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Elektro-Muskel-Stimulation

01.02.2020

Schwitzen unter Strom: Wie gefährlich ist EMS-Training?

Seit zwei Monaten macht Markus Heilgemeier in Kempten jede Woche Elektro-Muskel-Stimulation. Trainerin Selina Ostheimer überwacht die Übungen.
Bild: Martina Diemand

Plus Den Körper straffen, Pfunde loswerden – und das in nur 20 Minuten. Das versprechen immer mehr Fitnessstudios, und zwar mit Stromstößen. Hilft das?

Vier Sekunden volle Anspannung. Markus Heilgemeier – Brille, Stoppelbart, das schwarze Haar zum Pferdeschwanz gebunden – kneift die Augen zusammen. Die Füße schulterbreit, den Oberkörper aufrecht, die Hüfte nach hinten geschoben – so, wie seine Trainerin es gesagt hat. Dann geht der 41-Jährige leicht in die Hocke, den Blick konzentriert geradeaus gerichtet. Vier Sekunden lang hält er diese Kniebeuge, während Stromimpulse durch seinen Körper fahren und die Muskeln anspannen. Dann kann er vier Sekunden durchschnaufen, bevor die nächste Übung folgt – 20 Minuten geht das so. Wie sich das anfühlt? „Es kribbelt ein bisschen“, sagt Heilgemeier.

EMS, kurz für Elektro-Muskel-Stimulation, nennt sich die Methode, nach der Heilgemeier in einem Studio in Kempten trainiert. Das Konzept klingt wie der Traum eines jeden Sportmuffels: Per Knopfdruck Muskeln aufbauen, den Körper straffen und lästige Fettpolster loswerden – und das mit extrem geringem Zeitaufwand. 20 Minuten EMS pro Woche sollen angeblich konventionelles, aufwendiges Krafttraining ersetzen, versprechen zumindest immer mehr Anbieter in Deutschland. Das Studio, in dem Heilgemeier trainiert, gehört zur „Body Street“-Gruppe. Über 300 dieser Studios, die allein EMS anbieten, haben seit 2007 aufgemacht, allein in München gibt es mehr als 50.

Drei-Minuten-Workout, Fünf-Minuten-Fitness – Hauptsache, es geht schnell

Während vor einigen Jahren vibrierende Wunderplatten als der letzte Schrei in der Fitnessbranche galten, geht es jetzt vor allem darum, in kurzer Zeit ein maximales Ergebnis zu erzielen. So mancher Anbieter übertrumpft sich da: Drei-Minuten-Workout, Fünf-Minuten-Fitness – Hauptsache, es geht schnell. Doch ist dieses Ruckzuck-Training wirklich sinnvoll? Wie gefährlich ist es, die Muskeln mit Reizstrom zu stimulieren? Hilft es tatsächlich, fit zu werden? Oder ist es nur ein weiterer Trend, den die Branche ausgerufen hat?

Schwitzen unter Strom: Wie gefährlich ist EMS-Training?
Kabel an den Westen: Nach dem Tragen wird die Kleidung gewaschen.
Bild: Martina Diemand

Letzteres kann Joachim Werner von der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften an der Technischen Universität München beantworten. Der Wissenschaftler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Trends im Sport. EMS-Training passt nach seiner Auffassung gut in die Zeit: „Wir optimieren unsere Körper und sind gleichzeitig sehr zeitoptimiert. Wir packen in die 24 Stunden eines Tages so viel wie möglich“, sagt Werner.

Markus Heilgemeier will die 20 Minuten optimal nutzen. Ein paar Minuten vor dem Training ist er nackt in Sporthose und Oberteil geschlüpft, hat sich die befeuchtete Weste mit Elektroden angezogen. Trainerin Selina Ostheimer hat zusätzliche Elektroden an Beine und Arme geschnallt. Jetzt baumeln dort schwarze und rote Kabel, eine dicke Leitung führt zur EMS-Station – darüber wird der Strom gesteuert, der durch Heilgemeiers Körper gejagt wird. Ein bisschen sieht er aus wie in einem Science-Fiction-Film.

