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Krebstod einer Zwölfjährigen

20.01.2010

"Wunderheiler" versprach Hilfe - und Susanne starb doch

Krebs Kinder

Susanne hat Krebs. Doch die Eltern brechen die Therapie ab, weil das zwölfjährige Mädchen aus dem Allgäu leidet. Ein selbst ernannter Wunderheiler verspricht: Das Kind wird von selbst gesund. Aber Susanne stirbt. Und zurück bleibt die Frage: Was ist richtig und was falsch? Von Dirk Ambrosch

Ein Kaminfeuer. Über dem Ofen in der Stube des Bauernhauses hängen Anoraks zum Trocknen. Alles Bubensachen. Erika Rehklau sagt: "Jetzt habe ich nur noch Buben." Sieben Kinder hat die 49-Jährige auf die Welt gebracht. Susanne war das einzige Mädchen. Doch Susanne ist jetzt tot. Gestorben an Heiligabend. Sie war zwölf Jahre alt - und sie hatte Krebs. Doch ihre Mutter sagt, der Krebs habe das Kind nicht umgebracht. "Es war ihr Auftrag. Es war der Weg, den sie gehen wollte. Und er ist nun zu Ende."

Es ist kein geradliniges Wegstück, das Susanne und ihre Eltern beschritten haben. Eher ein verschlungenes. Eines, auf dem man sich leicht verirren kann, wenn man die Strecke zum ersten Mal geht und nach Orientierung sucht. Wenn zunächst Ärzte eine schwierige Route weisen, jedoch ein umstrittener Krebsheiler angeblich einen viel einfacheren Weg kennt. Und schließlich auch Gerichte und Jugendamt eine Richtung weisen. Wer wollte da mit Sicherheit sagen, er hätte selbst zweifelsfrei die richtige Abzweigung genommen?

Am 1. Juli 2009 wird bei der zwölfjährigen Susanne ein ballgroßes Geschwür im Bauchraum diagnostiziert. Krebs. Ein Schock für die Eltern Erika und Fritz Rehklau aus Altusried (Oberallgäu). Das Mädchen wird zunächst in der Universitätsklinik Tübingen behandelt und erhält eine Chemotherapie. Kurz darauf bekommt es eine auf das befallene Organ beschränkte Therapie in einer Privatklinik in Burghausen (Oberbayern).

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Nach der Behandlung geht es dem Kind schlecht. Die Mutter erinnert sich, wie Susanne zu ihr sagte: "Mama, ich habe keine Angst vor dem Sterben. Und ich will keine Chemo mehr." Vater und Mutter verweigern daraufhin eine erneute Behandlung in der Universitätsklinik Tübingen, obwohl die behandelnden Ärzte dort von einer Heilungschance von etwa 70 Prozent ausgehen.

Die Eltern suchen nach Alternativen. Die Mutter bekommt ein Heft über die sogenannte Germanische Neue Medizin in die Hand. "Das war stimmig für mich", sagt Erika Rehklau. Auf die Germanische Neue Medizin zu bauen, sei eine "Entscheidung aus Liebe" gewesen.

Sie fährt sich mit den Fingern durchs Haar und trinkt einen Schluck Tee. Dann fügt sie hinzu: "Wir haben Susannes Willen nachgegeben." Die Eltern und ihre Tochter machen sich auf den Weg.

Der Mann, in dessen Hände sich die Familie begibt und dessen Lehre sie nun vertrauen, ist der ehemalige deutsche Facharzt für Innere Medizin, Ryke Geerd Hamer (74). Ihm wurde bereits 1986 die Approbation entzogen und er war wegen illegalen Praktizierens und Betrugs in Frankreich im Gefängnis. Derzeit lebt er in Norwegen. Hamer zufolge ist eine Heilung von Krebs ohne Chemotherapie möglich.

Bereits 2005 hatte die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) in einer gutachterlichen Stellungnahme zur Germanischen Neuen Medizin von Hamer Position bezogen: Sie sei ohne jede wissenschaftliche oder empirische Begründung. Laut DKG sind mehrere Todesfälle von Menschen belegt, die seiner Theorie vertrauten. Die Patienten hätten unter schulmedizinischer Behandlung eine realistische Heilungschance besessen. "Deshalb ist die Germanische Neue Medizin mit allem Nachdruck als einerseits absurd, andererseits aber bewiesenermaßen gefährlich zurückzuweisen."

Die Eltern und das Mädchen telefonieren nun regelmäßig mit dem selbst ernannten Krebsheiler. Geld verlangt er nach Aussage von Erika Rehklau nicht für die Beratung. "Keinen Pfennig wollte er - nie." Auf Basis der Telefongespräche sowie Computertomografie-Aufnahmen des Bauchraumes verfasst Hamer Gutachten über den Gesundheitszustand des Kindes. Er kommt zu dem Schluss, dass "überhaupt keine Lebensgefahr besteht".

