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Ostwärts

05.03.2020

Plötzlich geht es für den Weltreisenden Bastian Sünkel nicht weiter

Wer mehr lesen und Bastian Sünkel aktuell begleiten will, findet seinen Reiseblog unter www.globalmonkey.net.
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Wer mehr lesen und Bastian Sünkel aktuell begleiten will, findet seinen Reiseblog unter www.globalmonkey.net.

Eben noch erlebt Bastian Sünkel die Welten Kambodschas – aber dann wird wegen des Corona-Virus die Weiterreise unmöglich.

Tock – tock – tock. Ein Quietschen, der Motor verstummt und die Bahn der „Royal Railways Cambodia“ stoppt im sandigen Brachland im Süden des Landes pünktlich zur Mittagshitze. Mein Rücken schmerzt in den halbhohen Ledersitzen. Die Schulter meines Nachbarn klebt an meinem verschwitzten Oberarm. Die Klimaanlage ist ausgefallen, und der Zug stoppt zum siebten Mal. Dreimal an Bahnhöfen, die nicht so aussehen, als würden dort überhaupt Züge halten. Viermal wegen technischer Probleme, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich hab mich auf die Zugfahrt als Abschluss meiner einmonatigen Reise durch Kambodscha gefreut. Mittlerweile ringe ich um Gelassenheit.

Erst im April 2016 gelang es der Eisenbahngesellschaft, die 264 Kilometer lange Südstrecke von der Hafenstadt Sihanoukville in die Hauptstadt Phnom Penh wiederzueröffnen. Das Land leidet immer noch an den Folgen des mörderischen Steinzeitkommunismus der Roten Khmer. 1979 wurde das Regime durch den Einmarsch der vietnamesischen Armee gestürzt, doch die wenigen Jahre der Herrschaft haben gereicht, verbrannte Erde und unaussprechliches Leid zu hinterlassen: etwa zwei Millionen Tote, größtenteils Kambodschaner. Hingerichtet in den Foltergefängnissen, auf den Killing Fields. Zwangsdeportationen aufs Land, entleerte Städte. Zerstörte Industrie, Straßen und Gleise. Das alles geschah, nachdem viele Kambodschaner die Machtübernahme Pol Pots gefeiert haben. Zuvor hatten US-amerikanische Truppen in der Operation Menu den Osten Kambodschas unter einem Bombenhagel begraben.

Pol Pot hat ein ganzes Land entwurzelt

Mit Pol Pot kam 1975 die Revolution, die in kürzester Zeit nicht nur ihre Kinder, sondern auch deren Familien, Freunde und viele Zufallsopfer gefressen hat. In drei Jahren, acht Monaten und zwanzig Tagen hat das Regime ein ganzes Land entwurzelt, das eh schon an den Folgeerscheinungen der französischen Kolonialherrschaft litt. Die westlichen Staaten, darunter auch die Bundesrepublik, haben das nach Thailand und den Westen Kambodschas geflüchtete Terror-Regime bis 1989 als rechtmäßige Vertreter bei den Vereinten Nationen anerkannt, erzählen die Stimmen der Audio-Guides an den Stätten des Genozids. Die meisten Täter sind ihrer Verurteilung entkommen.

Plötzlich geht es für den Weltreisenden Bastian Sünkel nicht weiter

Der Zug rollt wieder. Langsam, aber kontinuierlich. Dauerhupend, weil die Strecke nicht abgesichert ist. In einigen Stadtvierteln liegen nur wenige Meter zwischen den Schienen und den Häusern der Anwohner mit ihren Essens- und Marktständen, den spielenden Kindern auf den Straßen. Royal Railways sei ein weiteres Zeichen dafür, dass das Land einen Sprung nach vorne gemacht habe, erzählen mir viele Reisende, die das ausgezehrtere Kambodscha vor einigen Jahren erlebt haben.

Die Zugfahrt entwickelt sich zu einer Empfindungsreise durch meine Erinnerungen. Erst kam die Freude, dass ich China problemlos verlassen konnte und mich nicht mit dem Corona-Virus angesteckt habe. Als die zweiwöchige Inkubationszeit vorüber ist, stoße ich mit meinen Wegbegleitern auf Gesundheit an. Ich erinnere mich an die Schreckensorte der Roten Khmer: die Killing Fields Choeung Ek, das Foltergefängnis Tuol Sleng in Phnom Penh. Ich sehe die Tuk-Tuk-Fahrer an der Pub Street in Siem Reap , die erst eine Fahrt, dann Marihuana und Koks und nach der dritten Verneinung „Girls“ anbieten. Du kannst alles in Kambodscha bekommen, ruft mir einmal ein Fahrer nach. Das sehe ich. Hilfsorganisationen kämpfen gegen Kinderprostitution.

Die historischen Ruinen von Angkor sind einfach erstaunlich

Ich treffe liebenswürdige Kambodschaner, die nur selten über die Vergangenheit und über die Politik der Gegenwart sprechen. Ich erkunde mit Tausenden Besuchern einen der erstaunlichsten historischen Tempelkomplexe der Welt, die Ruinen von Angkor. Auch das ist Kambodscha. Immergrüne Urwälder, goldene Sandstrände, klares Wasser – und ich sehe, was passiert, sobald Touristen und Investoren anrücken.

