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Passionsmusik

23.04.2014

Augenzwinkernde Entrücktheit

Das Musica Antiqua Ensemble Günzburg mit Harfenistin Lea Maria Löffler machte das Karfreitagskonzert in der Hofkirche zu einem beeindruckenden Ereignis. Am Pult Bernhard Löffler, viele Jahre als Musikdirektor in Günzburg, heute in Köln und an der Universität Augsburg tätig.
Bild: Kircher

Duett der Harfe und der Stimmen: Das Musica Antiqua Ensemble mit Solistin Lea Maria Löffler klingt in der Günzburger Hofkirche einfach klasse

Wenn man nicht bachvergrübelte Heilsaufopferung, oder überhaupt die verschattete Seelentiefe fleckenlos barocker Sakralmusik erwartete, dann konnte, zum „Musikalischen Frühling“, das Passionskonzert des Musica Antiqua Ensembles Günzburg unter Leitung von Bernhard Löffler zum suggestiven Erlebnis, zu fein getönter Klangpoesie werden, mit tiefschürfender Karfreitags-Stimulanz, jeglichen Anspruch dieser Art voll befriedigend.

Das Ensemble diesmal in der Fassung eines zehnköpfigen gemischten Chores, begleitet von einer Harfenistin, die durchaus so etwas wie die erste Geige spielte, und zum Star des Abends wurde: die Burgauerin Lea Maria Löffler, sechzehn Jahre alt, zurzeit Studierende am Jungstudierendeninstitut der Hochschule für Musik in Detmold, in vielen Orchestern tätig und mit Preisen und Auszeichnungen reich bestückt. Sie spielte sich, technisch brillant, mit ebenso erstaunlicher wie ausdrucksstark innerlicher Virtuosität, erfrischend frei von Allüren in die Herzen des Publikums.

Schon der leuchtende Ton der ersten Takte von Händels „Prélude und Toccata“ ließ aufhorchen. Was dann aber an präzis artikulierter, ansatzloser Leichtigkeit, an artistischem Parlando und samtig-seidener Klangwelterschaffung folgte, das ließ jegliche Art von Karfreitags-Tristesse erst mal Pause machen. Darin eingeschlossen auch Camille Saint-Saëns’ erbaulich passionsfreie, hauchzarte und hochanspruchsvolle „Harfenfantasie“. Oder William Mathias’ neuzeitliche, sperrig-verspannte Klangvokabeln seiner „Improvisations for Harp“, die mal schmerzlich schimmernd durch Raum und Zeit schweben, dann wieder, heroisch modern und technisch vertrackt, an schwarzkantigen Neutöner-Motiven vorbeischrammen. Bei Lea Maria Löffler ein Raumklangrätsel des Abseitigen, angstfrei und mit Lust formulierte Modern Music Lecture, weitab jeglichen Mainstreams.

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In seiner Jugend hegte er ernsthaft den Gedanken, Priester zu werden. Charles Gounod (1818-1893) zog es dann aber doch vor, Opern zu schreiben, und sich – nicht oft, aber gerne – als „Abbé Gounod“ zu titulieren. Treu blieb er der katholischen Kirche jedoch sein Leben lang, vor allem musikalisch, was seinem Liebesleben zuträglicher war. Seine „Sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuz“ – sind sie „nur“ ein Gelegenheitswerk, geschaffen für die Pariser Musikschule, die er seinerzeit leitete? Mag ja sein. Mag auch sein, dass jene, von Heinrich Schütz, César Franck und vor allem Joseph Haydn so erfolgreich vertonten sieben Sätze, die Christus am Kreuz gesprochen hat – von „Vater vergib ihnen ...“ bis zu „In Deine Hände leg ich meinen Geist“ – Gounots Version den Rang ablaufen.

Doch dem ist ein gewichtiges „Aber“ entgegenzusetzen: Wenn ein Musica Antiqua Ensemble Günzburg, wie geschehen, unter seinem Leiter Bernhard Löffler zu solch vokal inspirierter, homogener und klanglich leuchtender Umsetzung dieses „Gelegenheitswerkes“ angeregt wird, dann gerät es zu einem Stück, das absolut hörenswert ist. Zu einem hoch konzentrierten, nach innen schauenden Werk, an Palestrina orientiert und in Romantik gebadet, welches das Hören zur genussvollen Schmerzerfahrung werden lässt. Manchmal haben es die Lichtstrahlen der Heilsbotschaft nicht ganz leicht, durch den melodischen Nebel gounodscher Klangkraftmeierei und ihre augenzwinkernde Entrücktheit zu dringen, trotz Sieger Köders auf die Leinwand gebeamter, archaisch wuchtiger Passionsbilder.

Nichtsdestoweniger kommt die „Erde bedeckende Dunkelheit“, mit meditativem Pianoeffekt, dann doch zu ihrem tonmalerischen Anstrich. Und das finale „Mich dürstet“ in seiner dissonanten Chromatik, wie auch das flehentliche „In Deine Hände ...“ schwingen sich, im Kraftfeld sanglicher Euphorie, auf zu polyphon-triumphaler Welterlösungsgeste.

Statt der vorgeschriebenen Orgel begleitet in allen Stücken die Harfe. So entsteht, im Duett der Saiten und Stimmen, etwas Seltenes, heute vielleicht schon Altmodisches: Innigkeit. Die findet sich auch im wohlklingenden, von gefühlvoll harmonischen Wendungen geprägten Musikstil von Gounods „Requiem“, oder seinem effektvoll aufgeladenen „Pie Jesu“.

Eine kurzweilige Stunde musikbezogener Lebenssinnsuche, jenseits aller gängigen Karfreitagsklischees. Klasse!

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