04.10.2010

Fisch-Sex in Noten

Das finnische Mundharmonika-Quartett "Sväng" bei seinem Gastspiel im Leipheimer Zehntstadel mit Jouko Kyhälä (Alt), Eero Turkka (Tenor), Pasi Leino (Bass) und Eero Grundström (Sopran). Foto: Martin Gah
Bild: Martin Gah

Leipheim Zu Beginn des Konzerts im Leipheimer Zehntstadel könnte man meinen, die vier Herren auf der Bühne seien einem Kuriositätenkabinett entsprungen. Die Mitglieder der Gruppe Sväng tragen noble Anzüge und Westen, dazu aber Turnschuhe, die golden und silbern glitzern oder knallige Farben haben. Ihre Frisuren sind nicht minder schräg. Eine Halbglatze und ein kurz geschorener Kopf sind noch harmlos gegen einen knallrot gefärbten Pferdeschwanz und eine ganz ausgefallene Kreation: Ein einziger "Schippel" prangt mittig auf dem ansonsten kahl geschorenen Kopf.

Kuriose Erscheinung

So kurios wie ihre Erscheinung mutet auch die musikalische Mission der vier Herren an. Sie sind angetreten, die Mundharmonika aus ihrem Schattendasein in Country und Blues herauszuführen. Dies tun sie zum Beispiel mit Klavierkompositionen von Chopin. "Chopin hätte bestimmt bessere Musik geschrieben, hätte er für Mundharmonika komponiert", versichert Eero Turkka in einer seiner englischen Ansagen dem Publikum.

Der Finne fand seine drei Kollegen Eero Grundström, Jouko Kyhälä und Pasi Leino vor sieben Jahren an der renommierten Sibelius Akademie in Helsinki. In beautycase-ähnlichen Koffern tragen sie ihre Instrumente. Sie spielen Mundharmonikas verschiedener Größe, entsprechend den Stimmlagen Sopran, Alt, Tenor und Bass (ja, so was gibts!).

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Drei CDs sind von der Gruppe mittlerweile erschienen, die jüngste, "Schladtzshe!", erst vor wenigen Tagen. Darauf finden sich überwiegend Eigenkompositionen. Diese sind oft inspiriert von der Natur in ihrer ganzen Elementargewalt. "Meine Eltern haben ein Sommerhaus an einem See. Plötzlich hörte ich vom Ufer her ein wildes Geräusch", erzählt Eero Turkka und imitiert mit seinen Lippen ein seltsames Platschen. Nach kurzem Nachforschen stellte er fest, dass sich dahinter Sex habende Fische verbargen. Aus den Geräuschen der kopulierenden Wasserbewohner macht Sväng ein aufwühlendes Stück, mit stampfendem Rhythmus und rasanten chromatischen Wellen. Leise "Uuh"-Schreie runden das lustvolle Klangbild ab.

Im Stück "Giftschlange" mischen sich Polka und griechische Melodien. Elegant schlängelt sich die Melodielinie dahin bis zu einem traurigen Ende, das fast klingt wie "Spiel mir das Lied vom Tod". Ein weiteres klangliches Experiment ist "Heavy Metal Zigeunermusik". Sie beginnt im Sopran (Solist: Eero Grundström) mit einem Riff wie von einer E-Gitarre. Ein leichtes Schmunzeln durchzieht das Publikum, als der Rock in Csárdás übergeht. Hier klingen die Mundharmonikas wie Streicher.

Ungewohnte Klangfarben

Ungewohnte Klangfarben entlocken die Skandinavier ihren Instrumenten auch beim beliebtesten finnischen Tanz, dem Tango. Bei "Großmutters Tango" klingt die Tenor-Mundharmonika manchmal wie eine Posaune. "Der finnische Tango ist zarter als der argentinische, aber das Ziel ist das Gleiche: Frauen nahezukommen", erklärt Eero Turkka.

Und beim "Tango Pause" kann man sich förmlich die große Ranschmeiße eines Tänzers vorstellen, der nach seiner Partnerin verschmachtet. Als Turkka das letzte Lied ankündigt, schallt ihm ein enttäuschtes "Ooh" aus dem Publikum entgegen. Erst nach zwei Zugaben kommen die Musiker von der Bühne.

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