Bevor ich in den Zug steige, buche ich einen Schlafplatz in der Stadtmitte Sihanoukvilles. Rund um den größten Kreisverkehr mit zwei goldenen Löwen erwartet mich ein erschütterndes Globalisierungsszenario. Der Staub der Straßen verdeckt die Sicht zur gegenüberliegenden Straßenseite. Presslufthämmer rattern bis ins Hostel. Geisterhochhäuser, Kräne, Casinos. Die meisten Reisenden haben sich nur dorthin verirrt, weil sie nichts von den Zuständen im einstigen Fischer-, Touristen- und Aussteigerstädtchen gewusst haben oder auf ihr Boot warten, das sie von dort wegbringt.

Chinesische Investoren haben Sihanoukville zu ihrem Spielfeld auserkoren. Der kambodschanische Premierminister Hun Sen würde alles dafür tun, dass Geld- und Touristenströme aus China weiter in sein Land fließen. Das zeigt er medienwirksam. Das Kreuzfahrtschiff „Westerdam“ darf am Ende seiner Odyssee mit einer Covid-19-Infizierten an Bord in Sihanoukville anlegen. Der Präsident begrüßt die Passagiere und Crewmitglieder mit Handschlag, nachdem er in der Zeitung Phnom Penh Post nach einem China-Besuch im Februar erklärt hat, dass er vor dem Corona-Virus so wenig Angst habe wie vor seinen Gegnern im Befreiungskrieg. Wenige Kilometer östlich des Hafens, an dem die „Westerdam“ angelegt hat, sitze ich mit den deutschen Auswanderern Kerstin und Gerald Seeger vor ihrem Gästehaus Spayhiti. Sihanoukville sei seit der Eröffnung ihres Gästehauses im März 2016 nicht wiederzuerkennen, sagen sie. Auf der anderen Straßenseite erstrecke sich ein einstiger Traumstrand. Ein ehemals blauer Flussarm, der in den Strandabschnitt mündet, habe sich erst schwarz, dann grün verfärbt, erzählt Kerstin. Abwässer und Abfall treiben an ihrer Bar vorbei bis an den Sandstrand, wo im Sonnenuntergang das Plastik schimmert. An einem Tag rattert der Betonmischer so laut aus der Einfahrt des Spayhiti, dass wir trotz unserer gemeinsamen Muttersprache Verständigungsprobleme haben. Eine Umgehungsstraße entsteht, die Regierung will Teile des Grundstücks abschneiden. Der Anwalt ist eingeschaltet, die Gästezahlen gehen langsam zurück. Kerstin und Gerald warten, dass die Straße fertig wird, und sind gespannt, wie Sihanoukville nach seiner chinesischen Schönheitsoperation aussehen wird. Einfach abzuhauen, wie es andere Auswanderer mehr oder weniger freiwillig vorgemacht haben, kommt für das Paar nicht infrage. Ihr Erspartes steckt im Gästehaus.

Sihanoukville wird in eine Touristen- und Spielhölle umgebaut

Ihre Nachbarn hat es noch schlimmer getroffen. Etwa 20 Jahre haben die Hütten der Kambodschaner am Fuß eines benachbarten Hügels gestanden, erzählt Kerstin. Bis 2018, als die Investoren kamen und die Behausungen als illegal niedergebrannt wurden. Solche Geschichten gibt es viele in Sihanoukville , das nach chinesischem Vorbild in einen Wirtschaftsstandort , eine Touristen- und Spielhölle umgebaut wird.

Nach zehn statt geplanten sechs Stunden schleppt sich die königliche Eisenbahn in den Bahnhof von Phnom Penh. Rock, der Besitzer des Pu Rock Hostels, klagt mir sein Leid: das Virus , die fatale Gästeentwicklung, die Chinesen, die Politik … Im Vergleich zum vergangenen Jahr sind die Buchungen um 87 Prozent gesunken. „The virus“, sagt Rock, halte vor allem Europäer, Amerikaner und Australier davon ab, Kambodscha zu besuchen. Chinesische Investoren spielten sich zu Kolonialherren auf, trieben die Grundstückspreise nach oben und die Regierung unterstütze sie dabei. Rock ist wütend und unsicher, was die Zukunft Kambodschas und die seines eigenen Hostels betrifft.

Ich verabschiede mich, um später zurückzukehren. Ich habe erst eine Busfahrkarte und ein Visum für Vietnam , später ein Flugticket nach Indonesien – mit der Bestätigung der Deutschen Botschaft in Jakarta , dass ich einreisen kann. Doch die Ausreise aus Kambodscha scheitert zweimal. Neue Corona-Fälle in beiden Ländern verschärfen die Einreise. Die Lage wird unübersichtlich, das Virus bestimmt meine Route. Ich treffe eine Entscheidung: Das nächste günstige Flugticket soll mich nach Europa zurück bringen. Am Montag bin ich in Wien gelandet.

Mehr über Bastian Sünkel und seine Reiseerfahrungen lesen Sie hier:

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