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Ausstellung

30.07.2020

Die Kunst des Bernd Zimmer: So nah, so fern

Bernd Zimmer in der Galerie Noah, umgeben von einigen seiner Bilder.
2 Bilder
Bernd Zimmer in der Galerie Noah, umgeben von einigen seiner Bilder.
Bild: Michael Hochgemuth

Der Maler zeigt sich in der Galerie Noah von zwei Seiten. Von Baum und Wasser geht der Blick ins All. Das ist faszinierend anzusehen.

Über Bernd Zimmer, 72, darf man sich wundern, über seine Konstanz in der Kunstszene über all die Jahre hinweg. 1979, als die „Heftige Malerei“ die Bilderwelt aufmischte, stellte er zusammen mit Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Salomé im Berliner Haus am Waldsee aus. Zwei Jahre zuvor hatte er zum Kern der in Berlin-Kreuzberg gegründeten, wirkmächtigen Galerie am Moritzplatz gehört. Und doch fiel Zimmer als „Landschafter“ von Beginn an aus dem Rahmen der „Jungen Wilden“.

Die Natur-Linie lässt sich bis in die Gegenwart verfolgen. Sie bricht sich in Bildtiteln wie „Ursprung“, „Zweite Natur“, „Kristallwelt“, „Reflexion“, „Im Fluss“ oder, gegriffen aus der jüngsten Ausstellung in der Galerie Noah, „Hochwald. Weiher“, „Baum. Reflex“ – und „Sound of Silence“. Unter diesem Oberbegriff firmiert die von Galeristin Wilma Sedelmeier (zusammen mit dem Künstler) konzipierte Schau mit knapp 30 Bildern, überwiegend aus den Jahren 2018/19.

Von der Voyager-Sonde auf die Erde

Sind da am Ende zwei Künstler ans Werk gegangen, einmal der „Landschafter“ und dann der „Sternen-Gucker“? So scheint es zunächst. Und doch führt der Weg vom einen zum anderen. Denn in beiden Feldern dominiert nicht nur Zimmers vorzüglicher Farbeinsatz, sondern da wie dort liegt auch ein konkreter Ursprung zugrunde – im ersten Fall der Gang in die Natur, der sich bei Zimmer nie in Skizzen niederschlägt, sondern das Erinnerungsreservoir auffüllt, aus dem er im Atelier schöpft. Im zweiten Fall seiner „Cosmos“-Serie stützt sich der Künstler auf Aufnahmen, die Voyager-Sonden bzw. das Hubble-Teleskop zur Erde schickten.

Die Kunst des Bernd Zimmer: So nah, so fern

Bernd Zimmer scheidet in seinen „Reflexionen“ die Zonen von oben und unten, die Vertikale der dunkel ragenden Bäume, die wie das Rückgrat der Acryl-Leinwände anmuten, und die Horizontale des Wasserspiegels. Das wirkt aber nur in den kleinformatigen Lithografien/Holzschnitten mit ihrem mittigen Lichtfall austariert und schematisch. Im Großformat hingegen unterlaufen fein gestimmte Farbpassagen die klare Bildanlage. Das zwischen Nah- und Fernsinn geführte Betrachterauge schwankt zwischen Naturanalogie und einem Spektrum von Abstrahierungen, zu denen überdies völlig eigensinnige malerische Inseln beitragen. So mischen sich in „Baum. Reflex“ (2017) überraschend Purpurtöne. In „Gleißend. Reflexion“ (2012/13) pointieren Rottupfer die Grün- und Gelbübergänge. Im Bild „…die ein Blau von Ferne spiegeln“ (2008), das schon im Titel die (abgründige) Romantik aufruft, setzt der Künstler die horizontale Linie verblüffend hoch an. Anderswo schiebt sich der Farbnebel vor die Orientierung. Oder die wie Mahnmale dräuend ins Grellgelb gestellten Stämme, unten sekundiert von eigenständig-lebendigen Spiegelungen, erreichen fast schon surreale Qualität.

Bernd Zimmers Acrylbild „Das geheime Leben der Sterne 4“ aus dem Jahr 2017.

Man weiß, dass der Künstler die Leinwände oft auf den Boden legt, die Farben auskippt, verlaufen lässt, streicht. Es geht um (mitreißende) Übergänge, um Mal- und Naturverläufe, um fließende Dynamik jenseits der Deskription, im Grunde um den Prozess der Sichtbarkeit. Diese von Menschenfiguren völlig freigehaltenen Bilder haben nichts Besitzanzeigendes.

Bernd Zimmer ist weit gereist. Er ist durch die Wüsten Libyens und Namibias gegangen, durch die Canyons in Arizona. Er war, gleichsam auf Gauguins Spuren, in der Südsee. Davon zeugen seine (gemalten) Tiki-Figuren, menschenähnliche, mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattete Gestalten, die zurzeit zusammen mit Südsee-Objekten im Münchner Museum Fünf Kontinente ausgestellt sind (bis 28. Februar 2021). Zimmer hat auch Indien bereist und sich von den hinduistischen bzw. antiken Tempelanlagen zu seinem (internationalen) Großprojekt „Stoa 169“ inspirieren lassen, das an der Ammer nahe seinem Wohnort Oberhausen bei Polling entsteht.

Der Winzling unten kann nur staunen

Bleibt der Blick des oberbayerischen Kosmopoliten (mit philosophischen und religionswissenschaftlichen Neigungen) ins All. Er holt dank seines stupenden Farbempfindens die leuchtende Energie der Galaxien, Sterne und Planeten ins Acrylbild, konfrontiert mit unaufhörlicher Interaktion und Expansion und verwandelt den Schrecken des angesichts unvorstellbarer Dimensionen verlorenen Betrachterwinzlings in Schönheit (die im Kleinformat teils doch etwas glatt wirkt). Das so Ferne ist ganz nah. Der Astrophysiker Harald Lesch erinnert uns daran, dass die Lebewesen auf der Erde zu 92 Prozent aus Sternenstaub bestehen.

Bis 20. September in der Galerie Noah (Glaspalast); Dienstag bis Donnerstag 11 bis 15, Freitag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Katalog liegt auf.

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