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DZ-Adventskalender

03.12.2020

Türchen 3: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott

Bild: AZ-Grafik

Öffnen Sie das dritte Türchen in unserem digitalen Adventskalender. Das Thema 2020: Weihnachtsfilme. Heute: Ist das Leben nicht schön? (1946).

Die Kunden der „Building and Loan“ sind in Panik. Stundenlang haben sie im Regen vor den Türen der kleinstädtischen Bausparkasse gewartet. George Bailey, der Direktor, wollte eigentlich mit seiner Frau auf Hochzeitsreise gehen. Als er die Ansammlung vor seiner Bank sieht, steigt er aus dem Taxi und lässt die verängstigten Sparer in den Schalterraum. Er versucht, sie zu beruhigen. Doch es ist das Jahr 1929, die Zeit der großen Depression. Überall in Amerika versuchen die Menschen, ihre Groschen in Sicherheit zu bringen. Da klingelt das Telefon. Am Telefon ist Mister Potter, der reichste Mann der Stadt. Er verspricht finanzielle Hilfe. George Bailey lehnt ab. Er hasst den Finanzhai und weiß, dass dieser nur darauf wartet, die „Building and Loan“ zu übernehmen.

Potter hat vorgeschlagen, die Anteile der Bank aufzukaufen, für die Hälfte ihres Wertes. Die Kunden der Bausparkasse sind Menschen, die mit jedem Cent rechnen müssen. Das Angebot erscheint ihnen verlockend. Vergeblich warnt Bailey, dass seine Kunden es noch bereuen werden, sich in die Abhängigkeit des skrupellosen Mister Potter zu begeben. Anders als die „Building and Loan“ wird der kein Auge zudrücken, wenn ein Kunde mal in Zahlungsschwierigkeiten gerät. Alle brüllen durcheinander, die Menge scheint entschlossen, zu Potter zu gehen. Da hebt Mary, Baileys Frau, ein Bündel Banknoten in die Höhe. „Wieviel brauchen sie?“ Es sind 2000 Dollar. Das Kapital für die Hochzeitsreise.

Der Held von Bedford Falls hatte sich eigentlich was anderes unter einem schönen Leben vorgestellt

Weil Mary (Donna Reed) und George Bailey (James Steward) auf ihre Hochzeitsreise verzichten, kann die „Building and Loan“ allen Sparern über die Krise hinweghelfen, ohne dass deren Einlagen angetastet werden. Die Bausparkasse entwickelt sich in den folgenden Jahren prächtig und kann noch viele günstige Darlehen an bedürftige Häuslebauer vergeben. Sehr zum Ärger von Mister Potter (Lionel Barrymore), der kaum noch Mieter für seine überteuerten Wohnungen findet. Ihre Hochzeitsreise werden die Baileys zwar nie nachholen, aber ihre Familie wächst. Sie renovieren ein altes Haus und bleiben in Bedford Falls. Ist das das Glück? Früher wollte George ja studieren, die Welt sehen, Staudämme und Wolkenkratzer bauen. Doch immer kam etwas dazwischen. George Bailey, der Held der Armen von Bedford Falls, hatte sich unter einem schönen Leben eigentlich etwas ganz anderes vorgestellt.

„Ist das Leben nicht schön?“(Originaltitel: „It’s a Wonderful Life“), USA 1946, Regie: Frank Capra, Hauptdarsteller: James Steward (George Bailey), Donna Reed (Mary Bailey), Dauer 125 Minuten, FSK 6

„Ist das Leben nicht schön“ ist ein Film des Regisseurs Frank Capra aus dem Jahr 1946. Er gehört in den USA heute zu den absoluten Weihnachtsklassikern. Dieser Ruhm stellte sich aber erst in den 1970er Jahren ein. Ursprünglich war „Ist das Leben nicht schön“, ein Kassenflop. Heute steht sein Film dafür weit oben in verschiedenen Hitlisten der Filmgeschichte. George Bailey ist Nummer neun der im Olymp der Filmhelden, Potter belegt Rang sechs im Ranking der schlimmsten Bösewichte. Geschlagen wird er unter anderem von Hannibal Lecter, Darth Vader und der Westhexe aus dem „Zauberer von Oz“. Dafür rangiert er weit vor Freddy Krueger, dem KZ-Kommandant Amon Goeth aus „Schindlers Liste“ und Graf Dracula.

Manche Amerikaner aber verehren den Bösewicht. Für sie ist der Film nichts als kommunistische Propaganda. Obwohl Capra kein Linker war und die Armen eher zu harter Arbeit und nachbarschaftlicher Solidarität aufruft, war konservativen Kreisen seine Kritik der Reichen und Mächtigen suspekt. In den meisten seiner Werke ist der Held ein aufrechter, einfacher Mann, der gegen die korrupten Eliten kämpft. Beinahe kommt er dabei unter die Räder, wird am Ende aber durch ein Wunder gerettet.

Der Himmel schickt einen Schutzengel

In diesem Falle ist es ein Weihnachtswunder. Am 24. Dezember muss George Bailey feststellen, dass die „Building and Loan“ vor dem Bankrott steht, woran unter anderem sein schusseliger Onkel Billy und Potters Intrigen schuld sind. In seiner Verzweiflung verliert er die Kontrolle über sich selbst. Er beschimpft Frau und Kinder, wird in einer Bar verprügelt und will sich schließlich das Leben nehmen. Aber die vielen guten Taten, die er in seinem Leben getan hat, waren nicht um sonst. Viele Menschen beten für ihn und der Himmel schickt ihm einen Schutzengel. Dieser zeigt ihm, was aus Bedford Falls geworden wäre, wenn er, George Bailey, nicht geboren worden wäre. Nämlich ein Sündenpfuhl mit Namen Pottersville, voller Bars und Striplokalen, mit verarmten und verbitterten Einwohnern.

