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Vortrag in Kissing

01.12.2017

Wie Kissing nach dem Krieg eine neue Heimat bot

Wohnraum und Arbeit erkennt der Historiker Peter Münch-Heubner als Erfolgsrezept Kissings bei der Integration der Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg. Bei seinem Vortrag zeigt er Aufnahmen von Neu-Kissing gegen Ende der 50er: Die quadratische Struktur der Siedlung diente der optimalen Raumnutzung.

Der Historiker Peter Münch-Heubner sieht in der Aufnahme der Vetriebenen ein Beispiel für eine gelungenen Integration. Was kann die Gemeinde aus der Vergangenheit fürs Heute lernen?

Kaum ein Thema polarisierte das Land in den vergangenen Jahren so sehr wie die Flüchtlingskrise. So gehen auch in Kissing die Meinungen bezüglich Aufnahme und Integration von Asylbewerbern stark auseinander. Dabei hat die Gemeinde eine ähnliche Situation schon einmal gemeistert. Historiker und Privatdozent Peter Münch-Heubner präsentierte in der Öffentlichen Bücherei seine Forschungsergebnisse über die Umstände der Vertriebenen, welche nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Kissing kamen.

Gedenkstein in Kissing macht den Historiker aufmerksam

Der Historiker selbst stieß eher zufällig auf diesen Ort. Bei einem Spaziergang durch Kissing entdeckte er vor der Kirche St. Bernhard den Gedenkstein aus dem Jahr 1973 mit der Aufschrift: „Gedenke der Heimat. Die Deutschen des Ostens“. Sofort wurde sein wissenschaftliches Interesse geweckt. „Bis dahin kannte ich diesen Teil der Kissinger Nachkriegsgeschichte noch gar nicht“, meint Münch-Heubner.

Darauf wandte er sich an Petra Scola, die Archivleiterin der Bücherei. „Gemeinsam untersuchten wir hunderte Dokumente, wo wir Details zu Kissings bedeutender Historie fanden“, so Scola. Dort ist auch festgehalten, dass nach Kriegsende hunderte Heimatlose sich hier ansiedelten. „Dies waren unter anderem Schlesier, Ostpreußen und Donauschwaben“, erklärt der Historiker.

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Strategisch kluge Siedlungsplanung in Kissing

Für ihn ist die strategisch kluge Siedlungsplanung einer der Gründe, warum in Kissing damals die Integration gelang. Während der Großteil der Zugezogenen vorerst in Holzbaracken wohnte, wurden ab Mitte der 50er Jahre unter der Leitung des damaligen Bürgermeisters Otto Wohlmuth erste Maßnahmen zur Errichtung einer „Planstadt vom Reißbrett“ umgesetzt. Um die Kirche St. Bernhard herum entstand das Siedlungsgebiet „Neu-Kissing“ mit zahlreichen Wohnungen für die Heimatvertriebenen. „Allerdings war Neu-Kissing nie ein reines Flüchtlingsgebiet. Die Migranten lebten überall verstreut, auch in Alt-Kissing“, erläutert der Referent.

Durch die Verteilung der Zugewanderten auf verschiedene Gebiete sei die Bildung von Problemvierteln und eine Gettobildung erfolgreich verhindert worden. Ein weiterer positiver Faktor für die erfolgreiche Integration: das Schaffen von Arbeitsplätzen für die neuen Einwohner. „Dank der Eisen- und Kiesindustrie hatten die Menschen eine Beschäftigung und Einnahmequelle“, schildert Münch-Heubner. Arbeit in Kombination mit Wohnraum seien die wichtigsten Faktoren bei der Eingliederung der Vertriebenen gewesen. „Dieses Konzept trug Früchte, und könnte heute ebenso funktionieren, trotz der Dimensionsunterschiede zu damals.“

In diesem Punkt stimmen ihm auch die Zuhörer zu, unter denen sich auch Zeitzeugen befinden. Einer von ihnen ist Heinz Schmidt, welcher als Kind aus dem oberfränkischen Sonnefeld mit seiner Mutter nach Kissing kam. Für ihn ist die aktuelle Flüchtlingslage „eine ganz andere Herausforderung“ als die damalige Situation. „Uns waren die Sprache, Kultur und Religion nicht fremd, als wir hierherkamen“, sagt der 73-Jährige. Heute hingegen seien es diese drei Faktoren, welche die Integration der Flüchtlinge aus anderen Kontinenten erschweren.

Einzelne negative Vorfälle habe es, so Münch-Heubner, auch früher gegeben. „Gewalt und Kriminalität waren aber seltene Einzelfälle.“ Solche Ausreißer, stellt Petra Scola fest, führen jedoch zu Angst und Vorurteilen in der Bevölkerung. „Wenn man aber den Menschen als Individuum kennenlernt, baut man Nähe auf und verliert die Furcht vor dem Unbekannten.“ Eine Meinung, die im gesamten Publikum auf Zustimmung stößt.

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