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Tour 22 - Kirchheim/Haselbach

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Fürstenglanz, Ritter und Gespenster

Exklusiv
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5 Bilder
Kurz nach dem Start schon das erste Highlight, bei gutem Wetter wirkt die Kette der Alpen zum Greifen nah.
Bild: Peter Bauer

Bei einer Wanderung im Herzen Bayerisch-Schwabens erleben wir in Kirchheim kulturelle Weltklasse und an der Moosburg Sagenhaftes. Der Geist der „Frau vom Waldsee“ soll hier keine Ruhe finden

„Diener“ oder „Portier“? Schon die Beschriftung der Klingelknöpfe deutet an, dass dies kein gewöhnlicher Ort ist. Wir entscheiden uns für „Portier“ und drücken auf die Klingel. Dann lautes Gebell, eine Dame kommt mit zwei großen Hunden um die Ecke. Es ist die Fürstin selbst, Angela Fürstin Fugger von Glött. Wir spüren, dass wir ziemlich überrascht dreinblicken. Die Fürstin lächelt.

Karte
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Ob es denn möglich sei, den legendären Zedernsaal zu besichtigen? Auf unsere Frage ist geradezu in Sekundenschnelle ein älterer Herr zur Stelle, der uns hinaufführt in den Saal, der als eines der herausragenden Werke der deutschen Renaissance gilt. Die Fürstin persönlich, dann einfach die Treppe hinauf zu einem Weltklassekunstwerk: So unkompliziert ist das hier in Kirchheim. Einem kleinen Ort, in dem man fast auf Schritt und Tritt den Spuren der großen Geschichte begegnet. Kirchheim im Herzen von Bayerisch-Schwaben ist Ausgangs- und Endpunkt unserer rund 17 Kilometer langen Wanderung.

Wir erleben dabei in Kirchheim die kulturelle Klasse der Renaissance, die Wucht barocker Malerei (ein Rubens zugeschriebenes Gemälde hängt in der Kirche) und dann ist da noch die Sage rund um die untergegangene Moosburg, von der „Frau vom Waldsee“, deren Geist angeblich in Gewitternächten zu sehen ist. Als „Sahnehaube“ gibt es bei dieser Wanderung an Föhntagen geradezu grandiose Blicke auf die Kette der Alpen.

Bei unseren Besichtigungen in Kirchheim ahnen wir schnell die Dimension des Herrschaftskomplexes der Fugger, der unter anderem große Gebiete vom Elsass bis in den Raum München umfasste. 1551 erwarb Anton Fugger Kirchheim. Sein Sohn Hans ließ das alte Schloss abbrechen, an seiner Stelle entstand 1578/85 ein Neubau, der mitunter als das „Schwäbische Escorial“ bezeichnet wird. Geradezu legendär ist der 1581/87 eingerichtete Zedernsaal. Seine bis zu 1,80 tiefe Holz-Kassettendecke wurde maßgeblich von dem Augsburger Kunstschreiner Wendel Dietrich gestaltet.

Man kann sich hier in der Klasse von Kultur und Geschichte regelrecht verlieren. Die Wanderung hinaus aus dem Ort nach Osten durch eine einsame Landschaft ist ein bemerkenswerter Kontrast dazu. Der Föhn hat am Tag unserer Wanderung den Himmel regelrecht aufgerissen. Die Alpenkette zeichnet sich messerscharf am Horizont ab. Über Feld- und Waldwege erreichen wir im Wald östlich von Haselbach schließlich den Burgstall der einstigen Moosburg. Von der Anlage (1266 erstmals erwähnt, das genaue Datum ihrer Zerstörung unbekannt) sind heute nur noch Erdhügel zu sehen. Unten liegt ein kleiner Waldweiher. Und die Sage über die „Frau vom Waldsee“ wird in der Gegend heute noch viel erzählt. In der Blütezeit der Fugger trieben Raubritter der Moosburg ihr Unwesen. Ritter Rollo überfiel mit seinen finsteren Gesellen einen Wagenzug der Fugger. Ein junger Adeliger fiel den Rittern in die Hände.

Doch Rollos Tochter verliebte sich in ihn. Beide flohen gemeinsam, wurden wieder gefasst, der junge Adelige erschlagen. Das junge Burgfräulein fand auch nach ihrem Tod keine Ruhe; in Gewitternächten soll sie zu sehen sein. Zu hören sein soll dann auch das wehmütige Wiehern ihres Schimmels. Im weißen oder im schwarzen Kleid erscheint die Frau. Weiß ist die Farbe, die Verliebten Glück bringt.