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02.04.2018

Karl Marx wird 200: Der Charakterkopf hinter dem Prophetenbart

Über allen: das riesige Grabmal von Karl Marx auf dem Friedhof von Highgate in London. Das bombastische Grab wurde in den 1950er Jahren errichtet.
Bild: Christoph Driessen, dpa Archiv

Erstaunlich: Der Verfasser des „Kapital“ konnte mit Geld nicht umgehen. Vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren. Eine Reise durch Europa auf seinen Spuren.

Im Jahr seines 200. Geburtstages ist Karl Marx allgegenwärtig. Der Mensch hinter dem Mythos ist dabei mitunter schwer zu fassen – es sei denn, man folgt ihm auf seiner Odyssee quer durch Westeuropa.

Karl Marx und Friedrich Engels waren ziemlich beste Freunde. In ihrem gemeinsamen Londoner Exil trafen sie sich täglich, wohnten nur zehn Fußminuten voneinander entfernt. Touristen können den genauen Weg noch heute nachgehen – und dabei das Wohlstandsgefälle erleben, das den meist erwerbslosen Philosophen von dem reichen Industriellensohn trennte. Das perfekt erhaltene Haus von Engels befindet sich in der Regents Park Road 122 im superteuren Stadtteil Primrose Hill – bekannt als Wohnort von Hollywood-Stars wie Daniel Craig, Jude Law oder Ewan McGregor. Hippe Läden und Cafés reihen sich aneinander, und der gleichnamige Park Primrose Hill, den Engels von seinem Haus aus sehen konnte, lockt mit einer fantastischen Aussicht über London.

Der Weg zu Marx führt über eine alte Eisenbrücke und quer über den steil ansteigenden Haverstock Hill, der die Londoner Innenstadt mit Hampstead verbindet. Ein kurzer Weg, nur wenige Straßen, und doch sind es unterschiedliche Welten: Marx’ Adresse, die Maitland Park Road, ist geradezu trist. Das vierstöckige Haus, in dem der Autor des „Kapital“ seine letzten acht Lebensjahre verbrachte, steht nicht mehr, stattdessen ist hier sozialer Wohnungsbau entstanden. Viele Bewohner sind Migranten – wie Marx es war. Auf einer Hauswand hat die Verwaltung des Bezirks Camden eine Plakette angebracht: „KARL MARX 1818–1883, PHILOSOPHER, Lived and Died in a House on this Site 1875–1883.“ Er lebte und starb in einem Haus an dieser Stelle. Es ist die Endstation eines Lebenswegs, der ganz woanders beginnt – im fernen Rheinland-Pfalz, in Trier.

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Das letzte Wohnhaus der Familie in London.
Bild: Christoph Driessen, dpa-tmn

Karl Marx stammte aus großbürgerlichem Verhältnissen

Ein Besuch dort macht vor allem eines deutlich: Der sozialistische Cheftheoretiker war selbst kein Proletarier. Dafür reicht ein Blick auf sein barockes Geburtshaus. Es hat durchaus etwas Herrschaftliches. Seine großbürgerliche Herkunft hat Marx nie verleugnet, im Gegenteil: Es war ihm später zum Beispiel immer sehr wichtig, Dienstboten zu beschäftigen. Er glaubte, dies seinem Status schuldig zu sein. Der Hauptgrund für seine finanziellen Probleme war schlicht, dass er über seine Verhältnisse lebte. Das Haus in der Brückenstraße beherbergt heute ein Museum, das aber nicht mehr über die ursprüngliche Einrichtung verfügt und bisher hauptsächlich textlastige Schautafeln bot. Am 5. Mai 2018 – Marx’ 200. Geburtstag – soll es neu gestaltet wiedereröffnen. Dann soll auch der umstrittene Riesen-Marx, ein Geschenk aus China, enthüllt werden – in der Simeonstraße, wohin die Familie ein Jahr nach seiner Geburt zog.

