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Interview

20.01.2019

Musikjournalist Fuchs-Gamböck: "Plattenfirmen sind feige geworden"

Der Musikjournalist Michael Fuchs-Gamböck wurde 1965 in Friedberg geboren. Neben Tausenden Interviews hat er über 40 Bücher veröffentlicht.
Bild: Julian Leitenstorfer

Mick Jagger, Joe Cocker, Madonna: Der Friedberger Musikjournalist Michael Fuchs-Gamböck hat sie alle interviewt. Wo er als junger Punk in Augsburg feierte.

Ob Iggy Pop, Eric Clapton oder Madonna: Sie hatten sie alle. Seit über 25 Jahren interviewen Sie viele Musikstars. Für Ihr neues Buch haben Sie aus über 6000 Gesprächen 51 ausgewählt. Welche haben es in die Ausgabe geschafft?

Michael Fuchs-Gamböck: Das sind die Gespräche, die mir am wichtigsten sind. Es sind die spannendsten – und sie sind so unterschiedlich. Deshalb stehen auch alle 51 gleichwertig nebeneinander. Die ganz besondere Anekdote oder die Erinnerung gibt es eigentlich nicht.

Warum haben Sie gerade jetzt das Buch veröffentlicht?

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Fuchs-Gamböck: Die Umstände, unter denen man heute Interviews führt, sind ganz andere. Die Plattenfirmen sagen, sie hängen am Hungertuch: Gespräche nur noch per Telefon und bitteschön in 30 Minuten. Als freier Autor muss ich mir überlegen: Was will mein Auftraggeber? Mit Rockern rede ich dann nicht mehr über Musik, sondern über das Älterwerden. Eine Band, die mir um 10 Uhr Koks hinlegt, „damit wir mal ein bisschen fit werden, in der früh“, das wird’s heute nicht mehr geben. Die werden vorsichtiger, mit dem, was sie sagen.

Das klingt wie eine Hommage an eine vergangene Ära?

Fuchs-Gamböck: Ja, an die wilde Rock-’n’-Roll-Zeit. Es ist mein Abschied von der Szene. So ein Buch wird es nicht noch einmal geben können, das ist unmöglich.

Die Interviews mit Megastars wie Joe Cocker oder Mick Jagger im Buch haben Sie in den 1990er Jahren geführt. Gibt es heute noch richtige Typen in der Musikbranche?

Fuchs-Gamböck: Die Leute bei den Plattenfirmen, die sind ziemlich feige geworden. Die trauen sich nichts mehr zu. Das Internet hat vielen – gerade auch kleineren – Firmen das Genick gebrochen. Led Zeppelin und diese ganzen Wahnsinnigen, mit ihren Drogen-/Groupiegeschichten. Das lässt kaum noch einer zu.

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Sex, Drugs & Rock'n'Roll: Mick Jagger wird 75
Bild: Sebastian Gollnow, dpa

Stirbt der Rock ’n’ Roll aus?

Fuchs-Gamböck: Ein paar richtige Rocker gibt es ja noch. Die Strokes und Monster Magnet machen irres Zeug. Damals haben sich Firmen die Produktion von einer Rock-’n’- Roll-Platte auch mal 100.000 Dollar kosten lassen. Das war in der Branche ein ganz anderer Lebensstil. Ich wurde einmal nach Peking eingeflogen, um in der verbotenen Stadt ein Interview zu führen. Danach gab es noch fünf Tage Urlaub – auf Kosten der Plattenfirma.

Was ist der Rock ’n’ Roll unserer Zeit?

Fuchs-Gamböck: Ich fürchte, – denn ich kann mit der Musik gar nichts anfangen –, dass das deutscher Hip-Hop ist. Das war 2018 mit Abstand die erfolgreichste Bewegung: Kollegah, Alligatoah und solche. Ich habe mal eine unautorisierte Biografie von Bushido geschrieben. Zwei Tage nach der Veröffentlichung haben Menschen aus seinem Umfeld bei mir angerufen und mir wurde gesagt: Wenn das Buch nicht innerhalb einer Woche vom Markt ist, dann hat das körperliche Konsequenzen. Ich hab mir damals aber gedacht: Die sind weit weg in Berlin, der Verlag stand hinter mir. Nichts ist passiert. Aber ganz unabhängig davon konnte ich mit der Musik und den Texten aber noch nie etwas anfangen.

Frauenverachtende Zeilen gab es auch im Rock ’n’ Roll. Ist Deutschrap wirklich schlimmer?

