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21.02.2015

Vor 100 Jahren zog Melchior Häfele in den Orient

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3 Bilder
Das deutsche U-Boot 35 bei der Ausfahrt ins Schwarze Meer.

Als der Warnhofener sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zur Marine meldete, gab es dafür eine Ohrfeige von der Mutter. Nach Hause kam er hochdekoriert

Er wollte Abenteuer erleben – und er hatte das Glück, diese nicht nur zu erleben, sondern auch gesund zu überleben: Melchior Häfele aus dem kleinen Dorf Warnhofen im oberen Kesseltal meldete sich bei seiner Musterung ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs freiwillig zur Kriegsmarine und verbrachte ab 1915 dreieinhalb Kriegsjahre in der Türkei, die damals mit dem Deutschen Reich verbündet war.

Geboren wurde er im Januar 1892 in Warnhofen als elftes von insgesamt 16 Kindern der Familie Häfele. Nach verschiedenen beruflichen Stationen kam er im März 1913 nach Warnhofen zurück, weil es dort wegen eines verheerenden Großbrandes im Dorf sehr viel Arbeit gab. Einige Wochen später stand die Musterung an, und der 21-Jährige entschloss sich zur freiwilligen Meldung bei der kaiserlichen Marine, die damals als „Lieblingskind des Kaisers“ abenteuerlustige junge Männer aus dem ganzen Reich anzog. „Dafür gab es zu Hause von der Mutter eine Ohrfeige“, heißt es in den bis heute erhaltenen Aufzeichnungen der Familie. Davon unbeirrt rückte der Warnhofener am 29. September 1913 im Marinestützpunkt Wilhelmshaven ein. Nach der Ausbildung wurde er dort zur 2. Seefliegerabteilung versetzt. Als einziger Bayer im Regiment wurde er von seinen überwiegend preußisch-norddeutschen Kompagnons oft gepiesackt, pflegte er noch Jahrzehnte später zu erzählen. Ein beliebter Spaß war es unter Seeleuten, den Schlafenden einfach die Hängematte umzudrehen, was er selbst auch öfter erdulden musste. In Wilhelmshaven erlebte Melchior Häfele nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo im Hochsommer des Jahres 1914 den Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit. Noch im gleichen Jahr wurde er zur Seefliegerabteilung auf der Insel Helgoland abkommandiert. Trotz der räumlichen Nähe zu dem Kriegsgegner England auf der Felseninsel in der Nordsee von den unmittelbaren Kriegsereignissen weitgehend verschont, zog es den Kesseltaler im Jahre 1915 noch weiter in die Ferne. Wieder meldete er sich freiwillig, dieses Mal in die Türkei, an die Meerenge der Dardanellen. Hier kämpften die Großmächte des Ersten Weltkrieges mit allen Mitteln um ihre Einflusssphären und um den Zugang zum Schwarzen Meer.

Das deutsche Kaiserreich war mit dem Osmanischen Reich verbündet und unterstützte die Großmachtträume von Sultan Mehmet V., um den Kriegsgegner Russland und die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich zu schwächen. Vier Tage lang dauerte die Fahrt mit dem Zug vom Anhalter Bahnhof in Berlin über Wien, Budapest, Bukarest und Sofia nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Fotos von den Einsatzorten in der Türkei, die Melchior Häfele später mit nach Hause brachte, zeigen deutsche U-Boote und türkische Schiffe im Bosporus, daneben aber auch die Bergung eines abgestürzten deutschen Flugzeugs und die Aufmunitionierung einer anderen Maschine. Reisen von dort aus führten ihn auch nach Ägypten, Palästina und Tunesien. Im März des Jahres 1916 wurde Melchior Häfele mit dem Ehrenzeichen des Türkischen Halbmonds ausgezeichnet, eine hohe Ehre für einen Ausländer. Monate später erhielt er auch das deutsche Eiserne Kreuz Zweiter Klasse.

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Nach zweieinviertel Jahren an den Dardanellen und dem Bosporus wurde Häfele in die Seeflugstation Mersin am Rande der Syrischen Wüste abkommandiert. In Mersin erlebte er das Ende des Ersten Weltkrieges mit und trat im November 1918 über Konstantinopel, das Schwarze Meer und die Ostsee eine weite Heimreise an. „Ich habe sechs Meere durchfahren“, lautete einer seiner Lieblingssprüche, die Melchior Häfele nach seiner glücklichen Rückkehr ins Kesseltal gerne von sich gab. Dann zählte er auf: „Das Mittelmeer, das Schwarze Meer, das Marmarameer, das Ägäische Meer, das Rote Meer – und gelandet bin ich im Habnichtsmehr!“ Ganz so war es nicht, denn der zeitlebens umtriebige Warnhofener, aufgewachsen als Sohn des Viktualienhändlers Kaspar Häfele, machte sich bereits im Jahre 1920 mit einer Schreinerwerkstatt selbstständig, heiratete am 1. Mai 1922 Anna Schlund aus Diemantstein, bei deren Vater er einst vor seinen Kriegsabenteuern eine Weile gearbeitet hatte, und gründete eine Familie, aus der vier Kinder hervorgingen.

Eine Leidenschaft Melchior Häfeles, der aus einer großen Künstlerfamilie stammt und der im Februar 1986 im Alter von fast 94 Jahren verstarb, gehörte der Musik. Kaum war der Frieden nach dem unseligen Krieg endlich Wirklichkeit geworden, gründete er im Jahre 1919 zusammen mit Josef Wagner, Friedrich Knoll und Josef Schweier eine Musikkapelle. Die 840 Mark, welche die Instrumente kosteten, legte Häfele damals selbst aus. Ein Marinehorn, das ihn an vielen seiner Stationen begleitet hatte, bewahrt seine jüngste Tochter Renate Rauh zusammen mit seiner Seemannsuniform, den Orden und einem selbst gefertigten Holzkoffer bis heute in ihrem Haus in Warnhofen auf.

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