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Rain-Staudheim

26.12.2020

Die Historie der Dorfkirche St. Quirin in Staudheim

Dieses Fresko aus der Zeit um 1420 in der Staudheimer Pfarrkirche St. Quirin zeigt die „Geburt Christi“.

Plus In der Dorfkirche St. Quirin im Rainer Stadtteil Staudheim verbergen sich einzigartige Geschichten. Ein Exkurs über Baugeschichte, Wandmalereien und Glocken.

Einzig Staudheim ist im sogenannten „Lechgebiet“ des Landkreises Donau-Ries gegenwärtig die Heimat von Störchen. Seit 1982 vermisste man die Familie auf dem Kirchturm. „Das Storchennest wurde am 15. Februar 2014 neu renoviert und im Frühjahr sofort durch ein Storchenpaar angenommen“, berichtet Kirchenpfleger Helmut Kugelmann, der sich mit seinem Team um diese Brutstätte kümmert. Auch für das 2015 beim Anwesen Jung hergerichtete Nest fanden sich seither Bewohner.

Mit dem Kloster Tegernsee als Grundherrn gab es im zehnten Jahrhundert ein enges Band, abrupt durch Herzog Arnulf durchschlagen, aber bis heute durch den Kirchenpatron „Quirin von Tegernsee“ sichtbar geblieben. Dabei feiern die Staudheimer am Gedenktag des „Quirin von Neuss“. Beim Hochaltar-Bild besteht der Verdacht, dass der Maler in künstlerischer Freiheit sowohl Elemente des Neusser wie des Tegernseer Quirin verwendet hat. Eine „zwingende“ Ikonographie gibt es nicht, beide lebten in Rom, der eine im frühen zweiten Jahrhundert, der andere gemartert um 269.

Dorfkirche St. Quirin im Rainer Stadtteil Staudheim hat besondere Bauart

Herausragend ist das Gotteshaus durch zwei andere Aspekte: „Der backsteinerne Kirchturm von St. Quirin in Staudheim – Untersuchungen zur Konstruktion und zum Mauerwerk“. So hat Claudia Eckstein einen Aufsatz überschrieben, den sie für die Jubiläumsschrift „1000 Jahre Staudheim“ beisteuert. Warum interessiert sich die Professur für Bauforschung und Baugeschichte der Otto-Friedrich-Universität Bamberg dafür? Eckstein ist seit ihrem Magister-Abschluss 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Bamberg und bearbeitet parallel ihre Dissertation zum Backsteinbau im schwäbischen Raum. „Der Kirchturm ist eines der seltenen Beispiele des materialsichtigen Backsteinbaus der Region. Im engen Umkreis hat er diese auffällige Außengestaltung nur mit dem Donauwörther Liebfrauenmünster und dem nahe gelegenen Kirchturm der Gempfinger Pfarrkirche St. Vitus gemein; an den übrigen umliegenden Sakralbauten ist das Baumaterial hingegen in der Regel unter Putzschichten verborgen“, nimmt Claudia Eckstein in ihrem Aufsatz das Besondere vorweg.

Offene, schräg verlaufende Gerüstholzlöcher an einer Ecksituation des Turminnenraums. Erkennbar sind auch unterschiedliche Farben der Steine.

Zwar ist der Turm mit 16,80 Metern nur etwa halb so hoch wie der „große Bruder“ in Gempfing (29,60 Meter). „Gleichwohl sind seine Mauerstruktur, das verwendete Backsteinmaterial und die Zierform der Fassadengliederung einer eingehenden Untersuchung durchaus wert und geben dabei so manches interessante Detail zur Bau- und Konstruktionsgeschichte des Turmes preis“, resümiert Claudia Eckstein. Der Turm wird im Außenbereich durch drei sogenannte Sägefriese in vier etwa gleich hohe Ebenen gegliedert. Lediglich auf der ersten Ebene sind von innen Bruchsteine im Mauerkern sichtbar, darüber ist an offenen Gerüstholzlöchern erkennbar, dass die Mauern scheinbar massiv aus Backstein durchgeschichtet sind - und das bei einer Wandstärke von rund 85 Zentimetern. Einige der Gerüstholzlöcher - es sind Relikte des Bauprozesses - sind auch außen am Mauerwerk ablesbar.

1300 wurde der Turm von St. Quirin im Staudheim errichtet

Das Mauerwerk wurde in jüngerer Zeit nachverfugt. Die geringen Formatschwankungen und die gleichmäßig über die gesamte Turmhöhe verteilte Backsteinfarbigkeit – überwiegend hellrot, teilweise dunkelrot oder versintert durch die Lage im Brennofen – lassen auf einen durchgängigen Baufortgang schließen. Der unkomplizierte Sägefries mit denselben Schichthöhen wie das Mauerwerk stört den Verband nicht, ist ein typisches Element der romanischen und frühen gotischen Architektur. Um 1300 wurde der Turm wohl errichtet. In den engen Kanten der Friese haben sich vereinzelt weiß-rosafarbene Spuren einer ehemaligen Farbfassung erhalten, die auf eine ursprüngliche Verputzung beziehungsweise Überschlämmung schließen lassen. Zudem weisen zahlreiche Hackspuren auf den Backsteinoberflächen darauf hin, dass eine solche Fassung beziehungsweise Putzschicht einst bewusst entfernt wurde.

