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Landwirtschaft

28.11.2019

Diskussion: Sind Nutztierhaltung und Tierschutz vereinbar?

Viele Verbraucher wünschen sich, dass auch Nutztiere artgerecht und gut gehalten werden. Auf einer Podiumsdiskussion im Allgäu wurde an die Verbraucher appelliert, nicht nur für mehr Naturschutz zu unterschreiben, sondern beim Einkaufen auch bewusst darauf zu achten.
Bild: Ralf Lienert

Wie kann ein Skandal wie der in Bad Grönenbach in Zukunft verhindert werden? Um diese Frage zu beantworten, hat unsere Redaktion eine Diskussionsrunde veranstaltet.

Nutztierhaltung und Tierschutz – Widerspruch oder Selbstverständlichkeit? Das war die zentrale Frage einer Podiumsdiskussion in der Hochschule Kempten, die von unserer Redaktion und dem Bauernverband veranstaltet wurde. Der Tierskandal in Bad Grönenbach hat viele Menschen geschockt, sie fordern, dass sich die Landwirtschaft ändern muss. Viele Bauern dagegen fühlen sich zu Unrecht verunglimpft. Sechs Experten, unter anderem Vertreter von Landwirten, Veterinären und Tierschützern, diskutierten daher mit etwa 200 Landwirten und Verbrauchern. Es zeigte sich: So weit gehen die Meinungen gar nicht auseinander. Das Wohl der Tiere liegt allen am Herzen und auch die Verbraucher sind in der Pflicht. Wir fassen die wichtigsten Diskussionspunkte zusammen:

Sechs Experten diskutieren mit dem Redaktionsleiter der Allgäuer Zeitung, Uli Hagemeier, und dem stellvertretendem Redaktionsleiter Markus Raffler über das Thema Tierschutz.
Bild: Christoph Kölle

Es gibt eine Entfremdung zwischen Bauern und Verbrauchern

Entfremdung Gabriel Bernhard vom Arbeitskreis Öko der Hochschule Kempten beobachtet eine Entfremdung zwischen Bauern und Verbrauchern: „Viele wissen nicht, wie es in der Landwirtschaft wirklich zugeht“, sagt er. Das zeige sich oft in Gesprächen mit anderen Studierenden. Manch einer wüsste kaum, woher die Milch komme. Auch Andreas Hummel, stellvertretender Kreisobmann des Bauernverbands im Oberallgäu, kennt das Problem. Er ist Landwirt und vermietet Ferienwohnungen, hat daher viel Kontakt zu Gästen: Es sei schockierend, wie weit das vermeintliche Wissen über die Landwirtschaft von der Realität entfernt sei, sagt er. Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte, mahnte außerdem an, die Tiere in der aktuellen Diskussion nicht zu vermenschlichen: „Kühe fühlen sich nicht bei 30 Grad mit Chips auf dem Sofa wohl.“ Früher sei Aufklärung über den Beruf des Bauern kaum notwendig gewesen, jeder habe im Bekanntenkreis Einblicke erlangen können, sagte Alfred Enderle, Bezirkspräsident des schwäbischen Bauernverbands. Heute sei das nicht mehr so. Enderle räumte aber auch ein, dass der Bauernverband Marketingorgane abgebaut hat. Künftig müsse wieder mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Tierschutz sollte Selbstverständlichkeit sein

Tierschutz In einem sind sich alle einig: Tierschutz sollte in der Nutztierhaltung eine Selbstverständlichkeit sein – aber mit Augenmaß, betont Tierarzt Moder. „Auch uns Tierschützern ist klar, dass die Nutztierhaltung ein Bestandteil unserer Gesellschaft ist“, sagt Johanna Ecker-Schotte vom Landesverband Bayern des Deutschen Tierschutzbundes. Man kritisiere aber das immer mehr und immer schneller produziert werde. Lebensmittel würden so „verramscht“. Es dürfe nicht vergessen werden, dass Nutztiere auch Lebewesen seien. Dem stimmen auch die Landwirte in der Runde zu. Denn nur wenn es den Tieren gut ginge, stimmten auch Leistung und Ertrag. Dass sich die Rahmenbedingungen verändert haben, stellt Enderle mit Zahlen dar: 1960 gab es in Deutschland noch etwa 1,4 Millionen Bauern, einer ernährte im Schnitt 17 Menschen. 2017 waren es noch etwa 269000 Landwirte, die jeweils 135 Menschen versorgten.

Kritik am Kontrollsystem

Kontrollen „Unser Kontrollsystem ist völlig ineffektiv“, sagt Tierarzt Moder. Jetzt noch weitere Spezialisten für dasselbe System einzusetzen sei nicht zielführend. Derzeit würden in den Ställen immer nur Momentaufnahmen festgehalten. Wichtiger sei es aber, die Tendenzen der gesamten Entwicklung auf dem Hof zu sehen. Moder appelliert an die Bauern, sich beraten zu lassen. Landwirt Hummel meint: „Auch Selbstkontrolle kann funktionieren.“ Dafür müsse man aber Zeit investieren, genau hinschauen, „dabei bleiben und den inneren Schweinehund überwinden“. Dass Kontrollen von den Molkereien durchgeführt werden, ist laut Ludwig Huber vom Genossenschaftsverband Bayern, der dort maßgeblich für das Thema Milch verantwortlich ist, nicht leistbar. Sie seien Aufgabe des Staates.

Verantwortung „Man macht es sich zu einfach, wenn man die Schuld nur bei den Bauern sucht“, sagt Student Gabriel Bernhard. Das Thema Tierschutz sei viel komplexer. Außerdem dürfe nach Ansicht vieler im Saal nicht vergessen werden, dass Angebot und Nachfrage voneinander abhängig seien. „In Umfragen ist immer jeder bereit, für gute Produkte mehr zu zahlen, aber das tatsächliche Einkaufsverhalten sieht anders aus“, sagt Huber vom Genossenschaftsverband. Am derzeitgen Preis könnten die Molkereien nicht viel ändern: „Sie können schon bei Gesprächen mit dem Handel auf den Tisch hauen, aber dann verkaufen Sie nichts mehr.“ Das wiederum will Student Bernhard nicht so stehen lassen. An Huber gerichtet, sagt er: „Heute Abend haben alle Gruppen Fehler eingeräumt, nur Sie nicht.“ Bauernverbandspräsident Enderle fordert die Verbraucher auf, nicht nur in den Rathäusern für mehr Artenvielfalt zu unterschreiben, sondern beim Einkaufen Taten sprechen zu lassen.

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