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Premiere

09.03.2020

Die oder wir? Das ist die Frage im Sensemble Theater

Petra Wintersteller und Olaf Dröge in "Waisen" im Sensemble Theater.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus Ein Trio ringt um Wahrheit: Sensemble Theater spielt „Waisen“ und fordert den Zuschauer auf, Position zu beziehen.

Das eine ist: Wie ist die brutale Tat genau abgelaufen, und wer ist der Täter? „Waisen“, das Stück des britischen Erfolgsautors Dennis Kelly, das im Theater Sensemble Premiere feierte, fordert den Zuschauer aber auch zur Positionsbestimmung heraus: Darf man vom Recht abweichen, wenn das Opfer offenkundig ein „böser Mensch“ und der Täter womöglich ein Familienmitglied ist?

Liams Geschichte ist nicht hieb- und stichfest

Liam platzt blutbesudelt in die heile Welt seiner Schwester Helen und von deren Mann Danny herein. Er hat vor dem Haus einen „jugendlichen Araber“ blutüberströmt „gefunden“. Angeblich wollte er sich um den Schwerverletzten kümmern, hat ihn dann aber „in Panik“ liegengelassen, worauf der dann „weggerannt“ ist. Was tun?

Die Polizei holen – wegen eines solchen „Tiers“? Während sich Liams Geschichte allmählich als nicht so hieb- und stichfest erweist, bringt er die Beziehung von Danny und Helen ins Wanken. Danny, der anständige Bürger, würde einen Krankenwagen rufen, mit allen Konsequenzen: Zeugenaussagen, vielleicht ein Gerichtsverfahren. Helen schützt kompromisslos ihren Bruder, auch wenn der zu Gewalt neigt und schon vorbestraft ist. Beide hatten als Kinder ihre Eltern verloren. Für Liam, den „Pechvogel“, ist Danny ein Vorbild – liefert man den ans Messer? Helen bringt den Konflikt auf den Punkt: „Die oder wir!“

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Ein moralisches Kammerspiel

Probleme mit Parallelgesellschaften, ein erschüttertes Vertrauen in den Staat – auch wenn „Waisen“ schon 2010 geschrieben wurde, sind Bezüge zu aktuellen bundesrepublikanischen Verhältnissen und Befindlichkeiten zu entdecken. Regisseur Jörg Schur interessiert sich aber besonders für die meisterhafte Konstruktion des moralischen Kammerspiels und inszeniert es in äußerster Konzentration auf das Wesentliche.

Einen erheblichen Beitrag leistet das ausgezeichnete Darstellertrio. Die spektakulärste Rolle hat Olaf Dröge als Liam, der damit seinen Einstand beim Sensemble gibt. Das Kraftzentrum bildet jedoch Petra Wintersteller als Helen, eine hauptsächlich emotional gesteuerte, damit auch widersprüchliche Frau. Die Münchner Schauspielerin debütiert ebenfalls in Augsburg. Heiko Dietz ist Danny, der sich fürs Gemeinwesen verantwortlich fühlt. Er ist rational, besonnen, aber am Ende ebenfalls verstrickt. Die Drei diskutieren in einer realitätsnah abgehackten, mit vielen Verwünschungen durchsetzten Sprache.

Während Liam seine wackelige Story auftischt und Danny und Helen sich immer wieder mit ihren Lösungsansätzen verhaken, wird das Publikum wiederholt zu befreiendem Lachen gereizt. Am Ende bleibt dafür aber kein Raum mehr – nur die Erkenntnis: Würde ich nicht auch so – falsch – entscheiden?

bis 25. April

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