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Reisebericht Bulgarien

08.11.2016

Hinter dem Goldstrand geht es weiter

Die Schwarzmeer-Küste - hier Nessebar am Sonnenstrand - ist einer der Hotspots für deutsche Touristen in Bulgarien. Aber das Land bietet viel mehr.
Bild: Ministry of Tourism Bulgaria (dpa)

Bulgarien kann mehr als nur Billig-Badeziel. Eine Reise ins Gebirge, in ein stilles Dorf, in das wieder Leben kommt, und zu einem Kunstbesessenen aus dem Plattenbau.

Bloß keine hektischen Bewegungen! Der Grat ist immer schmaler geworden, schroff fallen die Sandsteinflanken ab. Sie wirken nicht nur brüchig, sie sind es auch. Doch der Blick ist atemberaubend. Bewaldete Hügel, so weit das Auge reicht, wenige Ackerflächen, ein paar Weinberge und im fernen Dunst die Berge. Dazu diese Sandpyramiden, als ob sie als grafisch-gezackte Elemente eigens in die Landschaft gesetzt wurden. Hatten wir das von Bulgarien erwartet? Dieses Land, das man eigentlich nur mit Billig-Bade-Urlaub am Schwarzen Meer in Verbindung bringt? Tatsächlich ist das Bulgarien hinter dem Goldstrand eine Entdeckung wert. Eine Reise in den Südwesten des Landes: eine Fahrt mit einer alten Gebirgsbahn, in ein Dorf, in das wieder Leben kommt und zu einem Kunstbesessenen aus dem Plattenbau in der Hauptstadt Sofia. Drei spannende Begegnungen, die viel über den Balkanstaat erzählen, der zwar nur zwei Flugstunden entfernt ist, uns aber vor allem eines ist: unbekannt!

Von Weitem schon hört man ihr Pfeifen. Dann bremst die rote, alte Diesellok ab und die Rhodopenbahn fährt in den Bahnhof von Yakoruda ein. Nur wenige Minuten später schraubt sich die Schmalspurbahn auf ihren nur 76 Zentimeter breiten Gleise in die Höhe durch den gelben Herbstwald. Es rattert und schaukelt, die grünen Waggons haben schon viele Kilometer zurückgelegt. Unten glitzert ein Fluss im Sonnenlicht. In Awramowo, der höchstgelegenen Bahnstation auf dem Balkan (1267 m), steigt Christian Vaklinov ein. Ihn kennen alle hier.

Rhodopenbahn schraubt sich durch den bulgarischen Wald

Der 22-Jährige hat die Rhodopenbahn vor der Stilllegung gerettet. Das Rhodopengebirge liegt im Grenzgebiet zu Griechenland. Die Randlage ist nicht nur geografisch. Es ist eine Gegend, die nie vom Staat gefördert wurde. Viele Muslime leben hier. Dass mit der Landwirtschaft nicht viel Geld verdient wird, sieht man, wenn man durch die Dörfer fährt. Nur die Hauptstraßen sind asphaltiert. Eselskarren sind unterwegs. Die Bahn ist für viele die einzige Verbindung, um Märkte, Krankenhäuser oder Schulen zu erreichen. 800 Leute sind täglich mit der Bahn unterwegs.

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Bild: Ontario Tourism, dpa/tmn

Vor vier Jahren wurden dennoch von acht täglichen Verbindungen plötzlich zwei gestrichen. Ausgerechnet jene am Abend, sodass die Leute nicht mehr zurückkehren konnten. Die Fahrgastzahlen sollten bewusst gesenkt werden, um Argumente für die Stilllegung zu sammeln, ist Christian überzeugt. Er begann, Briefe an das Transportministerium zu schreiben, lange ohne je eine Reaktion zu erhalten. Er sammelte Unterschriften in der Bahn und schließlich startete er eine Internetaktion. Das zeigte Wirkung, die ersten Fernseh- und Zeitungsberichte über ihn ebenso. Auf einmal gab es die Abendverbindungen wieder.

Christians Engagement für die Rhodopenbahn geht weiter, die Bahn ist sein "Hobby". Längst studiert er in Sofia Finanzmanagement. Zum 90. Jubiläum der Bahn in diesem Jahr wurde an den Bahnhöfen gefeiert. Die Dorfbewohner kamen in Tracht und verkauften selbst gemachte Speisen. Christian sammelt mittlerweile Spenden, um die Bahnhöfe zu renovieren, in einen soll ein Museum über die Rhodopenbahn eingerichtet werden, die von einem deutschen Ingenieur gebaut wurde. Um die Zukunft der Bahn macht er sich mittlerweile keine Sorgen mehr. "Jetzt ist sie zu bekannt, um sie noch schließen zu können", sagt der 22-Jährige und lächelt. Es fahren auch nicht mehr nur Bauern und Schüler auf der 125 Kilometer langen Strecke von Septemwri nach Dobrinischte, sondern immer häufiger auch Touristen. Fünf Stunden ist man unterwegs, wenn man die ganze Strecke fahren will. Egal, wo der Zug hält, alle plaudern mit Christian, winken ihm zu oder klopfen ihm auf die Schulter. Inzwischen hat er sogar eine kostenlose Jahreskarte. Dafür haben sich die Fahrgäste der Rhodopenbahn eingesetzt.