Fuchs-Gamböck: Da ging es zwar auch chauvinistisch zu, aber es war nicht so vulgär. Es gibt Deutschrap-Texte, da zucke selbst ich zusammen.

Rock-, Pop- oder Schlagerstar: Unterscheiden die sich voneinander?

Fuchs-Gamböck: Nein. Was aber auffällt: Je älter die sind, desto entspannter werden die auch. So Typen wie Joe Cocker oder auch die Rolling Stones. Das sind Leute, die lange drin sind im Geschäft. Und die sich freuen, wenn da so ein verrückter Mensch wie ich kommt, der mit ihnen sprechen möchte, wie mit einem alten Kumpel und nicht wie bei einem förmlichen Interview.

Welcher Star hat Sie denn beim Gespräch als Person überrascht?

Fuchs-Gamböck: Ich dachte eigentlich immer, David Bowie sei eine Diva. Als ich ihn dann in Dublin traf, war das ein völlig unkomplizierter, unprätentiöser und vor allem sehr witziger Typ. Seitdem höre ich die Platten von ihm auch irgendwie anders. Wer genauso war, wie ich ihn mir vorgestellt hatte – im positiven Sinne – war Lemmy von Motörhead. Der stellte mir die Flasche Whisky vor die Nase und sagte: „So, und jetzt trinken wir erst mal einen. Dann können wir anfangen zu reden, vorher hab ich keine Lust.“

Die Rockgruppe Motörhead in ihrer damaligen Besetzung Philthy Animal Taylor, (l-r), Würzel, Bandleader Lemmy Kilminster und Phil Campbell (undatiertes Archivbild).
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Die besten Sprüche von Mr. Motörhead Lemmy Kilmister

Was war denn Ihre erste eigene Platte?

Fuchs-Gamböck: An meine erste Single erinnere ich mich noch sehr genau, die habe ich mit sieben Jahren vom eigenen Taschengeld gekauft. Dafür hab ich lange gespart, die hat nämlich 6 Mark gekostet: Das war von T. Rex „Metal Guru“. Das erste Album habe ich ein Jahr später von meiner Oma bekommen – eigentlich wollte sie mir das Album von Mi-reille Mathieu schenken. Ein cooler Typ wie ich wollte aber die erste Platte von Led Zeppelin haben. Ich hab dann zu ihr gesagt: „Omi, Led Zeppelin ist ganz ähnlich wie Mireille Mathieu.“ Es hat funktioniert!

Sie sind in Friedberg geboren, in der Region aufgewachsen. Gab es hier Bands, die sie toll fanden?

Fuchs-Gamböck: Ja: Mit Arno Loeb und den anderen Musikern von Impotenz bin ich bis heute befreundet. Das war so ziemlich die erste deutschsprachige Punkband in Augsburg – und damals recht umstritten. Auch aufgrund ihrer sexistischen Texte.

Ein Punk-Fan wie Sie, wo feierte der hier in den 80er-Jahren denn?

Fuchs-Gamböck: Wir waren fast jedes Wochenende im Siedlerhof in Bärenkeller: Ich sehe noch bildlich vor mir, wie es in diesen Läden zuging. Da wurde viel Punk und New-Wave gespielt. Für fünf Mark gab es Live-Konzerte. Da wurde viel improvisiert, ziemlich verschwurbelt. Und wir waren öfter mal im Neondatschi. Da waren damals vor allem so Popper. Ich als Punk war da eigentlich nicht gerne gesehen. Aber ich durfte immer rein – warum, weiß ich bis heute nicht.

Im Neondatschi haben Sie ja auch Ihre eigene musikalische Karriere begonnen und sofort wieder begraben…

Fuchs-Gamböck: Ja, mit unserer Band Beathoven haben wir Punk mit New-Wave-Einschlag gespielt, sehr düster und apokalyptisch. Wir kamen auf genau einen Auftritt – im Neondatschi – bei dem wir nach 30 Minuten mit Tomaten von der Bühne geprügelt wurden. Ich war Texter und habe so legendäre Zeilen produziert wie: „Gehirnlose Menschen, die laufen, kleine Kinder schrei’n, jemand schlägt dir den Schädel ein. Der Kuckuck schreit: Hallo“. Nach der Erfahrung, ich war 18 Jahre alt, hab ich dann beschlossen, dass ich nie mehr auf der aktiven Seite des Musikbusiness stehen will.

„Er hatte sie alle!“ von Michael Fuchs-Gamböck erscheint im Verlag AAA Culture. Es kostet 19,90 Euro, erhältlich in gut sortierten Buchhandlungen.

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