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Konzert: Internationaler Jazzsommer Augsburg: Der Alte und der Neue im Einklang

Konzert

Internationaler Jazzsommer Augsburg: Der Alte und der Neue im Einklang

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    Christian Stock (am Bass) und Tilman Herpichböhm beim Konzert des Infinity Quintets
    Christian Stock (am Bass) und Tilman Herpichböhm beim Konzert des Infinity Quintets Foto: Herbert Heim

    „Infinity“ bedeutet Unendlichkeit. Irgendwie klingt es auch so, als die fünf loslegen. Geheimnisvoll, wie im Soundtrack eines Sci-Fi-Movies blubbert ein Keyboard, der Bass tickt wie eine Wanduhr, der Pianist stanzt synkopische Akkorde in die Klaviatur, der Posaunist grunzt durchs Horn wie ein australischer Wombat. Soll ja keiner glauben, die Namen in der Besetzungsliste stünden für ein beschauliches Mainstream-Konzert, bei dem einem bei einbrechender Dunkelheit langsam die Äuglein zufallen könnten. Deshalb steht „Very Slow Open“, der Auftakttitel aus der Feder von Boss Christian Stock, auch wie ein Pfeil, der die Richtung der folgenden 110 Minuten weist.

    Internationaler Jazzsommer: Viele Besucher im Botanischen Garten

    Wieder ist es ein wunderschöner Sommerabend im Botanischen Garten, wieder sind eine Menge Menschen „zum Jazz“ gekommen. Das sei ein unglaubliches Glück, wärmt Festivalleiter Tilman Herpichböhm. Denn alle bisherigen Konzerte des 30. Augsburger Jazzsommers scheinen offenbar das Wohlwollen der irdischen himmlischen Mächte gefunden zu haben.

    Ein Jubiläum also, wie es besser kaum hätte ausfallen können: Immenser Publikumszuspruch und erlesene Acts, die stets mit diesem gewissen „Händchen“ für das Machbare und Substanzielle ausgewählt wurden und natürlich Geld kosten. Keine Pop-Rock-Funk-Hitparaden-Fakes, sondern tatsächlich „echter“ Jazz. Kaum zu glauben, dass es heute noch ein Festival gibt, das mit diesem nur vermeintlich unpopulistischen Ansatz drei Jahrzehnte überdauern kann! Eine Linie, die Festivalgründer Christian Stock von Beginn an eisern verfolgte, und die sein Nachfolger Herpichböhm jetzt konsequent weiterführt – hoffentlich auch ins Jahr 31.

    Internationaler Jazzsommer Augsburg bisher unter gutem Stern

    Bei so viel innerem Einverständnis war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis beide gemeinsam im Pavillon auf der Bühne stehen – mit einer von Stock zusammengebauten Band voller klingender Namen aus der deutsch-österreichischen Szene, wie dem grandios erfinderischen Pianisten David Helbock, Florian Trübsbach an Alt-, Sopransaxofon und Querflöte sowie dem im Süden Deutschlands lebenden australischen Posaunisten Adrian Mears. Normalerweise schimpft man ein derartiges Konstrukt nur eine „Telefonband“, weil kaum Zeit zum Proben besteht.

    Aber die Musiker, von denen jeder eigene Kompositionen beisteuert, wirken in Augsburg trotz der doch recht verzwickten Arrangements im zeitgemäß groovenden Postbop-Duktus erstaunlich homogen, so als würde hier eine eingespielte Formation das 20. Konzert ihrer Tournee absolvieren. Und es ist zudem höchst humorvoll, meist mit einem Augenzwinkern serviert, wie etwa im hinreißenden Vorarlberger Volkslied „Öpfili, bist so kugelrund“, bearbeitet von David Helbock, das dieser skurril verdreht, mit den Händen die Eingeweide des Flügels zupfend, denselben dann wie ein Hammerklavier oder ein Drumset mit 88 Fellen bearbeitend, gehörig aufpeppt.

    Infinity Quintet im Rosenpavillon:überraschende Performance

    Stilistisch festlegen lässt sich Stocks Infinity Quintet kaum, was an den unterschiedlichen Charakteren und Herkünften der Protagonisten liegt. Genau das jedoch macht den Reiz dieser überraschenden Performance aus, der das Jubiläumsfestival ursprünglich hätte beschließen sollen. Aber wegen des tags darauf anberaumten Ersatztermins für das Kulttrio Rymden arbeiten die „Unendlichen“ schon einmal in dessen Richtung vor, lassen sphärische Nebel durch Florian Trübsbachs elegische, fein strukturierte Altosoli aufsteigen, betten mäandern Samples von Adrian Mears in ihren Sound ein, bis dieser selbst die Spannung mit seinem mal platzenden mal sanft gleitenden Posaunenton auflöst und in einen warm pulsierenden Swingmodus überleitet. Nur das Singen in einem seiner eigenen Titel hätte er bei aller Hingabe besser bleiben lassen.

    Infinity Quintet beim Jazzsommer in Augsburg: Ein furioses Ausrufezeichen

    Die beiden Bläser Trübsbach und Mears harmonieren selbst in den Unisono-Passagen prächtig, ebenso wie Christian Stock, der „Impresario im Ruhestand“, der mit dem „amtierenden Boss“ (O-Ton Stock) Tilman Herpichböhm ein wie geschmiert laufendes Rhythmusduo bildet.

    Der „amtierende Boss“ Tilman Herpichböhm
    Der „amtierende Boss“ Tilman Herpichböhm Foto: Herbert Heim

    Letzterer setzt mit seinem „Wiegenlied“ ein furioses Ausrufezeichen, für das er sich von einer missratenen Spieluhr seiner Tochter inspirieren ließ. Die Band suhlt sich in falschen, schrägen Noten, klingt wie Ansammlung von Horrorfiguren auf nächtlichem Streifzug, ohne dabei die Fähigkeit zu exzellenten Alleingängen in solistischer Form unter den Teppich zu kehren.

    So endet ein hochinteressanter, launiger, abwechslungsreicher Abend mit der frenetisch beklatschten Zugabe „440“ von Carla Bley, der Grande Dame der modernen Arrangierkunst. Erstaunlich - leichte Kost ist das wirklich nicht. Aber die Augsburger mögen das tatsächlich!

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