Viele wichtige Dinge wären nicht passiert. Sein Bruder, dem er als Kind das Leben gerettet hatte, wäre ohne sein Eingreifen ertrunken und hätte keine Heldentaten im Krieg begehen können. Die vielen Menschen, denen er zu einem Eigenheim verholfen hat, lebten ohne ihn immer noch in Potters überteuerten Bruchbuden. Nach und nach akzeptiert Bailey die Botschaft, dass seine Existenz nicht sinnlos ist und fleht den Engel schließlich an, ihn wieder in sein früheres, echtes Leben zu entlassen. Dort passiert dann noch ein Wunder, ein ganz irdisches. Sein vielen guten Taten, sein Verzicht auf die erträumte Karriere, das alles war nicht umsonst. Alle, denen er einst geholfen hat, revanchieren sich jetzt und retten ihn aus seiner scheinbar aussichtslosen Lage.

Für Wunder sind wir selbst verantwortlich

Das alles klingt furchtbar naiv, kitschig und nicht auf normale Sterbliche übertragbar. Nicht viele von uns haben Grund, anzunehmen, dass die Welt ohne sie schlimmer dran wäre. Welcher normale Mensch hat schon so vielen anderen geholfen und sich ein derartiges Netz an potentiellen Wohltätern aufgebaut? Aber selbst wenn – wer garantiert denn, dass diese Menschen sich nicht einfach abwenden, wenn sie da ist, die Stunde der Wahrheit? „Ist das Leben nicht schön“ ist jedoch ein Weihnachtsfilm und dazu ein Film von Frank Capra. Der war ein Meister darin, die gute Mär vom Sieg des Guten so zu verpacken, dass sie nicht zu schwülstig oder zu simpel gerät. Darum sagt Capra nicht einfach, dass an Heiligabend Wunder geschehen.

Seine Botschaft ist viel mehr, dass Wunder geschehen können, wenn ein Mensch dafür durch sein eigenes Handeln die Voraussetzungen geschaffen hat. Wenn du glaubst, das könne dir nicht passieren, dann streng dich eben mehr an. Die Aufgabe des Engels ist es nur, seinem Schützling die Augen zu öffnen. Alles andere hat Bailey sich selbst erarbeitet. Eine sehr amerikanische Überzeugung. Die Kritiker überzeugte Capra damit 1946 nicht. Fromme Kreise sahen darin sogar eine gottlose Moral. Dazu kam – und kommt bis heute – die Kritik der Marktradikalen. Sie sehen in Mister Potter den eigentlichen Helden des Films, der zu Unrecht verunglimpft wird. George Bailey prangern sie als das Symbol für eine Entwicklung an, die ab 2007 zum Platzen der amerikanischen Immobilienblase führte – zu viele Kredite für arme Schlucker, die das geliehene Geld niemals zurückzahlen konnten. Mit strammen Kapitalisten vom Schlage eines Mister Potter wäre das nicht passiert. Auch das eine sehr amerikanische Überzeugung.

So kann ein Schutzengel auf einem Stein aussehen.
Bild: Lea Thies

Mit seinem Zynismus und seiner Gier ist Potter ein Wiedergänger des hartherzigen Ebenezer Scrooge aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Allerdings wird er im Gegensatz zu diesem nicht geläutert. Er wird nicht einmal bestraft, obwohl er sogar einen Diebstahl begeht. Damit verstieß Capra gegen den sogenannten Hays-Code, ein Regelwerk zur Sicherung der Moral in Hollywood-Filmen. Dieses verbot nicht nur nackte Haut, sondern verlangte auch, dass ein Bösewicht in jedem Falle büßen müsse. Capra hielt es für höchst unrealistisch, dass Wirtschaftsbosse und Politiker jemals für ihre Missetaten geradestehen müssten. Er ließ sie daher in seinen Filmen davonkommen, so auch Potter. Dafür wurde Capra selbst bestraft, und zwar von der Aufsichtsbehörde MPAA.

Der Film war sogar für einen Oskar nominiert - in gleich drei Kategorien

Belohnt wurde Capra jedoch auch, und zwar mit einem Oskar. Nominiert war sein Werk unter anderem in den Kategorien „Bester Film“, „Bester Regisseur“ und „Bester Schauspieler“, doch letztlich blieb es bei dem Preis für besondere technische Errungenschaften. Capra, studierter Chemieingenieur, hatte ein neues Verfahren für Kunstschnee eingesetzt. Früher hatte man weiß gefärbte Cornflakes verwendet, aber die knirschten zu laut. Für das Genre Weihnachtsfilms war Capras Idee sicher eine wesentliche Weiterentwicklung. Aber darauf beschränkt sich die Bedeutung des Werkes nicht. „Ist das Leben nicht schön“ führt seit 2006 die vom renommierte American Film Institute geführte Liste der US-Filme an, die Hoffnung geben. Was kann ein Weihnachtsfilm Besseres erreichen?

Lesen Sie morgen: Der fiese Grinch hat die Läuterung noch am wenigsten nötig, viel schlimmer sind die braven Whos.

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