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Kirchenkonzert

10.04.2017

Mariensong im Multimediasound

Kirchenmusiker Wolfram Seitz leitete Chöre und Orchester .
Bild: Kircher

Ein beeindruckendes Werk ist in der Günzburger Heilig-Geist-Kirche zu hören gewesen. Ein besonderes ist es auch.

Sakral gesehen hat der Passionshymnus Stabat Mater Dolorosa – er stammt aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert und besingt den Schmerz der Gottesmutter Maria unter dem Kreuz – in der katholischen Liturgie nur noch einen Nischenplatz. Musikalisch war er über all die Jahrhunderte hinweg immer ein Hit und ist einer geblieben. Das war jetzt auch in der Günzburger Heilig-Geist-Kirche zu hören.

Mehr als 60 Komponisten brachten den Text zu dieser gregorianischen Choralmelodie in verschiedenste Ausdrucksformen pastoraler Struktur. Machten aufgewühlten Schmerz zum tränenreichen Dauerbrenner. Von Palestrina über Pergolesi, Vivaldi und Bach bis zu Liszt, Penderecki und Rihm. Und eben der Keyboarder, Werbemusiker, Filmsoundtracker, Altjazzer und neusinfonische Chor- und Orchesterkomponist Karl Jenkins (geboren 1944 in Wales). Er schuf mit seinem 2008 in Liverpool uraufgeführten Stabat Mater ein textlich-musikalisches Passions-Cross-over, das in jedem Takt das wahrlich weltumspannende Musikvokabular seines Schöpfers widerspiegelt.

Traditionelle Stilmittel chorischer und sinfonischer Art mischt er mit ethnischen Texten und Klängen unterschiedlicher – vor allem orientalischer – Kulturen, gediegenes Barock mit trendiger Filmmusik und angejazzten Instrumentalklängen mit Kuschelfaktor. Zum Flechten silbrig-feinen Sinnierens auf langem Atem, sowie zur Transposition exzessiver Vokalbravour aus 140-stimmiger Sangeswucht, holte Chorleiter Wolfram Seitz den Neuen Kammerchor Heidenheim mit ins Heilig-Geist-Boot, ließ das Orchester Camerata Ulm ihre Gefühlswogen einer Liturgie des Schmerzes entfalten und Gesangssolistin Henrike Paede ihr Gespür für melodische Feinheiten auskosten.

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In zwölf Teilen hat Jenkins sein Opus angelegt. Sechs geben die 20 lateinischen Verse des originalen Stabat Mater wider, die anderen sechs kontrastieren dazu mit Fremdtexten aus dem Englischen, Hebräischen, Griechischen, Arabischen, oder Aramäischen (der „Jesussprache“). Auch musikalisch befreit sich Jenkins jeglicher Fesseln althergebrachter Konventionen. Ungewöhnlich bereits, von Oboen formuliert, die schwebend geheimnisvolle Anfangsmelodie. Die mit weiteren Holz- und Blechbläsern, mit Pauken, Trommeln und Beckenschlägen – die Schlagwerker werden im weiteren Verlauf kaum mal zum Atemholen kommen – und dem vollgriffig beseelten „Stabat Mater Dolorosa“ des Chores massiv anschwillt. Dynamisch, in verhaltenem Tempo.

Um dann in sehnsüchtelnder Zartheit wieder ins kultivierte Nichts zu entschwinden. Typisch Jenkins. Seitz hält sein Chor-und Instrumentalgefüge mit durchartikulierter Exaktheit auf Übereinstimmungskurs. Setzt dabei aber auf Wirkung, macht jeden Schlenker Jenkinser Emotionskurven in dieser Mixtur pulsierender Bewegtheit mit. Ergreifende Momente, wenn die Gesangssolistin, umspielt von orientalischen Flöten (Duduk)-Melodien, ihr altarabisches „Salli li ajlinaa“ anstimmt. Oder das englisch-aramäische „Now my life is only weeping“ zum Mariensong im Multimediasound macht. Aber gleichzeitig auch zum Soundtrack eines erschütternden europäisch-nahöstlichen Zeitbezugs.

Für dieses Konzert gab es stehend Applaus und frenetischen Jubel. Auch für den Heidenheimer Chorleiter Thomas Kammel.

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