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Ausstellung „Augenblicke“

15.07.2014

Die Schönheit der Ratte

Zeichnungen und Karikaturen stellt der Ulmer Architekt Ulf Harr im Schulmuseum in Ichenhausen aus.
Bild: Lorenz

Knapp 100 Bilder des Ulmer Architekten Ulf Harr sind im Ichenhauser Schulmuseum zu sehen. Wie der Künstler es schafft, mit wenig ganz viel darzustellen

„Ich habe 30000 Zeichnungen daheim rumliegen.“ So wie der Künstler das sagt, klingt es fast ein bisschen abwertend, so wie: Nicht der Rede wert. Die knapp 100 Bilder aber, die der Ulmer Architekt Ulf Harr auf Einladung des Fördervereins für Kultur und Naherholung Ichenhausen im Schulmuseum ausstellt, die sind auf jeden Fall einen Ausstellungsbesuch wert.

Es braucht manchmal wenig, um viel darzustellen. Ulf Harr beherrscht die Kunst der Reduktion. Ihn interessiert das Wesentliche. Er beobachtet genau, und zuweilen auch lange, um dann in Minutenschnelle ein paar Striche aufs Blatt zu werfen. „Ich brauche fünf Minuten für ein Bild“, sagt er. Die Gläser zu putzen und dann das Bild zu rahmen erfordere deutlich mehr Zeit.

Seine Zeichnungen sind wie ein Konzentrat, ein eleganter Extrakt aus dem Wesentlichen. Schwungvoll und leicht hingeworfene Linien, vielleicht noch ein bisschen Aquarellfarbe, mehr braucht Harr nicht, um die Schönheit einer Ratte zu zeigen, die beinah überirdische Gelassenheit einer ruhenden Katze, das rastlose Schwirren einer Fliege. „Was mich maßlos interessiert, sind Tiere“, sagt der 74-Jährige, der viel lieber Zoologie als Architektur studiert hätte. Aber für das Wunschfach habe ihm Latein gefehlt, und weil Zeichnen „immer mein bestes Fach war“, wurde es die Architektur, bei der in Harrs jüngeren Jahren auch noch die Kunst des Zeichnens sehr gefragt war. Dass die vom Computer an den Rand gedrängt worden ist, bedauert er sehr.

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Was sich in seiner Arbeit tagsüber an Eindrücken angesammelt hat, warf der seit 1976 in Ulm tätige Architekt gern mit ein paar Strichen am Feierabend auf den Arbeitstisch – „im Prinzip Karrikaturen“, sagt Harr, „wahrscheinlich der Frust des Architekten.“ So entstanden zahllose Kleinformate, dazu eine lange Reihe von Skizzenbüchern.

Nichts, was dem weißhaarigen Mann mit der Tabakspfeife in der Hand dabei nicht zum Objekt hätte werden können: Ein Rattenpärchen in seinem Büro, das in schöner Regelmäßigkeit alle vier Wochen Junge bekam. Der afrikanische Grasfrosch mit dem heldenhaften Namen Menelaos, der faul in seinem Aquarium saß und wartete, bis ihm die Heimchen und Grillen vors breite Maul spazierten. Ebenso der Faxverkehr mit dem Psychoanalytiker, für den der Architekt ein Gebäude plante, auch die Stubenfliege an der Wand. Oder die Engel, die Ulf Harr als Illustration für ein Märchen über Spatzen und Engel zeichnen sollte. „Ich hab nicht gewusst, wie ich die Engel darstellen soll“, sagt er. Der Mann wusste sich zu helfen. Dann eben keine Engel, dafür Spatzen, das liegt in Ulm ja nahe. Im Zoogeschäft hatte man zwar keine Spatzen, aber Zebrafinken. Die gaben ein hervorragendes Modell ab für über 100 Zeichnungen, die wenig später in einer Buchhandlung reißenden Absatz fanden.

Die Impulse für seine Kunst findet Ulf Harr immer in der Realität. „Nicht ist zu banal, als dass man es nicht umwandeln könnte in Kunst“, sagt er und erzählt vom FKK-Baggersee, an den er unversehens geraten war („besonders peinlich“), oder von dem Malkurs „Im Rausch der Farbe“: „Eher Therapie als Kunst.“ Mit der ihm eigenen, charmanten Chuzpe verwandelte er auch diesen Frust in Kunst. „Köpfe“ hat er diese ungewöhnlich farbkräftigen Werke genannt, die an der Stirnseite des großen Saals im Neubau des Schulmuseums hängen. „Weil da was Kräftiges, Farbiges sein sollte“, sagt der Künstler und grinst. Die Kunst des Zeichnens, sie ist ihm ein lustvolles Spiel mit der Realität. Und er beherrscht es meisterlich.

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