Viele Dörfer in Bulgarien haben kaum noch Einwohner

Das schicke Plovdiv, das im Jahr 2019 Kulturhauptstadt wird, haben wir schon lange hinter uns gelassen. Die Asphaltstraße führt immer tiefer in das Tal hinein. Dass hier noch ein Dorf kommen soll, ist eigentlich undenkbar. Und dann tauchen doch die ersten Häuser auf. Typische alte Wiedergeburtshäuser, wie die Architektur genannt wird, die sich nach der Befreiung von den Osmanen entwickelt hat, als Bulgarien quasi eine Wiedergeburt erlebt hat. Unten ein steinernes Erdgeschoss, darüber ein herausragendes erstes Stockwerk. Von einer Wiedergeburt ist der kleine Ort Kosovo allerdings weit entfernt. 1000 Menschen lebten hier einmal. Jetzt sind es noch neun. Ein Spaziergang durch ein Geisterdorf. Als ein Kurbetrieb vor Jahren weiter unten im Tal eröffnete, sind die meisten weggezogen. Dort gab es Arbeit. Das Hinweisschild auf das Gasthaus von Hristo und Svetlana wirkt wie ein Fremdkörper. Zu neu vor den allmählich verfallenden Häusern.

Kosovo ist kein Einzelfall. Viele Dörfer in Bulgarien haben kaum noch Einwohner. Während des Sozialismus wurden die Bauern zu Arbeitern in der Schwerindustrie gemacht. Traditionen, familiäres Erbe, Haus und Hof wurden dem verordneten Fortschritt damals geopfert. Heute ziehen wieder viele fort. "Bulgarien blutet aus", sagt Enzio Wetzel, der in Sofia das Goethe-Institut leitet. "Wer bei uns Deutsch lernt, geht, das ist klar." Nach der Wende hatte Bulgarien etwa neun Millionen Einwohner, jetzt sind es noch 7,2 Millionen. Die Elite wandert aus, schon besteht ein Mangel an Ärzten und Krankenschwestern, die auch im Westen gesucht sind. Bulgarien gilt nicht nur als das ärmste Land der EU, es hat auch die stärkste Migration.

Es gibt aber auch eine kleine Gegenbewegung. Eine Homepage informiert sogar darüber, wo man sich in verlassene Häuser günstig einmieten kann, dass diese nicht leerstehen und weiter verfallen. Als Hristo und Svetlana ihre Rückkehr aus Venezuela planten, haben sie sich ganz bewusst ein Haus in einem verlassenen Bergdorf gesucht, um es zu renovieren und ein Gästehaus zu eröffnen. "Damit Leben zurückkehrt." Sie hatten ein ähnliches Projekt in Frankreich gesehen und sie wollten ebenfalls ein Zeichen setzen. Warum? "Vielleicht, weil man seine Wurzeln wieder mehr zu schätzen weiß, wenn man lange fort war", sagt die 62-jährige Svetlana. Nun pflegen sie bewusst bulgarische Traditionen. Es gibt deftigen Eintopf. Und die Nachbarn sind in alter Tracht gekommen. Sie singen Lieder, die von Liebe und der Schönheit der Landschaft handeln.

Bulgarien hat unermessliche Kulturschätze

Harte Jahre haben Svetlana und Hristo hinter sich und viele schlaflose Nächte, ob ihre Entscheidung die Richtige war. Doch seit diesem Jahr laufe es, sagt Svetlana. Und: Sie wolle nie mehr woanders hin. Als die Sonne rauskommt und das bewaldete Tal in ein mildes Licht taucht, kann man sie verstehen. Auf der Veranda steht ein Korb voller Pilze, die Hristo schon am frühen am Morgen gesammelt hat. Einsam fühle sie sich nicht. "Wir machen uns nichts vor, die Leute werden nicht nach Kosovo zurückkehren." Aber es gebe die Ersten, die sich hier ein Ferienhaus renovieren. Nächstes Jahr ziehe ein Paar in das Dorf. Noch wohnt es in Kuwait. "Darauf freue ich mich", sagt Svetlana. Dann hat Kosovo elf Einwohner.

Belcho Belev war nie weg. Im Gegenteil. Er hat immer seinen Schatz gehütet. Der 69-Jährige mit der schwarzen Lederjacke und der braune Cordmütze hat sein Leben der Kunst verschrieben. Wir treffen ihn vor der Bojana-Kirche in einem Vorort von Sofia. Sie ist, wie alle bulgarischen Gotteshäuser, das berühmte Rila-Kloster oder Backhovo-Kloster etwa, von außen schlicht, innen aber spektakulär mit religiösen Motiven ausgemalt. Die Fresken in dem kleinen, mittelalterlichen Gotteshaus zeigen 240 Figuren und erzählen unter anderem das Leben des heiligen Nikolaus nach. Weil die Gemälde aus dem Jahr 1259 Emotionen und Bewegung zeigen, was zu jener Zeit in der Malerei nicht üblich war, ist Belchev, der Kurator der Kirche, überzeugt, die Renaissance, die in Italien so großes hervorgebracht hat, könnte einen Anfang auch in Bulgarien genommen haben. Wie auch immer: die Fresken der Bojana-Kirche zählen zum Unesco-Welterbe.

Bulgarien hat unermessliche Kulturschätze. Hier haben alle ihre Spuren hinterlassen. Die Thraker, die Römer, die Osmanen... In Sofia muss man nur in die Erde gaben und schon stößt man auf römisches Erbe. Im Regierungsviertel etwa führt der Weg zur U-Bahn über alte Pflastersteine einer Römerstraße - stöckelschuhtauglich sogar. Zehn Meter tief ist die Erdschicht, die Archäologen bei jedem Bauprojekt, auswerten.

Belchev jedoch hat sein Leben der Bojana-Kirche verschrieben. Jeden Tag fährt der Kunstbessessene aus der Plattenbausiedlung Nadeshda zu "seiner" Kirche. Er hat sich Englisch beigebracht, um einer möglichst vielen Zuhörern, die bedeutenden Fresken näherzubringen. Tagsüber große Kunst, Abend die Tristesse im Plattenbau. Nadeshda heißt übersetzt übrigens: Hoffnung.

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