Wenn Kaminkehrer Josef Krammer durch seinen Kehrbezirk fährt, wirkt er wie ein Getriebener. Im Vorbeifahren scannt er die Gegend. „Da war ich schon, da noch gar nicht.“ Er muss dafür sorgen, dass hier alle im Winter sicher heizen. Krammer hat seinen Bezirk im östlichen Kreis Dillingen vor zwei Jahren übernommen. Und ist noch immer mit der Bestandsaufnahme beschäftigt. Zur eigentlichen Arbeit gesellen sich jetzt auch Heizkrise, Materialmangel und neue Gesetze. Weltpolitik in bayerischen Heizungskellern.
Es ist kurz vor acht. Krammer sitzt beim Frühstück in einer Supermarkt-Bäckerei. Warum Kaminkehrer so früh anfangen? „Damals haben sie noch früher angefangen“, sagt er. „Da musste gekehrt werden, bevor der Bauer den Herd in der Früh eingeschürt hat.“ Das war dann manchmal um fünf Uhr. Damals, als nur wenige Räume überhaupt beheizt wurden. Damals, als Zentralheizungen erst aufkamen. Damals, als Heizungen noch einen Großteil ihrer Wärme durch den Kamin geblasen haben. Damals scheint lange her.
Doch das fossile Zeitalter ist in deutschen Heizungskellern noch nicht vorbei. Mit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs kam dafür die Quittung. Wärmepumpen, Pellets, Holzöfen: Viele versuchen derzeit, das Heizen mit Öl und Gas zu umgehen. Doch der Markt für Alternativen ist leer und Kaminkehrer wie Josef Krammer sind am Rotieren, berichten von Anrufen am laufenden Band. „Alle wollen jetzt einen Holzofen.“ Doch für viele wird es in diesem und wohl auch in den nächsten Wintern so weitergehen, wie es schon jahrelang geklappt hat. Das ist aus Sicht des Kaminkehrers eigentlich gar nicht so verkehrt.
Nicht jeder kann mit der Wärmepumpe sein Haus heizen
Auf Krammers Liste stehen heute sechs Häuser. In fünf gibt es Ölheizungen. Auf dem Land ist das normal. Doch rückständig sei man hier nicht, betont Krammer. „Es hat sich viel verändert.“ Moderne Heizungen seien extrem effizient, das werde oft ausgeblendet. Er ist mittlerweile 30 Jahre im Beruf, hat so manche kuriose Geschichte erlebt. „Es gab ja auch schon Zeiten, als das Öl richtig teuer war.“
Das war 2011, das bis dato teuerste Jahr. Spannungen im Nahen Osten ließen den Preis nach oben schnellen. Damals kostete ein Liter Heizöl durchschnittlich 85 Cent. „Da ist man schon in Häuser reingekommen, wo man gleich gesehen hat, die frieren“, sagt Krammer. Aktuell kostet ein Liter Heizöl fast 1,60 Euro. Wie geht es weiter? „Sicher wird man den Gürtel enger schnallen müssen.“ Doch auf dem Land sei man vorbereitet. „Viele stehen hier auf zwei Beinen“, sagt der 47-Jährige.
Eine Ölheizung sei oft nicht die einzige Wärmequelle in Häusern
In vielen Häusern sei die Ölheizung nicht die einzige Wärmequelle, oft gebe es noch Holzöfen. Einfach umstellen auf Pellets oder Wärmepumpe? Nicht jeder könne sein ganzes Haus so heizen. Doch bei dem Thema wird es heikel, zu Politischem will sich Krammer nicht äußern. „Naa, schreiben S’ des ned“, sagt er in seinem oberbayerischen Dialekt. Krammer kommt aus Pöttmes, jenseits der bayerisch-schwäbischen Sprachgrenze.