Weil der behandelnde Arzt von der Tübinger Klinik aber um das Leben des Kindes fürchtet, schaltet er Ende September 2009 das Jugendamt Oberallgäu ein und der Fall kommt vor das Familiengericht in Kempten. Das Gericht beschließt am 22. Oktober, den Eltern das Sorgerecht in Teilen zu entziehen. Die Entscheidung über die medizinische Versorgung oder den Aufenthaltsort wird dem Jugendamt Oberallgäu übertragen. Den Beschluss des Familiengerichts bestätigt das Oberlandesgericht München fünf Wochen später. Die Kammer sieht das körperliche Wohl des Kindes gefährdet, da die Eltern eine notwendige medizinische Behandlung (Chemotherapie) nicht fortführen oder bereits abbrachen und auf telefonische Diagnosen vertrauen. Nach Ansicht des Gerichts sind die Eltern nicht in der Lage, "möglichen Schaden vom Kind abzuwenden", heißt es in der Begründung.

Nach dem Gerichtsbeschluss wird Susanne Rehklau Anfang November am Universitätsklinikum Ulm von Professor Daniel Steinbach untersucht. Ihr Zustand hat sich deutlich verschlechtert. In seinem Gutachten schreibt der Oberarzt: "Durch die erhebliche Therapieverzögerung ist es nun zu einer Erholung des Tumors und zu einem erneuten Wachstum gekommen." Der Krebs hat Metastasen gestreut, die Überlebenschancen des Mädchens beziffert der Arzt selbst mit Chemotherapie nur noch auf "20 bis 30 Prozent".

Doch trotz langer, intensiver Gespräche mit Oberarzt Steinbach lassen sich die Eltern nicht zu einer schulmedizinischen Behandlung umstimmen. Steinbach kann das Verhalten erklären: Eltern wollen ihr Kind nicht leiden sehen, wollen keine Therapie mit schweren Nebenwirkungen, suchen händeringend nach einer Alternative. "Und dann kommt einer mit dem Versprechen: Ihr braucht nichts zu tun! Das wollen die Eltern in ihrem Ausnahmezustand gerne hören", sagt Steinbach. Dabei hätte Susanne nach Einschätzung des Arztes "bei durchgehender Chemotherapie mit großer Wahrscheinlichkeit gerettet werden können".

Die Eltern telefonieren nun fast täglich mit Ryke Geerd Hamer. Am 8. November - sechseinhalb Wochen vor Susannes Tod - verfasst er ein "Abschlussgutachten", in dem er das Ulmer Ergebnis als "diagnostischen Bockmist" abtut. Das Kind sei "quasi gesund", keine Metastasen habe es, sondern Zysten. Der Krebs heile ab. "Ich kann wirklich keinen Grund finden, woran das Mädchen sterben könnte." Nach dem Tod von Susanne Rehklau spekuliert Hamer dann: Es sei in diesem und einem weiteren von ihm erwähnten Fall "der Verdacht nicht auszuschließen, dass die beiden Patienten unbemerkt einen Chip implantiert bekommen hatten, sodass man sie beide punktgenau ausknipsen konnte". Die Bitte unserer Zeitung an Hamer um eine Stellungnahme zum Fall Susanne Rehklau bleibt unbeantwortet.

Die letzten Wochen ihres Lebens verbringt Susanne im Bauernhaus der Familie in einem Weiler bei Altusried. Ein Arzt schaut in Abstimmung mit dem Jugendamt regelmäßig vorbei. Schmerzen habe sie bis zum Schluss nicht gehabt, sagt die Mutter. Nur abgemagert sei sie gewesen. Dann, an Heiligabend, beim Vorlesen der Weihnachtsgeschichte, erbricht sich das Mädchen und verliert das Bewusstsein. Die Zwölfjährige stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Ihr Tod trifft die Familie unvorbereitet. Erika Rehklau schluckt, ihre Stimme klingt brüchig. "Wir hatten nicht mehr damit gerechnet. Der Tod war ja für uns kein Thema mehr. Denn der Krebs war ja nach Hamer abgeheilt."

Erika Rehklau sitzt am großen Esstisch vor dem Ofen und reibt sich mit beiden Handflächen über das Gesicht. Ob sie noch mal so entscheiden würde? "Vielleicht würde ich den Tod nicht mehr so ausgrenzen", sagt die 49-Jährige. "Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich etwas besser oder anders hätte machen können. Ob Susanne mit Chemotherapie noch leben würde, daran denke ich nicht. Es war das Richtige. Es war ihr Weg, den sie gegangen ist."

Und es gibt keinen Weg zurück. Dirk Ambrosch

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