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Bayern

13.02.2015

Völlig überlastet: Notstand in der Notaufnahme

In immer mehr Notaufnahmen herrscht Notstand: Auf immer mehr Patienten kommt immer weniger Personal.
Bild: Armin Weigel, dpa (Archivbild)

Viele Patienten, wenig Personal: Einige Krankenhäuser reagieren mit einem Aufnahmestopp. Ärzte beklagen sich über Patienten, die wegen leichter Beschwerden Ressourcen verschwenden.

Der Brustkorb schmerzt, das Herz ist wie eingeschnürt, dazu Schweißausbrüche und Übelkeit – alles deutet auf einen Herzinfarkt hin. Also mit dem Rettungswagen auf dem schnellsten Weg in die Notaufnahme, schließlich geht es um Leben und Tod. Doch was passiert, wenn einem dort nicht mehr geholfen wird? So weit ist es, zum Glück, noch nicht gekommen, doch viele Krankenhäuser sind nach eigenen Angaben an ihrer Belastungsgrenze angekommen. Professor Michael Christ, Leiter der Nürnberger Notaufnahme, spricht von einer „Vorstufe zur Hölle“. „Das Versorgungssystem ist überlastet und uns steht das Wasser zum Hals“, sagt er mit einer gewissen Resignation. Ein Patientenschaden sei angesichts der hohen Arbeitsbelastung nicht mehr auszuschließen.

Deshalb haben in den vergangenen Wochen mehrere Kliniken aus München und Nürnberg den Rettungsleitstellen signalisiert, dass sie keine weiteren Patienten aufnehmen können. Der Aufnahmestopp beläuft sich zum Teil auf mehrere Tage. Akute, lebensbedrohliche Fälle würden zwar trotz Überbelegung erstversorgt, aber eine adäquate Unterbringung könne nicht mehr gewährleistet werden. Die Bettenzahl sei „physikalisch limitiert“, gibt Christ zu bedenken.

Die Notaufnahmen sind überlaufen

In Augsburg und Ingolstadt herrschen ebenfalls angespannte Verhältnisse. Patienten müssen sich auf stundenlange Wartezeiten einstellen, Zimmer müssen überbelegt oder Patienten auf den Klinikgängen versorgt werden. Das bestätigt Dr. Florian Demetz, Direktor der Notfallklinik Ingolstadt. „Leider passiert es immer wieder, dass Patienten ein oder zwei Nächte auf dem Flur liegen müssen.“ Die Alternative – sie wegzuschicken – komme für ihn aber nicht infrage.

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Der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), Siegfried Hasenbein, bestätigt: „Das Problem, dass die Notaufnahmen überlaufen sind und es dort Probleme gibt, haben wir in nahezu allen Regionen Bayerns. In diesem Ausmaß hatten wir das bislang aber noch nicht.“

Vor dieser Herausforderung steht derzeit auch das Klinikum Augsburg. „Die Frequentierung der Zentralen Notaufnahme ist aktuell sehr hoch“, sagt der zuständige Chefarzt Dr. Markus Wehler. „Eine Abmeldung der Notaufnahme bei der Integrierten Leitstelle Augsburg findet nicht statt.“ Allerdings werden bestehende Engpässe vorab an die Leitstelle gemeldet – neue Patienten können so von vornherein eventuell zu einer anderen Notaufnahme gefahren werden.

Mehr Patienten, aber nicht mehr Personal

Der Augsburger Chefarzt und sein Ingolstädter Kollege Demetz geben der Grippe, dem Norovirus und auch der angespannten Personalsituation Schuld an dem jetzigen Zustand: „Jedes Jahr haben wir sieben Prozent mehr Patienten, aber die Personaldecke wächst nicht in dem gleichen Maße mit“, sagt Demetz. Durchschnittlich 150 Patienten werden in der Notaufnahme am Ingolstädter Klinikum behandelt. In den vergangenen Wochen stieg die Zahl auf „weit über 200“. Auch am Nürnberger Klinikum gibt es immer mehr Patienten. Innerhalb von zwei Jahren ging sie dort um 20 Prozent nach oben.

Der Augsburger Chefarzt Wehler kritisiert die „bundesweiten strukturellen Defizite in Notaufnahmen“ und deren Unterfinanzierung. Chefarzt Christ aus Nürnberg weist darauf hin, dass Notaufnahmen oft in finanzielle Vorleistung gehen und bei einer rein ambulanten Behandlung des Patienten auf einem Großteil ihrer Kosten sitzen bleiben.

Immer mehr Patienten gehen direkt in die Notaufnahme

Vielen Ärzten in den bayerischen Notaufnahme-Stationen bereitet ein weiterer Trend Sorge: Immer mehr Patienten umgehen bei minder schweren Fällen den Haus- und Facharzt und lassen sich direkt in der Klinik-Notaufnahme versorgen. Dieses Vorgehen kritisiert auch Dr. Wolf-Dietrich Göhring, Chefarzt der Wertachklinik Schwabmünchen (Kreis Augsburg): „Die Behandlung dieser Patienten entspricht nicht dem Versorgungsauftrag eines Krankenhauses und bindet benötigte Kräfte und Ressourcen der Notaufnahme.“ Deswegen überraschen ihn die stundenlangen Wartezeiten wenig.

Trotz der hohen Belegung (siehe Info) hat der Ingolstädter Demetz für ernsthaft erkrankte Patienten eine kleine Entwarnung parat: „Bis jetzt hat – zumindest in Ingolstadt – noch jeder Patient am Ende des Tages ein Bett bekommen; auch wenn das System ausgereizt ist.“ Sein Kollege Christ sprach davon, viele kleine Schräubchen zu verändern, denn: „Nur so lässt sich eine gute Qualität bei der Notfallversorgung anbieten.“

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