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Günzburg

26.01.2020

Familienministerin Giffey spricht mit Erzieherinnen in Günzburg

Ein Besuch, der nicht alle Tage kommt: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey wird von Günzburgs Oberbürgermeister und Parteifreund Gerhard Jauernig empfangen.
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Ein Besuch, der nicht alle Tage kommt: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey wird von Günzburgs Oberbürgermeister und Parteifreund Gerhard Jauernig empfangen.
Bild: Till Hofmann

Plus Die SPD-Politikerin, die im Kabinett Merkel zu den Aktivposten zählt, kennt die meisten Probleme des Kita-Personals. Aber etwas überrascht sie dann doch

Monika Hirning ist seit 31 Jahren Erzieherin. Was sie und ihre Kolleginnen derzeit erleben, kennt sie aus früheren Jahren nicht. Da werden diejenigen, die sich mit Empathie den Kleinen zuwenden sollen, von ebenjenen Kindern geschlagen, bespuckt, gekratzt, gezwickt. Brillenträgern wird die Brille aus dem Gesicht geschlagen. „Und das von Drei- und manchmal sogar noch Zweijährigen“, erzählt die berufserfahrene Frau, die das städtische Kinderhaus Hagenweide leitet.

Die jüngere Kollegin Nuray Kocyigit bestätigt dies. Die Geschichte erzählen sie nicht irgendjemandem. Ihnen gegenüber sitzt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, die sich zwei Stunden lang für ein Gespräch in Günzburg am Samstagvormittag Zeit nimmt.

Heile Welt war gestern

Begrüßungsworte durch ihren Parteifreund Oberbürgermeister Gerhard Jauernig, Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, Dialog mit den Expertinnen für frühkindliche Bildung, Pressegespräch. Das ist der Ablauf im Günzburger Rathaus. Giffey zeigt sich sichtlich überrascht, als ihr von diesen Vorgängen in einer Kleinstadt berichtet wird, die nicht, wie die Erzieherinnen versichern, zu den Besonderheiten gehören. „Das ist an der Tagesordnung.“ Heile Welt in eher ländlich geprägten Region? War vielleicht einmal.

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Die Eltern scheinen hilflos zu sein, nicht fähig, ihrem Nachwuchs Einhalt zu gebieten. Eine zunehmende Zahl Erziehungsberechtigter zeigt keine Grenzen mehr auf. Sie lassen die schlagenden Kinder gewähren, hoffen auf Abhilfe in Krippen, Horten, Kindergärten.

Giffeys "Wisch-und-weg"-These

Woher kommt das Problem? Giffey wagt die „Wisch-und-weg-These“ als eine Möglichkeit. Bereits im Kleinkindalter würden Buben und Mädchen mit Tablets und den bunten, hochaufgelösten Bildern ruhiggestellt. „Du stellst einfach die bewegte Tapete hin. Was das letztlich für Auswirkungen hat, darüber machen sich die wenigsten Gedanken“, sagt die 41-jährige Mutter, deren gute Laune ansteckend wirkt.

Giffey hat sich auf die Fahnen geschrieben, die sozialen Berufe aufzuwerten. Ins Kabinett Merkel trat sie vor knapp zwei Jahren ein. Eine ihrer ersten Entscheidungen sei gewesen, eine Projektgruppe zu bilden, die genau dieses Ziel verfolgen solle.

Mehr Qualität für 5,5 Milliarden Euro

Herausgekommen ist ein Gutes-Kita-Gesetz, von dem die 16 Bundesländer profitieren können. Insgesamt sind die Maßnahmen mit 5,5 Milliarden Euro ausgestattet. Mithilfe des Geldes und seiner effektiven Verwendung in den Bundesländern soll erreicht werden, dass die Qualität frühkindlicher Bildungsarbeit in den Einrichtungen steigt.

Einige wohlbekannte Punkte werden in der Gesprächsrunde angerissen: der unzureichende Betreuungsschlüssel, zu wenig Aufstiegsmöglichkeiten, eine Bezahlung, die nicht gerade den Beruf attraktiver macht. Das sind einige der Schlagworte.

Froh über die gesellschaftliche Debatte

Giffey verweist wiederholt darauf, was alles ins Rollen gekommen ist und dass die politisch Verantwortlichen in den meisten Bundesländern inzwischen begriffen hätten, dass die Menschen entsprechend wertgeschätzt werden müssen, die verantwortungsvoll „mit dem Kostbarsten umgehen, was wir haben: mit unseren Kindern“. Sie setzt hinzu: „Ich bin froh, dass wir damit angefangen haben, diese gesellschaftliche Debatte zu führen.“

Giffey bedauert an diesem Vormittag auch öfters, wenn sie um Abhilfe gebeten wird. Ihr stärkstes Argument ist dabei die Nichtzuständigkeit. „Bildungsangelegenheiten sind Sache der Länder, das liegt in deren Hoheit.“ Deshalb gebe es ja keine einheitlichen Personalschlüssel und Ausbildungsgänge.

Macht der Beruf Spaß?

Die Botschaft, dass nun etwas angepackt werden soll, was schon lange hätte angegangen werden müssen, hören die Günzburger Erzieherinnen wohl. Ob’s hilft? Versprochen wurde vieles. Bis in fünf Jahren, schreibt das Bundesfamilienministerium, könnten nach aktuellen Berechnungen in der frühen Erziehung bis zu 191.000 Erzieherinnen und Erzieher fehlen. Macht der Beruf Spaß? „Vor fünf Jahren hätte ich noch Ja gesagt“, antwortet Kinderhaus-Leiterin Hirning. „Im Moment bin ich am Wanken. Kolleginnen von mir sind es auch“, gibt die 51-Jährige die Stimmungslage wieder.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Till Hofmann:

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