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Tag der Legasthenie

29.09.2019

Wenn das Pferd beim Lesen lernen hilft

Ines Heinrich auf dem Rücken von Therapiepferd Fabi: verkehrt herum Sitzen beim Reiten gehört zu den Trainingsaufgaben ihrer Schüler.
Bild: Heinrich

Plus Bei Ines Heinrich aus Kemnat lernen Kinder durch Reiten, ihre Lese- und Rechtschreibschwäche in den Griff zu bekommen.

Wenn Eltern gesagt wird, ihr Kind leide an Legasthenie oder Dyskalkulie, dann bricht nicht selten eine kleine Welt zusammen. All die Pläne, all die Hoffnungen, die man in sein Kind gesetzt hat, scheinen zunichte. Statt glänzender Zensuren Lernen als endlose Quälerei; Hilflosigkeit, ewiges Mahnen und Streiten. Doch so vernichtend die Diagnose noch vor wenigen Jahren empfunden wurde, muss sie heute nicht mehr sein. Immer feinere Analysen, tiefergehende Forschung und die Entwicklung von Präventionstechniken und unterstützenden Therapien ermöglichen auch Betroffenen eine normale Schulkarriere. Eine, die sich um Risikokinder und Betroffene annimmt, ist Ines Heinrich.

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Die promovierte Kommunikationswissenschaftlerin sitzt seit dem Kleinkindalter im Sattel. Ein Leben ohne Pferde ist für sie wohl kaum denkbar. Lange Zeit war das Reiten für sie aber nur ein Hobby, dem sie auf dem elterlichen Anwesen in Kemnat jederzeit nachgehen konnte. Erst durch einen schweren persönlichen Schicksalsschlag, erzählt Ines Heinrich, ist ihr die Kraft des Pferdes als Tröster und Therapeut bewusst geworden. Sie ließ sich in einer spezialisierten Reitschule in Kärnten zur Reitpädagogin ausbilden mit Schwerpunkt Lese-Rechtschreib- und Rechenschwäche. Nun baut sie sich neben ihrer Tätigkeit als Hochschuldozentin in München ein zweites berufliches Standbein als Legasthenie- und Dyskalkulie-Trainerin für pferdegestütztes Lernen auf.

Einrichtung ist vom Bezirk Schwaben anerkannt

„Lernen mit Pferden“ heißt die Unternehmenssparte, mit der sie Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt. Ihre Einrichtung hat die Anerkennung des Bezirks Schwaben erhalten. „Ich möchte diese erfüllende Tätigkeit aber nicht zu meinem Hauptberuf machen. Wenn ich allein davon leben müsste, könnte ich mich den Kindern nicht so intensiv und hingebungsvoll widmen, sondern müsste immer die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten.“

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Bei Ines Heinrich können Kinder schon mit drei Jahren gezielt trainiert werden. „Manche Kinder haben eine verzögerte motorische Entwicklung. Sie können nicht harmonisch eine Treppe gehen, über einen Balken oder rückwärts laufen.“ Manche Kinder hätten Verzögerungen beim Greifen und Fangen. „ Das ist noch nicht schlimm, doch können solche Defizite auch erste Hinweise auf eine Lese-Rechtschreib-Rechenschwäche sein. Es ist erstaunlich,“ erzählt Ines Heinrich weiter, „wie schnell sich Kinder öffnen, wenn sie mit Pferden arbeiten.“

Mit einem Tier lässt sich vieles mühelos erledigen

Schon die Kleinsten lernen problemlos, das Tier für die Stunde vorzubereiten und zu putzen. Was vielen Kindern im Alltag schwer fällt, lässt am und mit dem Pferde mühelos erledigen. „Das Erlernen der Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen ist an bestimmte Voraussetzungen in den Bereichen Grob- und Feinmotorik, der visuellen, taktilen und akustischen Wahrnehmung und der Körper-Raum-Zeit-Orientierung geknüpft. Wenn diese nicht erfüllt sind, können Lern- und Verhaltensstörungen auftreten.“ Das Konzept der Reitpädagogik und dem Lernen in Bewegung will durch gezielte Übungen mit und auf dem Pferd die Basis für die Fertigkeiten aufbauen, die Kinder brauchen, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen.

„Gerade das Arbeiten mit dem Ball ist eine wichtige Trainingskomponente, denn es macht den Kindern richtig Spaß, fördert aber auch die Auge-Hand-Koordination, eine notwendige Voraussetzung zum Erlernen des Schreibens.“

Drei Pferde und ein Pony stehen im Stall in Kemnat. Fabi, das ehemalige Dressurpferd, ist der Star in die Riege, denn er hat durch seine Dressurausbildung einen sehr ruhigen Gang und ist zudem hochsensibel für die Signale der Trainerin und der trainierenden Kinder. Und selbstverständlich bringt den Seniorchef der Gruppe nichts aus der Ruhe. Weder das Führen durch die Kinder ist ihm zuviel, noch Ballspiele, die auf seinem Rücken ausgeübt werden. Ja nicht einmal Rechenaufgaben, für die die Kinder seinem Rücken als Schreibtafel nutzen, stören ihn.

Die Trainingsstunde findet, wenn möglich, im Freien statt

Und auch die Kinder haben ihre Freude daran, nicht im Klassenraum sitzen zu müssen, sondern sich in der freien Natur zu bewegen. Wann immer es das Wetter zulässt, findet die Trainingsstunde im Freien statt. „Das bedeutet auch, das Kind muss sich jedesmal auf eine neue Umgebungssituation einlassen: Das Wetter ist anders, die Temperatur unterschiedlich, der Boden mal staubtrocken, mal matschig, mal feucht.“

Immer aber dürfen sich die Kinder sicher sei, dass Ines Heinrich sie vom Boden aus unterstützt und sie motiviert, zur richtigen Zeit nicht aufzugeben. Fabi bleibt stets gelassen und aufmerksam. Er nimmt die Kommandos und Körpersprache der Reitpädagogin auf und befolgt sie, selbst wenn das Kind auf seinem Rücken ganz andere Signale aussendet.

Gelassenheit und Ruhe vermitteln den Kindern in kurzer Zeit ein tiefes Vertrauen, das sie entspannen lässt und ihnen erlaubt, sich ganz auf ihren tierischen Partner zu verlassen. Dass sie auf dem Rücken des Pferdes nebenbei ihr Gleichgewichtsgefühl trainieren, merken sie nicht einmal. „Nicht selten legt sich ein Kind rücklings auf das Pferd und lässt sich von ihm tragen. Das bringt auch motorisch überaktive Kinder, sogenannte Zappelphilippe, runter. Und das Balancieren auf dem Balken wird beim gleichzeitigen Führen des Pferdes nicht zur stressigen Herausforderung und unlösbaren Aufgabe, sondern zum beliebten Spiel.“ Lernen mit Pferden ist Prävention mit Vergnügen.

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