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Tuiachs Thesen

14.11.2018

Kolumne: Flirten ade

Der Kabarettist Silvano Tuiach denkt über die moderne Form des Flirtens nach

Ja, manchmal verstehen wir „Alten“ den Fortschritt nicht mehr. Aber liegt das dann an mir oder an den oft ziemlich absurden Veränderungen? Mir fallen jetzt die späten 1960er Jahre ein, als wir die Haare lang wachsen ließen und grüne Parkas trugen. „Gammler“ wurden wir genannt. Und die Generation der zwischen 1910 und 1930 Geborenen verstand die Welt nicht mehr und bezichtigte uns Junge der Verwahrlosung. Und so wie die späten 1960er und 70er Jahre die Gesellschaft veränderten und viele „Alte“ ratlos zurückließen, so scheint mir die Situation im Jahre 2018 ähnlich.

Der Niedergang der Kneipen als Kontaktbörse

Jetzt gehöre ich nicht mehr zu den „Gammlern“, sondern zu den „Alten“. Unlängst las ich in der Zeitung, dass ein Flirt „auf Augenhöhe“ ablaufen muss. Aber ein Flirt ist noch nie „auf Augenhöhe“ vonstattengegangen, auch da war immer einer mächtiger als der andere, wie bei jeder Art von Kommunikation. Dass ein Flirt „auf Augenhöhe“ ablaufen muß, diese Forderung ist natürlich auch im Kontext der #MeToo-Debatte zu verstehen. Frage: Flirten man und frau heute überhaupt noch? Kürzlich las ich, dass sich das Kennenlernen der Geschlechter auch verändert hat. Und dass Kneipen (so wie in Augsburg in den frühen 1980ern „Der Graue Adler“, „Striese“ oder das „Odeon“) keine große Rolle mehr spielen bei der Kontaktaufnahme zwischen jungen Männern und jungen Frauen. Oft geschieht das Kennenlernen nicht mehr „körperlich“ im öffentlichen Raum, sondern online. Die allgegenwärtige Online-Präsenz ersetzt unser physisches Ich. In einer Zeitschriftenbeilage las ich über ein Dating-Portal namens „OkCupid“.

Mittels dieses Portals stellen die „User“ einander Fragen. Und anhand der Antworten analysiert ein selbstlernender Matching-Algorithmus, welche „User“ gut zusammenpassen. Ergo: Hören wir auf mit dem Flirten, Anbandeln und Anbaggern in Kneipen und überlassen die Partnersuche der Maschine. In Zukunft suchen sich die jungen Leute online, treffen sich dann zu Hause und schauen zusammen Netflix. Keine goldene Zukunft für die Kneipen.

In der Rückschau denke ich, dass es in den 1970er Jahren viel Unsinniges gegeben hat. Da ist auch viel zu Recht auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Was alles aus der Gegenwart dorthin gekippt werden wird, das erlebe ich leider nicht mehr.

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