Heilgemeier stellt den rechten Fuß zum Ausfallschritt nach hinten, drückt seinen Körper Richtung Boden, Anspannung. Trainerin Ost-heimer macht die Übungen vor, erinnert ans Atmen, kontrolliert, wenn eine Bewegung falsch ausgeführt wird. Immer wieder schießt Strom durch seine Muskeln. Vier Sekunden Anspannung, vier Sekunden Pause. „Zweimal machen wir die Übung noch, Markus“, sagt sie. Heilgemeier beginnt zu schnaufen, Schweiß läuft ihm von der Stirn.

Um die Kilos, die er zu viel auf den Rippen hat, geht es ihm nicht

Jeden Dienstag kommt der IT-Administrator nach Büroschluss ins Studio. Schon nach dem ersten Termin vor zwei Monaten habe er eine Verbesserung gespürt. Das Training wirke super auf die Tiefenmuskulatur, löse Verspannungen, sagt er. Und dass auch seine Beinmuskulatur wieder stärker werde. Heilgemeier hat es nötig, im Frühjahr vergangenen Jahres hatte er sich den Meniskus am rechten Knie gerissen.

Das Training wird einzeln oder in Kleingruppen durchgeführt.
Bild: Martina Diemand

Die Operation sei gut verlaufen, an der Reha habe es gehapert, erklärt er. „Die klassische Physio hat nicht funktioniert.“ Nach acht Wochen konnte er immer noch keine Treppe heruntersteigen. Dabei ist Heilgemeier leidenschaftlicher Bergsteiger, seine Lieblingstour führt ihn mindestens einmal im Jahr auf das knapp 2000 Meter hohe Rubihorn bei Oberstdorf. Im Internet hat er von EMS gelesen, davon, dass es auch den unteren Rücken stärken soll. Für jemanden, der wie er den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, ist das wichtig. Und dann sind da noch die paar Kilo zu viel, die Heilgemeier auf den Rippen hat. Er winkt ab, darum gehe es ihm nicht. Er wollte etwas für Knie und unteren Rücken tun – allerdings: „Wichtig war mir ein minimaler Zeitaufwand.“ Denn Heilgemeier hat neben seinem Job noch eine eigene IT-Firma.

Jetzt könnte man meinen: Anwälte, Ärzte, Abteilungsleiter, Menschen, die nicht selten eine 60-Stunden-Woche haben, wären die Hauptzielgruppe für EMS. Dominik Gottstein – weiße Trainingshose, schwarzes Shirt, kurze rote Haare – sitzt auf einem Design-Drehsessel im Studio. Ein frischer Zitronenduft liegt in der Luft. Im Hintergrund läuft Popmusik. „Die Zielgruppe hat sich mittlerweile gewandelt“, sagt Gottstein, 35, Trainer und Geschäftsinhaber. Inzwischen streifen sich auch normale Arbeitnehmer, Studenten oder Senioren die Anzüge über. Leute, die ein schnelles Training wollen und bei denen der „innere Schweinehund für das Fitnessstudio zu groß ist“.

Strom kennt man auch aus der klassischen Physiotherapie

Allerdings muss man sich das auch leisten können. Je nach Tarif kosten vier EMS-Einheiten im Monat zwischen 80 und 140 Euro. Dafür gibt es 20 Minuten intensives Stromstoß-Training. „Für den Muskel ist das nichts Ungewöhnliches“, erklärt Gottstein, der 13 Jahre Sportoffizier bei der Bundeswehr war und einen Master in Prävention und Gesundheitsmanagement hat. „EMS geht in die Tiefe, auf die Gesundheitsmuskulatur, welche im Alltag hilft.“ Gerade die Rückenmuskulatur werde dadurch gestärkt. Die Methode komme aus der klassischen Physiotherapie, wo Strom auf einzelne Muskelgruppen angewendet werde. EMS verfolge den ganzheitlichen Ansatz. „Bei jeder Übung werden 90 Prozent der Muskelfasern angesteuert“, versichert Gottstein. „EMS ist in etwa so effektiv wie drei Einheiten Krafttraining.“

Markus Heilgemeier hatte im vergangenen Jahren eine Knie-Operation. Jetzt will er seine Knieprobleme in den Griff bekommen.
Bild: Martina Diemand

Effektiv, das mag ja sein. Aber wer kann schon sagen, welche langfristigen Folgen dieses Training hat? In Berichten ist von „gefährlichen Stromstößen“ die Rede, von Kreislaufproblemen und Nierenschädigungen, die auftreten könnten, wenn EMS zu intensiv betrieben wird.

