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Kultur

08.02.2016

Klassik jugendlich aufgefrischt

Das Orchester der Gymnasien Schwabens mit Yi Lin Jiang am Klavier interpretierte das 1. Klavierkonzert von Franz Liszt.
Bild: Helmut Kircher

Der Musikernachwuchs aus Schwabens Gymnasien bescherte bei seinem Abschlusskonzert in Günzburg Momente der Bewunderung

Es gibt sie noch, die Pflege klassischer Musikkultur an gymnasialen Bildungseinrichtungen. Unverkennbar ist zwar die bläserlastige Big-Band-Vorherrschaft, doch die Streicher, als Taktgeber klassisch strukturierter Orchesterkultur, gelten als noch nicht ausgestorben. Zumindest noch nicht ganz. 90 Jungmusiker aus 25 Gymnasien des schwäbischen Raumes trafen sich unter Leitung von Stephan Dollansky in Marktoberdorf zur viertägigen Probenarbeit, um ein Programm aus der Nische neuzeitlicher „Klassik“ zu erarbeiten und in zwei Aufführungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Im Günzburger Forum am Hofgarten fand nun das Abschlusskonzert statt.

Die elegant durchlichtete, sinfonische Dichtung „Finlandia“ aus der Feder des nordischen Spätromantikers Jean Sibelius (1865-1957) stand am Anfang des Zweistundenprogramms. Aufgrund seiner emotionalen Eindeutigkeit, seiner geradezu nach Freiheit dürstenden Melodik, gilt sie als ein Dokument finnischen Nationalbewusstseins, gar als inoffizielle Nationalhymne, und war während der Zeit russischer Besetzung und Unterdrückung des finnischen Großherzogtums behördlich natürlich verboten. Die revolutionär kämpferische Blechattacke kam zum Beginn, von jungmusikerhaftem Furor in fluoriszierende Inbrunst gepackt, die Holzbläserrufe, der Trauergesang der Streicher, befreiungsklassisch-sinfonischer Stil, jugendlich aufgefrischt.

Und dann die Hymnenepisode im Mittelteil, normalerweise chorisch auf Freiheitstexte wie „O Heimat sieh des Morgens helle Schwingen“ gesetzt, verliehen dem Ganzen den Nimbus eines herzbewegend emotionalen Ausnahmezustands. Ungewollt allerdings, wenn man den nachträglichen Aussagen des Komponisten glauben darf: „reine Inspiration, nur Gedanken“. Was wiederum beweist, dass Gedanken als Grundlage fruchtbarer Inspiration nicht von Nachteil sein müssen.

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Höhepunkt des Konzertabends: Franz Liszts (1811-1866) Klavierkonzert in Es-Dur, sein erstes. Eine „Tonschmiererei“ nannte es 1855 die Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung. Nun, darüber kann man geteilter Meinung sein, gehört dieses Werk doch zum festen Repertoire fast aller Pianisten von Rang. Und mit Yi Lin Jiang an den Tasten geriet es zur umjubelten Sensation. Natürlich kennt der 28-jährige gebürtige Münchner die legendäre Einspielung seines Landsmannes Lang Lang in der Londoner Prince Albert Hall – auf Youtube rund zwei Millionen Mal aufgerufen –, nimmt aber deutlich Abstand von der zwar technisch brillanten, aber deutlich überzuckerten Fassung des amtierenden Klavierhelden unserer Zeit. Er findet in seiner Interpretation zu einem Gespür für den richtigen Moment im richtigen Drive, befreit sich aus Dogmen jedweder Art, formt Liszts Tondichtung erfrischend klischeefrei zu einer klingenden Delikatesse.

Melancholisch verhalten in den lyrischen Phasen, bringt er sein Instrument trotzdem zum Singen, formuliert Hauptmotiv und Kadenzen zu prägnant gemeißelten Figurationen, findet in kantablen Themen zu kompromisslos ungeschmäcklerischem und antisentimentalem Ton. Geht, auch innerhalb dramatischer Konflikte, auf das mitziehende Orchester ein, lässt dem Oboen- und Geigensolo Platz, den tremolierenden Streichern, und erhebt seine Stimme im Scherzo zu rauschhafter, technisch bestechender Eleganz und im Allegro molto Finale zu donnernder Oktavenbrillanz und triumphaler Tastenleuchtkraft.

In Charles Huber Parrys (1848-1918) Symphonic Variations gab Stephan Dollansky seinen Jungmusikern Gelegenheit, sich bläserisch zur Geltung zu bringen und in orchestraler Vollmundigkeit in schwerfälliger Melodienfülle auszubreiten. Edvard Griegs (1843-1907) in norwegisch sattem Heimatton gemalten vier Norwegischen Tänzen für Orchester – von ihm ursprünglich für Klavier komponiert – sollten in seinem Peer Gynt Verwendung finden. Taten sie aber nicht, gelangten dafür als selbstständige Komposition im Konzertsaal zu Ruhm. Mit hörbarem Genuss brachten Dollansky und seine musikalischen Nachwuchsmusiker den rhapsodischen Fluss dieser Volksmelodien im orchestral prachtvollen Gewand klangidyllisch zur Geltung.

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