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Landwirtschaft

15.09.2020

Wie junge Bauern auf Instagram für ihren Beruf werben

Theresa hilft beim Melken der Kühe. Mehrere Tiere stehen Reihe an Reihe an den Geräten.
Bild: Brigitte Mellert

Plus In der digitalen Welt sind Landwirtschaft und Landidylle ein großer Erfolg. Analog aber muss der Beruf um Wertschätzung kämpfen. Wie kommt es zum Widerspruch?

Die Fotos von Theresa H. - ihren vollen Namen möchte sie lieber nicht nennen - zaubern eine Landidylle, wie es sie häufig auf Instagram gibt. Zu sehen sind Bilder eines Kornfelds im sanften Licht, Bilder, die die junge Frau im dunklen Dirndl inmitten von prächtig blühenden Sonnenblumen zeigen, Bilder, auf denen Theresa H. leicht bekleidet in sinnlicher Pose in die Kamera lächelt. Die 24-Jährige aus Obermeitingen aus dem Landkreis Landsberg ist auf Instagram erfolgreich: Fast 40.000 Menschen folgen ihr. Sie bewegt sich aber nicht nur sicher in der digitalen Welt der sozialen Netzwerke, sondern packt auch im analogen Leben an. Als gelernte Betriebshelferin unterstützt Theresa H. Landwirte in ihrer Arbeit auf dem Hof. Ihre Reichweite nutzt sie überdies, um für ihren Beruf zu werben und auch jüngere Menschen für ihn zu gewinnen.

Kräftig geschminkte Augen, offenes Lächeln, modisch gekleidet - im ersten Moment mag Theresa H. so gar nicht in das Bild einer Landwirtin passen. Auch ihre Wohnung, die im Ortskern von Obermeitingen liegt, ist anders: Statt Bauernhof eine modern eingerichtete Wohnung, statt großer Ackerfläche ein Mehrparteienhaus. Theresa H. bricht mit Klischees. Denn eigentlich kommt die 24-Jährige gar nicht aus der Landwirtschaft, so wie auch ihre Familie nicht. "Ich habe zuerst eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin gemacht", sagt sie. Das Interesse kam über ihren Freundeskreis, durch welchen sie erste Berührungspunkte zur Arbeit auf dem Hof bekam. Irgendwann wagte sie den Berufsumstieg und ließ sich zur Betriebshelferin ausbilden.

 

Das ist nun zwei Jahre her, inzwischen arbeitet sie freiberuflich und unterstützt Betriebe in der Region. Einen geregelten Arbeitsalltag hat sie zwar nicht, das gibt die junge Landwirtin unumwunden zu. Entweder steht sie frühmorgens im Stall, arbeitet auf dem Acker oder hilft im Haushalt. Alle Tage eint, dass die 24-Jährige bis zu 14 Stunden im Einsatz ist. Trotzdem ist es genau diese Abwechslung, die die junge Landwirtin in ihrem Berufswechsel bestätigen. "Ich helfe auf hochmodernen Betrieben genauso aus, wie ich auf dem Feld mit altmodischen Legemaschinen arbeite." Meist sind es Betriebe mit durchschnittlich 70 bis 400 Küchen - kleinere bis mittlere Höfe, die Betriebshelfer wie Theresa H. brauchen.

Theresa H. ärgert sich über den schlechten Ruf der Landwirtschaft


Theresa unterstützt Landwirte bei ihrer Arbeit. Auch in großen Betrieben ist sie im Einsatz.
Bild: Josef Bauer

Obwohl die Arbeit sehr fordernd sein kann, fühlt sich die 24-Jährige angekommen in ihrem Beruf. Sie ärgert sich über den schlechten Ruf, gegen den sich Landwirte immer mehr wehren müssten. "Ich war deswegen bei einer Demo in Augsburg", sagt sie und fügt verärgert hinzu: „Landwirte sind keine Umweltverschmutzer." Durch die gestiegene Nachfrage der Menschen sei es nun mal notwendig, mit hochmodernen Maschinen zu arbeiten und in größeren Mengen zu produzieren. „Das lohnt sich für kleinere Betriebe gar nicht." Bei ihren Worten wird die junge Frau, die während des Gesprächs stets lächelt, plötzlich ernst. „Die Menschen sollten mehr Verständnis und Wertschätzung für die Arbeit in der Landwirtschaft haben." Sie habe deshalb schon überlegt, sich politisch zu engagieren und ihre Reichweite bei Instagram als Sprachorgan zu nutzen.