Die Verwirrung sei perfekt. „Ich mag den Leuten gar nichts raten, weil man nichts raten kann.“ Nach dem Wunsch der Bundesregierung sollen ab 2024 keine neuen Heizungen mehr eingebaut werden, die rein auf Gas- oder Öl-Verbrennung basieren. Erlaubt könnten dann nur noch Hybrid-Heizungen sein, die nur noch zu einem Prozentsatz auf der Verbrennung von fossilen Energien basieren. Der Rest soll mit Erneuerbaren laufen. „Wir sollen das dann prüfen. Wie, weiß noch keiner.“ Es sind diese Entscheidungen, die Krammer nicht versteht.
Alte Öfen werden wieder aktiviert, andere stillgelegt
Oder die Entscheidung, dass Menschen, die eine Gasheizung zu Hause haben, nun auch mit längst stillgelegten Holzöfen heizen dürfen. „Sofern sie sicher sind“, sagt Krammer. „Und das muss auch ich überprüfen.“ Für einen Kaminkehrer wie ihn sei es oft eine schwere Überzeugungsarbeit, alte Öfen aus den Wohnzimmern herauszubringen. Nun würden sie wieder reingetragen. Das alles komme zu seiner normalen Arbeit hinzu. Feuerstätten schauen, kehren, messen. Vorschriften, Regeln, Gesetze. Es ist sein Alltag.
Die zweite Adresse auf Krammers Liste ist die von Siegfried Traub. Auch er hat eine Ölheizung, das Warmwasser wird im Sommer mit einer Wärmepumpe aufgeheizt. Traub lehnt an der Tür zum Heizungskeller. „Ich fühle mich ein bisschen veräppelt von der Politik.“ Er habe vor 20 Jahren sein Niedrigenergiehaus gebaut. Habe gut gedämmt, eine sparsame Ölheizung einbauen und Fenster vom Schreiner anpassen lassen. „Ich habe investiert und mich auf Fachleute verlassen. Mehr kann ich nicht machen.“ Immer wieder bekomme er Anrufe von Firmen, die ihm neue Fenster oder eine Solaranlage verkaufen wollen, weil die gefördert werden.
Bei einer Tasse Kaffee wird es dann doch noch politisch
Traub schüttelt den Kopf. Förderung schön und gut, doch auf dem Rest der Investition bleibe er sitzen. „Da gibt es so viele schwarze Schafe, die aus der Krise jetzt Profit schlagen wollen“, ärgert sich der Hausbesitzer. Und auch über die Tipps mancher Politikerinnen und Politiker. „Der Habeck war jedenfalls noch nie in auf meinem Dach oder in meinem Heizungskeller, um zu sehen, was da Sache ist.“ Krammer prüft den Ölbrenner. Alles tipptop. Ein Filterpapierchen zeigt: kein Ruß. Trotzdem bekommt das Gerät eine Effizienzplakette mit der Note C, der orangene Bereich. Ob das sinnvoll ist? Krammer schnaubt. „Schreiben S’ des lieber ned.“
Es geht vom Keller ins Wohnzimmer. Traub hat hier einen Holzofen. Auch hier ist der Kaminkehrer zufrieden. „Wie kann man sich merken, was die perfekte Scheitholzgröße ist?“ Krammer macht die „Merkel-Raute“, legt Daumen und Zeigefinger zur berühmten Kanzlerinnen-Geste zusammen. „Acht bis zwölf Zentimeter, das ist die perfekte Größe.“ Und da ist sie wieder – die Politik, über die man eigentlich nicht reden wollte. Überhaupt Angela Merkel. Die beiden sind sich einig, sie fehlt. Die Stabilität, die sie Deutschland gebracht habe, sei gut gewesen.
Bei einer Tasse Kaffe wird dann doch noch ein bisschen politisiert. „Vieles, was man heute aus Berlin hört, ist nicht zu Ende gedacht“, sagt Traub. „Und das ist bei mir keine Stammtisch-Mentalität, generell über Politik zu schimpfen. Aber es gibt gewisse Punkte ...“ Traub ist niemand, der unreflektiert über „die da oben“ schimpft. Er gehört nur zu denen, die das Gefühl haben, schon alles getan und doch alles falsch gemacht zu haben.