1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Wer sind wir Deutschen?

1000 Deutsche im Porträt

29.04.2016

Wer sind wir Deutschen?

„Heimat. Deutschland – Deine Gesichter“ heißt Carsten Sanders Werk aus insgesamt 1000 Porträts, das derzeit in Mönchengladbach zu sehen ist.
Bild: M. Skolimowska, dpa

Debatte Zwischen „German Angst“ und „German Power“ – Deutschland steht nach innen und außen vor großen Fragen. Ist eine neue Selbstbestimmung nötig, um sie zu beantworten?

„Die Welt zu Gast bei Freunden“ – zehn Jahre ist es her, dass Deutschland zur Fußball-WM mit diesem Slogan für sich warb. Dass das Feiern in schwarz-rot-goldenen Fahnenmeeren als unverkrampfter Patriotismus gelten durfte, dass dies nun endlich auch hier möglich war. Dass dieses Land aus einer weltweiten Umfrage als das beliebteste aller Länder hervorging. Imagebestimmend: verbreiteter Wohlstand, Stabilität und Sicherheit – und diese neue Offenherzigkeit. Gut 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs: Deutschland wirkte nach innen mit sich versöhnt und nach außen mit einem freundlichen Gesicht.

Sind das wir?

Heute, zehn Jahre später, erste Szene, Mönchengladbach. Dort ist ein Werk des Fotografen Carsten Sanders erstmals ausgestellt. Er hat über Jahre hinweg 1000 Deutsche porträtiert und daraus ein riesiges Bild zusammengefügt. Schauen Sie genau hin, der Ausschnitt oben, Sie werden Prominente entdecken: die Politiker Claudia Roth, Frank-Walter Steinmeier und den inzwischen gestorbenen Hans-Dietrich Genscher, die Sportler Heiner Brand und Oliver Bierhoff, die Schauspieler Veronica Ferres und Mario Adorf, Heavy-Metal-Königin Doro Pesch und Internetaktivist Sascha Lobo … – zwischen noch mehr völlig Unbekannten, Obdachlosen und Anwälten, Kindern und Alten, Migrant neben Urbayer.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Das Werk heißt „Heimat“ und wird in der Grabeskirche St. Kamillus präsentiert. Der Fotograf sagt, er möchte damit „einen Ruck im Bewusstsein“ auslösen – vor dem Hintergrund der Flüchtlingsdebatte. Mit dem Untertitel „Deutschland – Deine Gesichter“ präsentiert er: „90 unterschiedliche ethnische Gruppen“.

Sind das wir?

Zweite Szene, London. Von dort ist nun ein Buch, ins Deutsche übersetzt, erschienen, von Hans Kundnani, einem Experten für internationale Beziehungen. Es trägt den Titel „German Power“ (C.H. Beck, 207 S., 18,95 ¤) und beschreibt das aktuelle Bild Deutschlands, zusammengefasst im „Paradox der deutschen Stärke“. Gemeint ist die Rückkehr einer Erscheinung, die bereits 1871 die Stellung des Landes charakterisiert hatte und bald zum Problem geworden war: Deutschland ist ein starker Staat in der Mitte Europas – zu stark, um nur einer von vielen zu sein, zumal jetzt im Verbund der EU. Aber nicht stark genug für eine Stellung als Hegemonialmacht?

Mit seiner wirtschaftlichen Stärke steht es zusehends in dieser Position – auch auf Kosten der anderen. Zwei Ängste sind damit wieder in der Welt: Eine „German Angst“ – Deutschland nämlich fürchtet sich vor einer Einkreisung durch die Interessen anderer, wie etwa in der Eurokrise durch die Schuldnerstaaten, und setzt sich machtvoll für sein Austeritätsprinzip ein. Zugleich eine Angst vor Deutschland, die vor allem in Süd-, aber auch in Osteuropa zur Rückkehr alter Ressentiments führt. Und dann geriert sich dieser eben noch machtvoll andere reglementierende Staat in der Flüchtlingskrise als moralischer Vorreiter und fordert europäische Solidarität ein. Fatal.

Die Folgen: Isolation nach außen, weil sich viele europäische Länder nun betont national gegen die Einflüsse der Vorreitermacht abgrenzen; und daraufhin dann eine Belastung Deutschlands im Inneren (auch hier „German Angst“). Die Analyse von Hans Kundnani sagt: Die neue deutsche Stärke also hat wieder zu Chaos und Instabilität in Europa geführt.

Sind wir das?

Zwei Szenen. In der einen steht uns die Herausforderung im Inneren in tausend Gesichtern vor Augen, in der anderen spiegelt eine provokante Analyse die Herausforderung im Äußeren. Eben diese Herausforderungen sind es, auf die manche nun mit wachsendem Erfolg einfache Antworten liefern. Als müsse zehn Jahre nach dem schwarz-rot-goldenen Sommermärchen das Gesicht wieder Entschlossenheit zeigen, als könne „Power“ auf „Angst“ nur durch Abkehr antworten, eine Besinnung aufs Eigene, Deutsche. Zumal in Zeiten des Terrors.

Sind das wir?

Heimat, die Welt zu Gast bei Freunden – Fotograf Sander sagt: Deutschlands Gesicht werde sich nicht verändern, „es hat sich längst verändert“. Auch die neue Selbstbestimmung also: unnötig, weil längst vollzogen. Als Macht, wieder mitten in der Welt, mit ihrem Chaos und ihrer Instabilität. Eher täte Besinnung not. Denn je mächtiger wir sind, desto mehr Verantwortung tragen wir dafür. Innen und außen.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Ob Park, Strand oder Freibad - den Sommer 2018 verbrachten viele Deutsche im Freien. Foto: Christoph Soeder
Interaktive Karte

Plus Das sind die besten Grillplätze in Augsburg

ad__pluspaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live, aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Plus+ Paket ansehen