzung seiner Vorhaben war er ohne Skrupel. Die alteingesessenen Kattundrucker beschwerten sich beim Rat der Stadt. Auch die Weber klagten: Schüle führe riesige Mengen englischer und ostindischer Kattune ein und lasse ihre Tuche liegen. Er nehme ihnen das Brot. 1766 kam es zum Eklat. Schüle wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und verließ verärgert zeitweise die Stadt. Er reichte gegen die Auflagen Klage beim Reichsgericht in Wien ein und bekam 1768 recht. Die Geschäfte liefen bestens. Der Unternehmer gab 1770 den Bau einer schlossartigen Dreiflügelanlage mit Produktions- und Verwaltungsräumen vor dem Roten Tor in Auftrag. Ab 1772 durfte er sich „Edler von Schüle“ nennen. Das von Kaiser Joseph II. verliehene Wappen prangte über dem Einfahrtsportal in den parkartigen Fabrikhof. Es befindet sich jetzt im Augsburger Textil- und Industriemuseum („tim“) in der einstigen Kammgarn-Spinnerei.

Hotel musste schließen

Ab 1772 entwarfen Künstler im Fabrikschloss Muster, schufen Modelschneider Druckstöcke und Kupferstecher Druckplatten. Feinste ostindische Stoffe und die besten einheimischen Gewebe wurden bedruckt sowie mit Gold und Silber bemalt. Um 1785 arbeiteten rund 3500 Menschen für Schüle. Doch selbst ein kaiserlicher Schutz- und Freiheitsbrief für die Luxusstoffe konnte den 1785 beginnenden Niedergang des Unternehmens nicht stoppen. 1792 übernahmen es zwei Söhne. Sie schrieben nur rote Zahlen. Um einen Konkurs abzuwenden, übernahm der Firmengründer als 82-Jähriger wiederum die Geschäftsführung. 1808 musste er sein „Fabrikschloss“ dicht machen. Im April 1811 starb er. 1812 wurde aus der Kattunmanufaktur die Lotzbeck’sche Tabakfabrik. 1828 kaufte sie der Cafetier J. A. Lutz. Als im Oktober 1840 in nächster Nähe der erste Augsburger Bahnhof in Betrieb ging, ließ er einen Teil der Dreiflügelanlage zum Bahnhofshotel umbauen. 1846 löste der Hauptbahnhof den Kopfbahnhof vor dem Roten Tor ab. Das Hotel musste schließen. Es folgten Nutzungsänderungen: Ab 1857 fertigte darin die Dellefant’sche Fischbeinfabrik Korsetts. Sie musste 1871 Konkurs anmelden. Ein Hamburger Unternehmer, transferierte die technische Einrichtung in die Hansestadt.

Die Gebäude erwarb der Weber Michael Nagler (1828-1895) und baute darin ein über 100 Jahre florierendes Textilunternehmen auf. Einige Zahlen: 1905 wurden auf 177 Webstühlen 240000 Kilo Garn zu 1,62 Millionen Meter Baumwollstoff verwoben. 1952 verließen über vier Millionen Meter Miederstoffe, Futterstoffe und Spezialgewebe die Fabrik. Das Geschäft boomte. Der Hof wurde nach und nach großteils überbaut. 1980 richtete die vierte Nagler-Generation eine neue Veredelungsanlage ein.

Erlaubnis zum Abbruch

Das große Sterben in der deutschen Textilindustrie machte vor den „Textilwerken Nagler & Sohn“ nicht Halt: 1989 kam der Produktionsstopp. Es folgte der Verkauf an eine Immobilienfirma. 1994 kam das Industriedenkmal als neuer Campus der Fachhochschule ins Gespräch. Im April 1996 wurde der Nordflügel abgebrochen, im November 1996 gab der Stadtrat die Erlaubnis zum Abbruch des Südflügels.

Am 4. Februar 1997 beschloss der Bayerische Landtag den Kauf des Areals für 26 Millionen D-Mark. Es dauerte bis 2003, ehe die Sanierung des historischen Kopfbaus, der Neubau der Flügel und der Umbau jüngerer Gebäude in Gang kam. 2006 konnte die Fachhochschule einziehen. 2008 wurde daraus die „Hochschule angewandte Wissenschaften (University of Applied Sciences)“ mit sieben Fakultäten und derzeit rund 6200 Studierenden.

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