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Fischertag Memmingen

03.08.2020

Frau will Stadtfischer in Memmingen werden: Streit vor Gericht geht noch weiter

Nur Männer im Stadtbach: Dieses Bild soll der Vergangenheit angehören, findet eine Memmingerin und klagt gegen den Verein.
Bild: Hildenbrand, dpa

Plus Streit um den Fischertag Memmingen: Darf der Fischertagsverein Frauen vom Stadtbach-Ausfischen ausschließen? Am Amtsgericht wird noch weiter gestritten.

Der Memminger Fischertag geht auf einen Brauch aus dem 16. Jahrhundert zurück und wird seit etwa 120 Jahren in der jetzigen Form gefeiert. Dabei werden einige tausend Forellen aus dem Stadtbach geholt, damit er einmal im Jahr gereinigt werden kann. Wer die größte Forelle erwischt, wird zum Fischerkönig gekürt. Das Ausfischen, das zehntausende Besucher verfolgen, ist bisher nur männlichen Mitgliedern des veranstaltenden Fischertagsvereins vorbehalten. Gegen diese bereits seit 1931 in der Vereinssatzung verankerte Regelung klagt nun ein weibliches Mitglied. Am Montag wurde der Fall vor dem Amtsgericht Memmingen verhandelt. Ein Urteil fällt jedoch erst am 31. August.

Fischertag in Memmingen: Wieso Frauen nicht zugelassen sind

Wie verhärtet die Fronten sind, zeigt sich vor Gericht. Richterin Katharina Erdt strebt eine gütliche Einigung an. Nach knapp zwei Stunden ist aber klar: Es gibt keinen Kompromiss. Der Fischertagsverein beharrt darauf, dass es sich beim Ausfischen um eine Jahrhunderte alte Tradition handelt, die immer den Männern vorbehalten war. Und dass dieses Vorgehen durch Artikel 9 des Grundgesetzes gedeckt ist – dort ist die Selbstbestimmung der Vereine geregelt.

Die Klägerin argumentiert, dass das Verbot nicht mehr zeitgemäß und laut Artikel 3 des Grundgesetzes diskriminierend sei – und dass die Satzung in diesem Punkt verändert werden müsse, damit grundsätzlich alle weiblichen Vereinsmitglieder auch ausfischen dürfen.

Anwältin argumentiert: Bei Wallenstein in Memmingen dürfen Frauen ja auch zu Männern werden

Richterin Erdt nimmt sich Zeit, um den Sachverhalt zu klären, fragt immer wieder nach. "Ich bin mit dem Fischertag groß geworden und möchte schon lange beim Ausfischen mitmachen wie mein Bruder und mein Neffe", sagt die Klägerin, die seit über 30 Jahren Mitglied im Fischertagsverein ist. Sie sieht keinen sachlichen Grund, der dagegen spricht. Der Fischertagsverein habe eine "Sozialmacht" als alleiniger Veranstalter des Heimatfestes, weswegen ein Ausschluss von Frauen diskriminierend sei, sagt ihre Anwältin.

Der Vorsitzende des Fischertagsvereins, Michael Ruppert, beruft sich darauf, dass die Delegiertenversammlung als höchstes Entscheidungsgremium des Vereins zwei Anträge der Klägerin auf Satzungsänderung "mit klarster Mehrheit"  abgelehnt hatte. Er verweist darauf, dass von den rund 4500 Vereinsmitgliedern etwa 1500 weiblich seien – und in den rund 30 Gruppen aktiv sein dürfen. Nur eben bei den Stadtbachfischern nicht.

Fischertags-Verein: An Satzung und Tradition festhalten

Die Richterin fragt, warum der Vorstand keine Ausnahmen genehmige – was laut Satzung möglich sei. "Wir wollen an Satzung und Tradition festhalten", antwortet Vereinsvorsitzender Ruppert. Zudem könne die Klägerin ja als "Kübeles-Mädel" (sie legen die gefangenen Fische direkt am Stadtbach in Wasserbehältnisse) sowie an allen anderen Veranstaltungen des insgesamt dreitägigen Fischertags teilnehmen – nur nicht am Ausfischen, das etwa 15 Minuten dauere. Dabei gehe es jedoch um "ein zentrales Ritual", kontert die Anwältin der Klägerin.