Eine Notiz von 1904/05 belegt dies: Es wurde entschieden, den Turmverputz nicht zu erneuern, sondern gänzlich zu entfernen. Der Backsteinturm ist für die Einheimischen ein „Markenzeichen“ – für die Bauforschung bietet er die seltene Gelegenheit, die ganze Mauerstruktur auszuwerten und regionale Besonderheiten sowie großräumige Entwicklungstendenzen zu ermitteln.

„Staudheimer Weihnacht“ als Fresken in der Kirche St. Quirin

Im November 2004 veröffentlichte Rainer Wilhelm einen Aufsatz „Die Wandmalereien von St. Quirin – mittelalterliche Predigt in Farbe“. In Staudheim ist er aufgewachsen, in Gempfing hat er ein Architekturbüro aufgebaut. Wilhelm hat die Botschaften der über Jahrhunderte unter Putzschichten verborgenen Malereien im Chorraum aus der Zeit um 1420 erforscht. Die Entstehungszeit war geprägt vom „realen“ tief greifenden Unterschied zwischen den Bildern von Not und Armut einerseits und einem fruchtbaren Kunstschaffen zur Verbreitung des Christentums andererseits. Letztere war vorwiegend auf die bildliche Darstellung fixiert – Lesen und Schreiben war nur wenigen vorbehalten. Kunst lieferte eher einen Ausgleich auf die Unzulänglichkeiten einer Zeit, als dass sie deren Abbild war.

Es war sicher Ziel von Auftraggeber und Maler, die Wahrheit des christlichen Glaubens, die Worte der Bibel, einprägsam darzustellen. Die Fresken mussten überzeugende und leicht verständliche Aussagen für die Bevölkerung machen. Eine realistische, perspektivisch richtige Darstellung hat der Staudheimer Freskant nicht angestrebt. Der Stall von Bethlehem ist ein Erkennungsmerkmal der Weihnachtsgeschichte. Bei der „Flucht nach Ägypten“ werden die Personen im Zeichen ihrer Dienste nur flächig abgebildet. Die „Staudheimer Weihnacht“ benötigt nur wenige Farbtöne.

Wandbilder in Dorfkirche in Staudheim sind über 600 Jahre alt

Eine Besonderheit ist auch, dass es sich um thematisch geschlossene Zyklen handelt. Die restaurierten sechs Bilder an der Südwand des Chores erzählen die Weihnachtsgeschichte. Dargestellt ist eine Basilika, deren biblische Szene nicht bekannt ist, die Geburt Christi, die Verkündigung an die Hirten (ein Engel trägt ein Band mit der Aufschrift: „nuntio vobis gaudium magnum“, übersetzt „ich verkündige euch eine große Freude“), der Bethlehemische Kindermord, die Flucht nach Ägypten und Jesus im Tempel.

Spätmittelalterliche Vorstellungswelt von der Auferstehung der Toten.

Nicht alle der 600 Jahre alten Bilder sind – da teils unvollständig – zu identifizieren. Unter den sechs Bildern an der Innenseite des Chorbogens sind die Heiligen Drei Könige erkennbar, Moses (Gesetzestafeln) und „Juden bringen Gold für das goldene Kalb“ zu vermuten. An der Nordwand gibt es drei Bilder, darunter Moses, Schlüsselübergabe an Petrus sowie Martin mit Bartholomäus. Seitlich und hinter dem Altar sind Mathias und Tod Mariens zu sehen, außerdem in derber, anschaulicher Weise die „Auferstehung des Fleisches“: menschliche Figuren entschweben mit betenden Händen ihren Gräbern.

St. Quirin: Malereien waren bis 1948 unter Putzschicht verborgen

Erhalten haben sich die Staudheimer Fresken, weil Umbauten der Dorfkirche wohl an den Finanzen scheiterten. So waren die Malereien bis zu den Freilegungen von 1929 beziehungsweise 1948 unter einer Putzschicht verborgen. Bei Untersuchungen im Kirchenschiff wurden 1989 im Farbton identische Fresken gefunden – man darf sich einen vollständig gotisch ausgemalten Kirchenraum vorstellen! Geöffnet wurden diese Bilder nicht, da spätere Bemalungen zerstört würden.

Restauriert wurden 1992/93 sechs Motive an der südlichen – weihnachtlichen – Chorwand sowie eines auf der Nordseite (2007). Dass heute ein Teil der kunstgeschichtlich höchst interessanten Bilder in der ursprünglichen Ausdruckskraft betrachtet werden kann, ist den Entscheidungsträgern der Kirchenrenovierung zu verdanken.

Weihnachten läuten in Staudheim die Glocken von St. Quirin ein

Die Heilige Nacht werden in Staudheim die 1952 gegossenen Muttergottes- (Tonlage fis) und Quirinus-Glocke (Tonlage a) sowie die Heilig-Kreuz-Glocke, gegossen 1780 von Joseph Ignaz Daller in München (Tonlage h), einläuten. Staudheim hatte 1942 zwei Glocken für Kriegszwecke abgeben müssen.

Die historische Glocke von 1780 ist an den Flanken mit vier Reliefs verziert. Hier die Kreuzigungs-Szene mit Maria und Johannes.

Zehn Jahre später wurde die „Arme-Sünder-Glocke“ wegen eines harmonischen Geläutes in Zahlung gegeben und dafür die historische Glocke eingetauscht. Reliefs der Kreuzigung (mit Maria und Johannes), Johann Nepomuk, Nikolaus und Florian schmücken ihre Flanken. Bemerkenswert sind sechs bärtige Köpfe an der Krone. Am Wolm wird ein Gebet des Antonius von Padua wieder gegeben.

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