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Augsburger Geschichte

29.11.2017

Wo Moralpredigten für Stadträte zu finden sind

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3 Bilder
Der Perlachturm und das gotische Rathaus im Stadtplan von 1521. Im Eingangsbereich hing ab 1564 die Mahnung an die Ratsherren.
Bild: Sammlung Häußler

Eine Steintafel aus dem Jahr 1564 gewährt besondere Einblicke in die damalige Zeit. Sie befindet sich im Maximilianmuseum. Warum die Merksätze heute noch gültig sind.

Das Maximilianmuseum hält Augsburgs Vergangenheit lebendig. Alle Exponate verkörpern in irgendeiner Weise Stadtgeschichte. Dazu zählen zahlreiche Überbleibsel aus dem vor über 400 Jahren abgebrochenen gotischen Rathaus, dem Vorgängerbau des 1620 eingeweihten heutigen Renaissance-Rathauses. Ein Aktenregal ist das größte Objekt, darüber zieht eine großformatige Wappentafel von 1549 die Aufmerksamkeit auf sich. Daneben hängt eine Inschriftplatte aus dem Jahr 1564. Die Exponate stammen aus dem gotischen Rathaus. Auch dieser Bau ist auf Bildern und als Modell im Museum überliefert.

Schlagworte in Frakturschrift

Die 33 mal 45 Zentimeter große sandfarbene Kalksteinplatte wirkt nicht spektakulär, doch sie ist ein ganz besonderes Relikt. Als Museumsobjekt findet die Platte kaum die ihr eigentlich gebührende Beachtung. Das liegt unter anderem daran, dass sich die in ornamentalem Zierrat eingefügte Beschriftung kaum abhebt und schwer lesbar ist. Nur ein paar Schlagworte in Frakturschrift sind zu entziffern.

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Ein Hinweisschild informiert: „Die Tafel hing ursprünglich im Eingang des gotischen Rathauses und ermahnte die Ratsherren, in Verantwortung vor Gott und ohne Parteinahme ihr Amt auszuüben.“ Lesbar ist für den Kenner der Frakturschrift die Zeile unter dem Reichs- und dem Stadtwappen: „Halt die gebot!“ Das steht über der linken symbolisierten Gesetzestafel, „Befrut dir got“ über der rechten.

Zehn Gebote

In einem vor über 450 Jahren gebräuchlichen Deutsch sind Glaubens-, Moral- und Verhaltensregeln in Anlehnung an die Zehn Gebote auf symbolisierten Gesetzestafeln formuliert. In Erscheinung treten größere Schlagworte zwischen den Zeilen. Fügt man Wort an Wort, ergibt sich eine Empfehlung: „Liebe Gott deinen Herrn gentzlich“ (linke Seite) und „Und Deinen Negsten Alls Dich“ (rechts). In heutiger Sprache: „Liebe Gott uneingeschränkt und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Im unteren Teil der Tafel wechseln Schrifttyp und Sprache. Dieser Bereich befand sich am ursprünglichen Platz sicherlich in Augenhöhe. Der Inhalt macht klar, warum die Tafel im Eingangsbereich des alten Rathauses angebracht war – an einer Stelle, an der sie alle Ratsherren beim Betreten wahrnehmen mussten. Die Ratsherren der Reichsstadt waren die Ururvorgänger heutiger Stadträte. An sie wendet sich der Text in klassischem Latein. Diese Sprache beherrschte im 16. Jahrhundert jeder Gebildete. Die Formulierungen büßen in der Übersetzung nichts von ihrer Eindringlichkeit ein: „Der du als Ratsherr kraft deines Amtes das Rathaus betrittst, wirf die privaten Gefühle vor dieser Schwelle von dir: Zorn, Gewalttätigkeit, Hass, Freundschaft und Schmeichelei! Unterstelle der öffentlichen Sache Person und Bemühung! Denn wie du anderen ein gerechter Richter warst und ein ungerechter, so wirst auch du Gottes Gericht erwarten und erleiden!“

Die Jahreszahl „M.D.LXIIII“ (1564) dokumentiert das Jahr der Aufhängung im gotischen Rathaus. Zu dieser Zeit amtierten als Stadtpfleger (Bürgermeister) in der paritätisch regierten Reichsstadt Heinrich Rehlinger (evangelisch) und Christoph Peutinger (katholisch).

Als Museumsexponat weit weg von den Stadtpolitikern

Es ist anzunehmen, dass sie –vielleicht aus damals aktuell gegebenem Anlass – die dringliche Mahnung an die Ratsherren anbringen ließen. Die Merksätze wurden zwar vor über 450 Jahren verfasst und in Stein geätzt, doch sie sind auch in unserer Zeit noch gültig. Das gotische Rathaus wurde vor über 400 Jahren abgebrochen. Die „altmodische“ Tafel passte stilistisch nicht mehr ins neue Holl’sche Rathaus. Sie wurde aber nicht vernichtet. Als Museumsexponat ist die Steinplatte jedoch weit weg von den Stadtpolitikern, die jetzt im Rathaus tagen. An sie richtet sich nach wie vor der Text.

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