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Gesundheit

19.03.2018

Vitaminpräparate sind oft überflüssig

Was nützen Nahrungsergänzungsmittel? Darüber spricht Apotheker Sebastian Lenhart bei einer Veranstaltung des Fördervereins Krankenhaus.
Bild: Vanessa Polednia

Apotheker Sebastian Lenhart hält am Mittwoch einen Vortrag über Sinn und Unsinn der Nahrungsergänzungsmittel. Er sieht diesen Gesundheitstrend kritisch.

Vitamin D für starke Knochen, Eisen gegen Müdigkeit und Omega-3-Fettsäuren zur Senkung des Cholesterinspiegels. Nahrungsergänzungsmittel erfreuen sich großer Beliebtheit. Wenn man sich in der Bärenapotheke umschaut, sieht man jedoch keine . Ist das Absicht?

Sebastian Lenhart: Ja, das gehört zur unserer Firmenphilosophie. Wir verzichten größtenteils auf „Lifestyle-Präparate“. Es gibt natürlich rezept- und apothekenpflichtige Mittel, die mit Vitaminen oder Mineralien angereichert sind. Aber wir halten uns da generell zurück.

Was sind Nahrungsergänzungsmittel überhaupt?

Vitaminpräparate sind oft überflüssig

Lenhart: Das sind Nahrungsmittel, die in arzneitypischen Formen erscheinen. Das heißt als Pulver, in Kapseln, als Brausetablette oder in Pillenform. Deshalb werden sie häufig mit apothekenpflichtigen Arzneimitteln gleichgesetzt. Dabei ist dem nicht so.

Wieso ist diese Unterscheidung so wichtig?

Lenhart: Nahrungsergänzungsmittel gelten rechtlich als Nahrungsmittel und unterliegen somit nur sporadischen Kontrollen. Arzneimittel unterliegen systematischen Kontrollen. Außerdem könnten die Behörden strengere Kontrolle nicht bewerkstelligen, wenn man sich vor Augen führt, dass allein vergangenes Jahr 8500 neue Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt gekommen sind. Das ist ein Riesengeschäft mit einem konstanten Marktzuwachs von sechs Prozent.

Daher auch die Idee zum Vortrag?

Lenhart: Ja genau. Es scheint ja offensichtlich ein riesiges Interesse und einen großen Bedarf an Nahrungsergänzungsmitteln zu geben. Nur fehlt es vielen an Aufklärung darüber. Die Verbraucher möchte ich aber in Schutz nehmen. Denn Informationen sind oft kaum vorhanden oder aber sehr undurchsichtig. Außerdem sehe ich mich als Apotheker da natürlich in der Pflicht. Denn zwei Drittel der Nahrungsergänzungsmittel werden über die Apotheken vertrieben. Der Rest wird in Drogerien und vor allem im Internet verkauft.

Sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?

Lenhart: Für die breite Bevölkerung sind sie nicht sinnvoll. Wer sich normal ernährt und gesund ist, braucht definitiv keine zusätzliche Einnahme von Vitaminen oder Spurenelementen.

Und wenn man glaubt, einen nennenswerten Mangel an Spurenelementen oder Vitaminen zu haben?

Lenhart: Wenn ein tatsächlicher Mangel festgestellt worden ist, dann ja. Dafür benötigt es aber einen Besuch beim Arzt. Der kann durch Bluttests den Verdacht bestätigen und abklären, wie dieser zu behandeln ist. Ansonsten ist die Einnahme bei bestimmten Ernährungsweisen mit typischen Mangelerscheinungen sinnvoll. Zum Beispiel können Vegetarier zusätzlich Eisen einnehmen, um den Mangel an Eisen aus Fleischprodukten zu ersetzen.

Die meisten von uns brauchen also gar keine Nahrungsergänzungsmittel. Kann eine falsche oder unnötige Einnahme von diesen sogar zum Problem werden?

Lenhart: Ja, denn viele Inhaltsstoffe sind ultrahoch dosiert. Der Körper ist aber an kleine Mengen gewöhnt. Ein nettes Beispiel hierfür wäre das Vitamin C. In kleiner Dosierung, also durch die gewöhnliche Ernährung, wird es vom Körper ausgezeichnet aufgenommen. Aber in großen Mengen, wie es in den Präparaten vorkommt, verlässt ein Großteil den Körper ohne aufgenommen zu werden. Außerdem sind Überdosierungen möglich. So wurde vergangenes Jahr eine Warnung vor Vitamin-D-Überdosierungen ausgegeben. Es wurden Menschen ins Krankenhaus mit Nierenversagen eingeliefert. Sie hatten ohne ärztliche Absprache Vitamin-D-Präparate aus dem Internet eingenommen. Bei dubiosen Internetanbietern ist es dann auch schwierig bis unmöglich, die Verantwortlichen zur Rede zu stellen. Besonders problematisch ist es, wenn erkrankte Menschen Nahrungsergänzungsmittel statt Arzneimitteln nehmen.

Wie kann es dazu kommen?

Lenhart: Das sind unter anderem sehr kranke Menschen, die von der Schulmedizin enttäuscht sind und sich anderweitig umsehen. Und da werde ich sehr emotional und wütend, wenn verzweifelten Menschen Hoffnung verkauft wird. Manche Präparate bestehen aus irgendwelchen zusammengewürfelten Rezepturen, die dem kranken Menschen das Blaue vom Himmel lügen. Und das zu einem horrenden Preis.

Gibt es eine bestimmte Zielgruppe bei den Nahrungsergänzungsmitteln?

Lenhart: Da sind vor allem zwei Gruppen zu nennen. Die jungen Menschen unter 30 Jahren, die häufig erst ins Berufsleben gestartet sind und leistungsfähig sein wollen. Sie möchten auch ihr Immunsystem stärken, um Krankheiten zu vermeiden. Die zweite und größte Gruppe ist die der über 55-Jährigen. Sie spüren die ersten Stiche des Alters und machen sich um ihre Gesundheit sorgen. Dieses Interesse am eigenen Gesundheitszustand ist an sich super. Aber auch nur sinnvoll, wenn man sich an Fachleute wendet anstatt sich selbst zu therapieren.

Sehen Sie einen bestimmten Trend?

Lenhart: In der Bärenapotheke ist es wohl Vitamin C. Es wird zur Stärkung des Immunsystems eingenommen. Bei einigen meiner Kollegen in Augsburg wird zurzeit häufig Vitamin K2 von Kunden angefragt. Es soll angeblich die Knochen und das Herz-Kreislauf-System stärken. Was, bis auf ein paar unseriöse Internetseiten, nirgends wissenschaftlich belegt worden ist. Da hat sich dann wohl ein Märchen verbreitet.

Was möchten Sie mit ihrem Vortrag erreichen?

Lenhart: Die wichtigste Botschaft, die ich vermitteln möchte, ist wohl, dass es für den Großteil der Bevölkerung keine Notwendigkeit gibt, Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen. Wenn jemand glaubt, Mangelerscheinungen zu haben, soll er sich unbedingt an einen Arzt oder Apotheker wenden und sich nicht selbst therapieren. Dafür haben wir ja lange studiert, um den Menschen helfen zu können. Interview: Vanessa Polednia

Termin Der medizinische Vortrag, veranstaltet vom Förderverein Krankenhaus, findet am Mittwoch, 21. März um 19 Uhr im Seminarraum 1 des Friedberger Krankenhauses statt. Der Eintritt kostet 3 Euro. Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

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