Einer, der es wissen muss, ist Sportwissenschaftler Heinz Kleinöder von der Deutschen Sporthochschule Köln. Er hat zahlreiche Studien zum Thema durchgeführt, aber keine negativen Effekte festgestellt. „Es ist nie etwas passiert“, betont Kleinöder. Er kann nicht nachvollziehen, warum EMS in vielen Medienberichten verteufelt wird. „Der Nachweis, dass EMS wirksam ist, ist schon lange Zeit erbracht worden“, sagt Kleinöder. Woher aber kommt dann die Angst vor Gesundheitsschäden?

Strom sei etwas, das von vielen als ungewohnt empfunden werde, sagt der Wissenschaftler. Als gefährlich. Vor allem, wenn dieser durch den Körper geleitet werde. Kleinöder betont aber: „Es gibt ganz klare Regeln, wie so ein Training angegangen werden muss. Wenn Sie ins Studio gehen, werden Sie auch nicht direkt das maximale Gewicht auf die Hantel legen. Sie werden das Gewicht langsam steigern.“ Das gelte auch für EMS.

Heinz Kleinöder von der Deutschen Sporthochschule Köln sagt: “Der Nachweis, dass EMS wirksam ist, ist schon lange Zeit erbracht worden.“
Bild: Privat

Deshalb findet Kleinöder wichtig, dass EMS-Training nur unter Anleitung von „Personal Trainern“ passiert. Das Problem: Der Begriff ist nicht geschützt – jeder kann „Personal Trainer“ sein. „Wenn man in die Landschaft hereinschaut, wird mir manchmal ein bisschen anders.“ Manche absolvierten nur eine zwei- oder dreitägige Ausbildung, sagt Kleinöder. Dabei hänge es entscheidend davon ab, dass der Trainer weiß, was er tut und gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Andernfalls können Muskel- oder Gelenkschäden die Folge sein. Wichtig sind daher Pausen, betont Kleinöder. Er empfiehlt maximal zwei EMS-Einheiten pro Woche.

In Kempten kämpft sich Markus Heilgemeier durch die letzten Minuten seines Dienstags-Trainings. Häufiger darf er im Studio nicht in den Anzug schlüpfen. An schlechten Tagen denkt er sich bei zehn Minuten, wann es endlich vorbei ist. An guten hilft es ihm, den Kopf freizubekommen. In den Pausen greift er nun öfter zum Handtuch, tupft sich die Stirn ab. „Wie fühlt es sich an?“, fragt die Trainerin. „Da geht schon noch was“, sagt er. Ostheimer dreht die Intensität ein Stück höher.

Die Empfehlung: Zusätzlich zu EMS eine andere Sportart betreiben

Das klassische Fitnessstudio oder Joggen, das wäre für ihn nichts, erklärt Heilgemeier. Auch wenn sie hier im Studio empfehlen, zusätzlich andere Sportarten zu betreiben und zugleich die Ernährung anzupassen. Wie viel Gewicht man dann im besten Fall durch Stromstoß-Training verlieren kann? Studiobetreiber Gottstein will nicht versprechen, wie schnell wie viele Kilos purzeln. Das komme auf den Einzelnen an. Je nachdem könne man nach vier bis sechs Wochen erste Erfolge sehen. Gottstein erzählt von einer Erzieherin, die regelmäßig ins Training kommt. Ihre Rückenprobleme seien verschwunden, die Arbeit mit den Kindern leichter. Nach zwei Jahren in Kempten hat Gottstein ein paar dieser Erfolgsgeschichten, EMS sei mittlerweile etabliert. Bei Gottstein trainieren 100 Mitglieder, in Kempten gibt es zwei weitere Studios.

Markus Heilgemeier ist durchgeschwitzt. Er schaut zur Decke, presst die Hände an den Bauch, noch einmal volle Anspannung. Die letzten vier Trainingssekunden laufen. „Fertig“, sagt Trainerin Ostheimer, gibt Heilgemeier ein sportliches High Five und reicht ihm ein großes Glas Wasser. Der 41-Jährige lächelt, wirkt erleichtert. „Jetzt ist der Kopf wieder frei“, sagt er, während die Trainerin ihn von den Kabeln befreit. Dann schnauft Heilgemeier zufrieden durch, legt die Weste ab, wischt sich mit dem Handtuch übers Gesicht und verschwindet in der Umkleidekabine. Bis zum nächsten Dienstag.

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