Mit ihrem Unmut steht die 24-Jährige nicht alleine da. Die Bilder aus dem vergangenem Jahr, als rund 1000 Landwirte mit Traktoren in München demonstrierten, sind noch präsent. Teilgenommen hatte Theresa H. zwar nicht. Dennoch sagt sie: „Durch die vielen Auflagen ist die Arbeit sehr viel aufwendiger als früher." Sie könne verstehen, dass viele Landwirte ihrem Frust auf diese Weise Ausdruck verliehen. „Viele meiner älteren Kollegen beschweren sich über den Mehraufwand durch die vielen Auflagen." Theresa H. kennt die Vorurteile gegenüber Landwirten. Es ärgert sie, dass Menschen nicht die immense Arbeit hinter dem Beruf sähen. Besonders kleine Höfe könnten diese nicht mehr lange leisten. „Ein Betrieb, auf dem ich mal ausgeholfen habe, wird wahrscheinlich aufgeben", schildert sie. Meist werden diese nur von einer Familie geführt, Festangestellte gebe es dort nicht. Obwohl es Menschen wie Theresa H. gibt, fehlt der Nachwuchs, der diese Arbeit übernehmen will. Selbst für die resolute Bäuerin sei das zu viel. "Ich möchte sicherlich irgendwann einen eigenen Hof haben, aber ohne Partner ist das nicht möglich."

Das Thema Landwirtschaft ist auf Instagram im Trend

Die Obermeitingerin ist nicht die einzige junge Frau, die sich in den sozialen Netzwerken mit ihrem Beruf in Szene setzt. Sucht man unter dem Stichwort "trecker babes" oder Landwirtschaft, tauchen viele ähnliche Kanäle auf. Einige Jungbauern präsentieren sich mit Landmaschinen, auf anderen Bildern kuscheln sie vor der Kamera mit Tieren. An der Authenzität dieser Darstellung hat Wolfgang Schweiger, Professor der Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, aber Zweifel. "Instagram ist pseudo-authentisch, die Bilder sind weitgehend inszeniert." Der Trend funktioniere deshalb, weil die Bilder nur oberflächlich die schönen Seiten der Landwirtschaft zeigten und die Realität weitgehend ausgeklammert werde. Das seien die klassischen Erfolgsprinzipien von Instagram.

Werde hingegen auch der harte Alltag gezeigt, so Schweiger, sinke die Reichweite und es werde eine andere Zielgruppe angesprochen: die der Landwirte. Entsprechend niedrig schätzt Schweiger die Chancen ein, auf diese Weise Nachwuchs für die Landwirtschaft zu generieren. Eher sieht er Facebook als geeignetere Plattform. Denn dort finde vielmehr ein politischer Diskurs statt. Dass es diesen zwar auch bei Instagram gibt, zeigt das Beispiel des Kanals "modernelandwirtschaft", der mit Fakten über die Landwirtschaft aufklären will. Meist sind es aber doch attraktive junge Frauen, die dort unter dem Schlagwort auftauchen.

Theresa H. geht unterschiedliche Wege, um auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen. Im vergangenen Jahr hat sie an der Fernsehsendung "trecker babes" teilgenommen und dadurch ihre Bekanntheit kräftig gesteigert. Und auch im Jungbauernkalender ließ sich bereits für erotische Bilder ablichten. Spätestens seit Ausstrahlung der Fernsehsendung wurde ihr Kanal auch für Werbepartner interessant. Sie wirbt beispielsweise in einer bezahlten Partnerschaft für ein Waschmittel. Als Influencerin möchte sie aber nicht gesehen werden. "Ich will nichts stellen."

Den Zuspruch, den sie in ihrem Kanal für erotische Bilder ehrhält, freut die junge Frau. Sie betont, ebenso wichtig sei es ihr, andere für ihren Beruf zu begeistern. "Ich kann ihnen zeigen, dass es ein moderner Beruf ist wie jeder andere auch." Bestätigt fühlt sie sich durch Nachrichten von Menschen, die bislang keinen Kontakt zur Landwirtschaft hatten.

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