Sein Geburtshaus in Trier.
Bild: ttm Trier, dpa

Mit 18 Jahren verließ Marx seine Heimatstadt und ging zum Studieren nach Bonn. Im Universitätsmuseum im Kurfürstlichen Schloss sind Originaldokumente ausgestellt, die vermerken, dass er „wegen nächtlichen ruhestörenden Lärmens und Trunkenheit“ im Studentenkarzer eingebuchtet wurde.

 Ein Vermerk (roter Pfeil) über die Inhaftierung von Karl Marx im Studentenkarzer von 1836.
Bild: Christoph Driessen, dpa-tmn

Merkwürdigerweise hat sich das Museum deshalb zu einem Pilgerort für Touristen aus der Volksrepublik China entwickelt. „Sie amüsieren sich darüber“, erzählt Archivdirektor Thomas Becker. „Vielfach sind sie sehr beeindruckt – wir haben aber auch schon die absolut gegenteilige Reaktion gehabt. Da haben sich Besucher aus China, vielleicht auch aus Taiwan, entrüstet, dass wir Karl Marx hier so ausstellen.“

Da ihm seine Veröffentlichungen bald Probleme mit den preußischen Behörden brachten, setzte sich Marx 1845 nach Brüssel ab. Auch hier muss man sich nicht in die einstigen Arbeiterviertel der frühindustrialisierten Stadt begeben, um dem Autor des „Kommunistischen Manifests“ nachzuspüren. Nein, der Weg führt geradewegs zum Grand Place. Hier befindet sich die Kneipe, in der er mit anderen Exilanten aus Deutschland zu debattieren pflegte. Das prächtige Zunfthaus mit der Nummer 9 ist leicht an dem barocken Schwan über der Eingangstür zu erkennen. Eine Tafel an der Wand vermerkt, dass Marx hier 1847 Silvester feierte.

1845 kommt Marx nach Brüssel, abends gern ins Zunfthaus Nummer 9 (Zweites von rechts).
Bild: Jean-Paul Remy/Visit Brussels, dpa-tmn

Das Revolutionsjahr 1848 verbrachte er dann überwiegend im liberalen Köln. Dort verlegte er die einflussreiche Neue Rheinische Zeitung. Die Redaktionsräume am Heumarkt sind im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges untergegangen. Nur eine Plakette an Haus Nr. 65 erinnert daran. Eines allerdings ist auch hier nicht zu übersehen: Wieder wirkte Marx inmitten von Kneipen und Gasthäusern.

Marx schrieb "Das Kapital" im Lesesaal der British Library

Als der Elan der Revolution 1849 verpuffte, verließ Marx seine Heimat, um nie mehr zurückzukehren. Er zog mit seiner Frau Jenny von Westphalen – eine echte Adelige, worauf er ungemein stolz war – und drei kleinen Kindern nach London. Genauer: ins Ausgehviertel Soho. In der Dean Street 28 erinnert an ihn eine der blauen Plaketten, mit denen die Stadt auf berühmte Bewohner hinweist. 1856 konnte es sich Marx dank einer kleinen Erbschaft von Jenny erlauben, in eine bessere Gegend im Norden Londons zu ziehen, nach Hampstead. Zunächst wohnte er im Haus Grafton Terrace 46, das unverändert erhalten ist. Man erkennt es an der knallrot gestrichenen Tür. „Es ist eine wahrhaft prinzliche Wohnung, verglichen mit unseren früheren Löchern“, schrieb Jenny an eine Freundin. Nach weiteren Erbschaften mieteten sie 1864 sogar ein Haus mit großem Garten ganz in der Nähe: Modenas Villas Nr. 1, in der Maitland Park Road. Dieses Haus gibt es nicht mehr. Als nur noch die jüngste Tochter Eleanor bei ihnen wohnte, zog das Ehepaar 1875 ein paar hundert Meter weiter in ein kleineres Haus mit der Adresse Maitland Park Road 41.

