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Konzert

10.12.2019

Schönster Belcanto im Gewölbe

Das Männerquartett Vocativ sang reinstes A cappella im Sulzer Gewölbe und weihte den Saal damit als Konzertraum ein.
Bild: Barbara Würmseher

Mit dem Ensemble Vocativ erlebte eine neue Kulturstätte in Gut Sulz Premiere. Die vier Sänger erfüllten das alte Gemäuer mit zauberhaften Klängen a cappella

Einstmals Schweinestall, dann Düngerlager, Abstellkammer und Schleppergarage – jetzt Kulturtempel: Das Sulzer Gewölbe erlebte in diesen Tagen eine wundersame Metamorphose, von der sich jetzt rund 100 Konzertbesucher bei der Premiere überzeugten. Mit schönstem Belcanto weihte das Männer-Quartett Vocativ den aufgewerteten Saal ein und führte ihn somit seiner neuen Bestimmung zu. Eine weitere reizvolle, charmante Kulturstätte ist also in der Region geboren. Für deren Belebung öffnet die Gutsfamilie Andreae ihr Anwesen.

Sebastian Schreiber (Altus), Martin Reuter (Tenor), Rüdiger Glufke (Bariton) und Oliver Günther (Bass) brachten als Vocativ das Backsteingewölbe mit der Königsklasse des Gesangs zum Klingen: dem A cappella. Ohne jegliche instrumentale Begleitung schöpften die Ensemblemitglieder im perfekten Aufeinanderhören und Sich-Ergänzen die Qualität ihrer kultivierten Stimmen zur Gänze aus. Und das war in der relativ trockenen Akustik – gefüllt mit reichlich schallschluckendem Textil der Besucher – gar nicht so einfach.

Mit großer Weichheit des Tons, wunderbarer Ausgeglichenheit in den Stimmregistern und starkem musikalischen Ausdruck verschafften sie den Zuhörern ein berührendes Erlebnis zum Advent. Gegliedert in Themenbereiche führten die vier Sänger – beginnend mit der Verkündigung („Maria durch ein Dornwald ging“) – chronologisch nach Weihnachten hin: „Gaudete, Christus natus est!“.

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Ein Schwerpunkt lag bei der Auswahl der Stücke auf den alten Meistern der Renaissance und des Barock: Michael Praetorius „Ein Kind geborn zu Bethlehem“), Johann Sebastian Bach („In dulci jubilo“, „Vom Himmel hoch“) und Thomas Luis de Victoria (O regem coeli“) beispielsweise. Aber auch romantische Komponisten waren vertreten – etwa Camille Saint-Saëns („Tollite hostias“) oder Max Reger („Schlaf wohl, du Himmelsknabe du“). Abrundung erfuhr das Programm durch Weisen aus Böhmen und dem Salzkammergut, die in der Tradition des Volkslieds stehen, und schließlich durch Zeitgenossen wie den wunderbaren englischen Komponisten John Rutter („Christmas Lullaby“).

Vocativ ist in all diesen Epochen zu Hause und dabei sehr „geländegängig“ unterwegs. Das war unüberhörbar! Die Sänger gestalteten mitunter spröde Harmonien durch kraftvolle dynamische Spannungsbogen äußerst eingängig. Sie schafften durch große Präzision in Dynamik und Tempi gute Transparenz bei den Wirrungen polyfoner Sätze. Und in ihren innigen Interpretationen – höchst anstrengend zu singen in zartestem Piano – gerieten die Lieder zu meditativen Erlebnissen. Totenstill und gebannt lauschte das Publikum, um das behutsame Singen nicht zu stören und sich auch keinen Ton davon entgehen zu lassen.

Faszination geht bei Vocativ aber auch von der Besetzung aus, die äußerst variable Möglichkeiten für ein Männerquartett zulässt: Mit dem Countertenor Sebastian Schreiber verfügt das Ensemble praktisch über eine Sopranstimme und kann sich damit an der Literatur für gemischte Chöre ebenso bedienen wie an Männerchor-Sätzen.

Freude! Die blieb nach etwa zwei Stunden am Ende stehen. Freude über das Gehörte, aber auch über die neue Kulturstätte, die sicher noch so manche Begegnung bietet …

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