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DZ-Lesesommer (Folge 9)

28.08.2020

Petra Quaiser: Lebewohl Sommer - willkommen Herbst

Autorin Petra Quaiser nutzt einen Spaziergang im Ries, um sich ihre Heimat eingehend zu betrachten und den Herbst willkommen zu heißen.
Bild: Gerhard Amslinger

Plus Die DZ lädt ein zum Lese-Sommer. In Folge 9 erzählt Petra Quaiser vom morgendlichen Erlebnis Natur in heimatlichen Gefilden.

Schon am frühen Morgen sind wir mit unserer Hündin Kiri unterwegs. Nur einige Schritte von unserem Haus entfernt befinden wir uns auf einer kleinen Anhöhe und können fast den ganzen Rieskessel überblicken. Noch ist es kühl und die frische Luft tut gut. Glutrot schiebt sich die Sonne über den Horizont. Nebelschwaden durchziehen stellenweise das Land.

Die Sonne verspricht einen heißen Sommertag und doch winkt der Herbst bereits von allen Seiten. Der Altweibersommer hat sich in den Büschen bereits eingenistet. Tautropfen zieren wie schimmernde Perlen die Grashalme. Die Wörnitz schlängelt sich wie ein silbernes Band durch die dampfenden Auen.

Die Blicke schweifen zum Riesrand

Unsere Blicke schweifen zum Riesrand, der sich schemenhaft im Morgendunst zeigt. Leicht umhüllt sind auch der Nördlinger Daniel, der Ipf, der Wallersteiner Felsen, der Hesselberg und die Wallfahrts-Basilika Maria Brünnlein bei Wemding zu erkennen. Vom Hahnenkamm herüber winken die Windräder, die Klosterkirche Mönchsdeggingen versteckt sich hinter einem zarten Schleier.

Wir marschieren von der Anhöhe hinab, vorbei an unserer Dorfkirche, weit hinaus durch Feld und Flur. Am frühen Morgen ist in der Natur der Tisch der Sinne reichlich gedeckt. Eine herrliche Stille umgibt uns. Nur die Geräusche der Tierwelt sind zu hören. Es raschelt im Grünstreifen am Wegesrand. Aufmerksam spitzt unsere Hündin ihre Ohren. Sie bleibt lauernd stehen, hebt ein Bein und springt wie ein Geißbock aus dem Stand in den Feldrain. Da, ein Quieken! Mit hoch erhobenem Haupt präsentiert sie uns stolz die Beute in ihrem Maul. Ein Biss, ein Knirschen und verschlungen ist die Maus.

"Wenn der Wind über die Stoppeln weht, kommt der Herbst"

Die Getreidefelder sind schon fast alle abgeerntet. Nur noch Stoppeln stehen da. Wie sagte doch früher meine Oma: „Mädle, wenn der Wind über die Stoppeln weht, dann kommt der Herbst.“ Aber es ist doch erst August und die Hundstage haben uns mit einer Hitzewelle voll im Griff. Und doch, es ist bereits Erntezeit. Auf den abgeernteten Getreidefeldern labt sich ein Schwarm Tauben an den Kornresten. Der Ruf der Wildenten ist zu hören, die in einer kleinen Gruppe durch die Lüfte ziehen.

Unser Weg geht über einen Bach. Ganz ruhig bleiben wir stehen und halten nach dem Biber Ausschau, der hier zu Hause ist. Der Bach ist gestaut. Eine Entenmutter und ihre zwei Jungen gleiten lautlos über das Wasser. An einem nahen Maisfeld entdecken wir eine kleine Schneise. Schleifspuren ziehen sich durch das Gras bis zum Bach. Baumeister Biber holt sich im Maisfeld Baumaterial, schleppt die Stangen zum Bach und baut damit seinen Damm. Inzwischen hat die Sonne den Himmel schon etwas mehr erobert. Es wird warm, man kann es spüren.

Die Feldarbeit beginnt

Mit einem Mal ist ein fröhliches Jubilieren zu hören. Es ist der Gesang einer Lerche, die sich musizierend in den Himmel schraubt. Eine große Wiese löst die trostlosen Getreidestoppeln ab. Sie ist noch nicht gemäht. Die Farbe des Grases hat bereits einen herbstlichen Touch. Das satte Grün des Sommers hat braune Spitzen bekommen und die bunte Blumenvielfalt ist fast verblüht. Und doch tanzen zahlreiche Insekten ihren Reigen und lassen ein feines Summen ertönen. Dichte Büsche säumen den Wiesengrund. Hier beginnt das Haseneldorado. Meister Lampe und die ganze Sippe geben sich hier ein Stelldichein. Sie sitzen da, mümmeln vor sich hin und spitzen die langen Ohren. Das ist eine harte Probe für unsere Hündin, die diese Idylle jetzt gerne aufmischen würde. Doch die Leine lässt das nicht zu. Dafür entschädigt immer mal wieder die eine oder andere Mäusepraline das aufgeregte Hundeherz.

In der Ferne erregt etwas unsere Aufmerksamkeit. Wir lassen den Blick schweifen, während unsere Kiri an der Leine zerrt. Ein Reh springt durch den Wiesengrund. Das ist selten der Fall und wenn, dann ist es meistens eine kleine Gruppe. Traktorgeräusche sind zu hören. Aha, die Feldarbeit beginnt! Noch stehen Mais und Kürbisse, Kartoffeln und Rüben. Einige Felder sind umgepflügt und zeigen die dunklen Schollen der fruchtbaren Erde. Andere Felder wurden bereits eingeebnet und die zarten, grünen Spitzen der Wintergerste schieben sich durch den Boden, dem Licht entgegen. In der Ferne hören wir noch das Plätschern des Baches, unsere Morgenwanderung aber neigt sich dem Ende zu.

Die Sonne scheint uns ins Gesicht. Es ist heiß und es ist Sommer. Trotzdem, der Herbst steht in den Startlöchern. Ein Hauch von Wehmut macht sich breit, wenn es nun bald heißt: „Lebe wohl Sommer.“ Aber: „Auch der Herbst hat schöne Tage!“

Zur Autorin:

Petra Quaiser wurde 1953 in Nördlingen geboren und wuchs dort auf.
Bild: Quaiser
  • Petra Quaiser wurde 1953 in Nördlingen geboren und wuchs dort auf.
  • Seit 2004 lebt sie in Alerheim und pflegt als Geschichtenerzählerin die alte Kunst des freien Erzählens.
  • Schreiben war schon in der Schule ihre Welt, deshalb war es ihr ein Bedürfnis, 2019 ihr erstes Buch: „Unsere kleine Schülerbank einst in Nördlingen stand“ auf den Weg zu bringen. Diese Zeitreise beschreibt den Werdegang einer eingeschworenen Mädchenklasse, die sich seit sechzig Jahren nicht aus den Augen verloren hat.
  • Als Trauerrednerin schreibt und erzählt Petra Quaiser Lebensgeschichten, sie schreibt und spricht für Menschen, denen die Worte fehlen.
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