Der Lieblingspub von Karl Marx, der in jeder Kneipe einen Pint trinken wollte.
Bild: Christoph Driessen, dpa-tmn

Mit dem Bus, damals noch von Pferden gezogen, fuhr Marx jeden Tag zur British Library, wo er von 9 Uhr morgens bis 19 Uhr abends im Lesesaal anzutreffen war. Er arbeitete dort an der „ökonomischen Scheiße“, wie er es nannte. Gemeint war „Das Kapital“. Seit die British Library 1997 in ein neues Gebäude ausgelagert wurde, bildet der Lesesaal nun den Mittelpunkt des umgebauten Britischen Museums. Viele Jahre konnte man ihn gratis besichtigen, doch seit 2013 ist er geschlossen. Nur von außen kann man sich im Lichthof noch einen Eindruck von seiner Größe machen.

Sonntags entspannte sich Marx mit seiner Familie auf Hampstead Heath, einem Wald- und Wiesengebiet, auch heute noch eines der beliebtesten Ausflugsziele der Londoner. Es gab dann ein Picknick mit Shrimps und Schnecken sowie Bier vom nahen Pub „Jack Straws Castle“, der immer noch existiert. Allerdings wurde das ursprüngliche Gebäude im Krieg zerbombt, der Nachfolgebau stammt von 1965.

Marx war ein liebevoller Vater, der für seine Kinder Pferd spielte und unermüdlich auf allen vieren herumtappte, deutsche Volkslieder sang und ihnen selbst erfundene Geschichten erzählte. Einmal lieferte er sich mit den Kindern ein stundenlanges Bombardement mit Kastanien, sodass er danach acht Tage den rechten Arm nicht bewegen konnte. Wilhelm Liebknecht, der ihn ebenso wie Engels oft begleitete, schilderte später, wie sie von ihrer Blumenwiese „auf die mächtige, endlose Weltstadt“ hinunterblickten. Ein Panorama, das man vom Aussichtspunkt Parliament Hill noch immer genießen kann.

Ein bombastisches Denkmal thront auf dem Grab

Marx lebte von 1849 bis zu seinem Tod 1883 in London, aber er bewegte sich dort fast ausschließlich unter Landsleuten und verlor nie seinen starken deutschen Akzent. Begegnungen mit Einheimischen liefen regelmäßig auf ein Fiasko hinaus. Einmal zum Beispiel nahm er sich mit seinen Freunden Liebknecht und Edgar Bauer vor, sich in jedem Pub zwischen der Einkaufsstraße Oxford Street und seinem Wohnort Hampstead mindestens ein Pint zu genehmigen. Am Ende der Kneipentour war Marx natürlich reichlich angeheitert. In dieser Stimmung fing er Streit mit ein paar Engländern an: Ihr Land könne sich mit der deutschen Kultur nicht messen, provozierte er sie. Genies wie Mozart und Beethoven habe die Insel nie hervorgebracht. Eine Schlägerei konnte gerade noch abgewendet werden.

Anfang der 1880er Jahre ging es mit Marx’ Gesundheit bergab. Als Engels am Nachmittag des 14. März 1883 zu seinem üblichen Besuch bei ihm in der Maitland Park Road eintraf, fand er ihn tot in seinem Lieblingssessel am Kamin vor. Drei Tage später, am 17. März, wurde Marx im benachbarten Highgate neben der 15 Monate zuvor verstorbenen Jenny bestattet. Nur ein Dutzend Trauergäste war zugegen.

Der Friedhof ist beeindruckend. Schiefe Kreuze, verwitterte Grabsteine, halb überwuchert von Bäumen und Sträuchern – und dann plötzlich der Kopf eines bärtigen Riesen. „Charlie“, wie Karl Marx hier auf dem Friedhof genannt wird. Das bombastische Grabdenkmal stammt aus den 1950er Jahren. Marx als Ikone, als Held des Sozialismus.

Aber wer es auf seinen Lebensspuren reisend bis hierher geschafft hat, ahnt nun, dass sich hinter dem Prophetenbart ein echter Charakterkopf verbarg: ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit dem man zu gern mal einen Abend im Pub verbracht hätte. (dpa)

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