Als ein weiteres Argument verweist sie auf ein Urteil des Bundesfinanzhofs gegen eine Freimaurerloge, die sich gegen die Aufnahme von Frauen wehrte – und verloren habe. Das könne man mit dem aktuellen Fall nicht vergleichen, entgegnet der Anwalt des Fischertagsvereins. Bei dem Urteil sei es um Steuer- und nicht um Zivilrecht gegangen.

Unterstützerinnen der Fischertags-Klägerin: Memmingen braucht mehr Gleichberechtigung

Als Zuschauer verfolgen auch Anna und Ida die Verhandlung. Sie unterstützen die Initiative "Fischertagskönigin" - und sprangen vor einigen Tagen werbewirksam in den Stadtbach, als der Fischertag eigentlich hätte stattfinden sollen - was wegen Corona aber nicht ging. " Memmingen braucht mehr Gleichberechtigung", sagen die beiden. Schließlich seien Frauen "keine Porzellan-Püppchen". Und nur weil auch Frauen in den Stadtbach gehen, würde das ja nicht den ganzen Fischertag kaputt machen. Andere Prozessbeobachter teilen diese Ansicht nicht. Der Fischertag sei ein Heimatfest mit Tradition - und mit der dürfe nicht gebrochen werden.

Egal, was Richterin Erdt am 31.August verkündet: Beide Seiten sagen, dass sie bei einer Niederlage vor die nächsthöhere Instanz ziehen – das wäre das Landgericht. Die Anwältin der Klägerin lässt sogar durchblicken, die Angelegenheit notfalls vom Bundesverfassungsgericht klären zu lassen. Bis dahin werden die Memminger Fischertage wohl so stattfinden wie seit vielen Jahren – es sei denn, Corona macht dem Heimatfest auch 2021 einen Strich durch die Rechnung.

Die Vorgeschichte zur Klage und mehr zum traditionellen Ausfischen in Memmingen lesen Sie hier: Frau kämpft dafür, "Stadtbachfischer" zu werden

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Die Diskussion ist geschlossen.

04.08.2020

Es ist unglaublich, dass um diese Selbstverständlichkeit (Gleichberechtigung von Mann und Frau) heute noch Prozesse geführt werden müssen und sich ggf. das höchste deutsche Gericht mit diesem Unfug befassen muss. Wir reden seit Wochen über Rassimus und Unterdrückung von Minderheiten, Verniedlichung von Sklaverei und in Memmingen beharrt man darauf, dass es immer schon so gewesen sei, dass...

Tradition, Tradition! Mit genau dieser Begründung kann man Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft weiter unterdrücken (wir haben noch nie an Dunkelhäutige vermietet), hätten Frauen niemals das Wahlrecht erhalten können, müssten heute noch ihre Ehemänner um Erlaubnis fragen, ob sie einen Arbeitvertrag unterschreiben dürfen und könnten sich Ehemänner gegen den Willen ihrer Ehefrauen an diesen 'bedienen', weil die Gewährung des GV ja traditionsgemäß eine eheliche Pflicht war.


Was für ein Brett muss man eigentlich vor dem Hirn haben, um heute noch ein Drittel der eigenen Vereinsmitglieder vom Höhepunkt des Vereinslebens auszuschließen und ihnen per Satzung untergeordnete Dienste zuzuweisen? Das dann noch mit Art. 9 GG rechtfertigen zu wollen, schlägt dem Fass wirklich den Boden aus. Meint der Vereinsvorsitzende tatsächlich, dass dieser Art. 3 unberücksichtigt lassen könne?

Ich verstehe gar nicht, warum die Richterin da so intensiv nachfragt. Die Sache ist doch sonnenklar. Wenn nicht, wäre das nicht mehr mein Staat. Ein Deutschland in dem heute noch Männer ihre Privilegien auf dem Rücken untergeordneter Frauen pflegen, weil es immer so war.

Dieser Prozess gereicht ganz Memmingen nicht zur Ehre, da es ja statt eine Demo gegen den Verein noch reihenweise verständnisvolle Stimmen gibt.

Man muss wirklich aufpassen, dass die Emanzipation nicht wieder Rückschläge erleidet. Wie man sieht, gibt es Kräfte, die daran arbeiten.

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03.08.2020

Vorschlag an die "Gute Frau" !!!
Heuer sind Männer dran und nächstes Jahr Frauen ??
Bitte nur Frauen !!
Wäre ein Guter Kompromiss für beide Seiten.

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