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Interview

16.03.2015

„Wer singt, vergisst seine Sorgen“

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Bild: Annette Zoepf

Tausende Menschen engagieren sich in Gesangsvereinen in der Region. Trotzdem ist es nicht mehr so einfach wie früher, Nachwuchs zu finden. Vor allem die Männer lassen sich bitten – und es gibt auch andere Probleme

Einst brachte es Prestige, dem Gesangsverein anzugehören. Heute nennen nur wenige Menschen das Chorsingen als Freizeitbeschäftigung. Was hat sich verändert? Haben die Chöre im Großraum Augsburg noch eine Zukunft? Ein Gespräch mit Helmut Krämling, Präsident des Augsburger Sängerkreises.

Was ist das Schöne am Singen?

Helmut Krämling: Wenn Sie den ganzen Tag arbeiten und gehen abends zur Chorprobe – Sie vergessen hundertprozentig Ihre Tagessorgen. Singen ist innere Erholung und schafft Ausgeglichenheit. Auch Sport gibt Zufriedenheit, aber ich würde sagen, das eine ist mehr für den Körper, das andere für die Seele. Wenn ich im Konzert singe, dann ist das allerdings auch körperliche Arbeit für eineinhalb Stunden – genau wie beim Fußball. Am Ende bekommt der Chor Applaus, das heißt: Den Zuhörern tut das auch gut.

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Was sagen Sie Leuten, die behaupten: „Ich kann nicht singen“?

Krämling: Jeder kann singen. Wenn jemand sich ständig Gedanken macht, ist das für ihn und für den Chor nicht angenehm. Dann hört er schon auf. Manchmal wird Zwang ausgeübt, nur damit ein Mann mehr auf der Bühne steht. Der Chorleiter muss feinfühlig sein und einen Neuen in die Chorgemeinschaft einbinden, dann tut er sich leichter.

Man hört oft von Chören, vor allem Männerchören, die sich auflösen. Muss Ihnen vor der Zukunft bange sein?

Krämling: Was uns weiterhilft, ist die Jugend, sind die Schulen. Ich habe in der letzten Woche drei Singklassen mit Chor dazubekommen. Darum haben wir im Verband auch ungefähr ein Drittel Kinder und Jugend, 31 Schulchöre, meist in den Gymnasien. Daraus resultiert später unser Sängerpotenzial. Wir können unbesorgt sein, wenn mal ein Chor aufhört, meist aus Altersgründen. Es gleicht sich aus und es entstehen neue Gruppen – nicht mehr Vereine, aber Chorgruppen. Wir haben ein sehr gutes Fundament in unseren Chören.

Lassen die etablierten Vereine Veränderungen durch neue Mitglieder zu?

Krämling: Die Chöre öffnen sich schon. Sie wollen ja weiter bestehen. Bloß: Der Zuspruch der jungen Leute hält sich in Grenzen. Da muss der Chor sein Liedgut an die Zeit anpassen. Den Nachwuchs muss man überzeugen. „Junge Sänger“ bedeutet bei unserer Altersstruktur, dass die ab 40 Jahre sind. Dann ist der Fußball vorbei, die Familie gegründet, dann haben sie ihr Haus gebaut und wieder mehr Zeit für solche Dinge.

Hat der Gesangsverein auf dem Land noch einen größeren Stellenwert?

Krämling: Das ist richtig, aber uns laufen überall nicht mehr automatisch die Leute zu, sondern man muss sie holen. Das kann ich nur, wenn ich ein Projekt mache, wenn ich etwas in Szene setze.

Wie kommt es, dass es oft an Männerstimmen fehlt?

Krämling: Ich glaube, dass das Frauenbild sich geändert hat. Die Frauen bringen sich mehr ein. Die Männerstimmen bekommt man dagegen oft gerade noch zusammen. Besser ist es, wenn der Männeranteil größer ist, damit nicht die hellen Stimmen der Frauen zu dominant sind.

Wie beurteilen Sie den Kulturwandel von „Am Brunnen vor dem Tore“ zu Gospel und Musicalhits?

Krämling: Man muss für alle Musikrichtungen offen sein. Die Klassik sollte nicht zu kurz kommen, das ist das Handwerkszeug. Das wäre ein Drittel der Sache. Ein Drittel muss ich dem Chorleiter freigeben, und das letzte Drittel muss von den Sängern kommen. Erstaunlicherweise haben die Chöre an Musicalsongs oder Filmmusik ganz schön zu knabbern. Klassische Musik ist wesentlich einfacher zu erlernen, als das Neue mit all den Halbtönen, Schwingungen und Rhythmen.

Interview: Andreas Alt

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