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Günzburg

15.11.2019

Wie streichelt man richtig? Ein Philosoph weiß die Antwort

Um die Kraft der Berührung ging es bei einem Abend mit dem Philosophen Wilhelm Schmid in Günzburg.
Foto: Patrick Pleul (dpa)

Der in Billenhausen aufgewachsene Philosoph Wilhelm Schmid spricht in Günzburg über die Bedeutung, die der Tastsinn für den Menschen hat. Dabei geht es auch ums Zeitunglesen – und was das ideale Tempo beim Streicheln ist.

Von der Kraft der Berührung sprach der in Billenhausen geborene Philosoph Wilhelm Schmid. Die Veranstaltungsreihe Lesart, ein seit 15 Jahre ein von Volkshochschule Günzburg, VR-Bank Donau- Mindel und Buchhandlung Hutter erfolgreiches Format, das bekannte Autoren zu den Lesern in die Region bringt, hatte den 66-Jährigen zum vierten Mal nach 2000, 2012 und 2014 nach Günzburg in das heimatliche Bayerisch-Schwaben gebracht. „Herausragend ist auf jeden Fall schon die Besucherzahl“, eröffnete Petra Demmel den Abend. Die rund 100 Interessierten mit äußerst gleichmäßiger Geschlechterverteilung hörten dem Professor der Lebenskunstphilosophie aufmerksam zu. Des Philosophen neuestes Büchlein „Die Kraft der Berührung“ spielte dabei eine große Rolle am Büchertisch und bei der Signierstunde des Autors. Doch Schmid philosophierte lieber ohne vorzulesen über die für Menschen so wichtige Berührung.

Über Jahrhunderte war unsere Kultur eher berührungsfeindlich

Sie wird vom Tastsinn erfasst, der auf den ersten Blick anders als die Sinne Sehen, Hören, Schmecken und Riechen nichts mit Löchern im Körper zu tun hat, die mit empfindlichen Sensoren ausgestattet sind. Dabei sehen wir sie nur nicht, die eine Million winzige Löchlein in unserer Haut, die mit Sensoren ausgestattet sind und jede noch so kleinste Berührung dem Gehirn melden. Tag und Nacht werden wir berührt, registrieren, ob der Pulli kratzt oder die Zudecke kuschelig ist. Schmid stuft unsere nordeuropäische christliche Kultur über Jahrhunderte als berührungsfeindlich ein. „Es könnte heutzutage anders sein. Doch jetzt kommen die technischen Geräte, die gestreichelt und geklopft werden wollen."

Philosoph Wilhelm Schmid beleuchtete die Kraft der Berührungen, wie auch sein neuestes Buch heißt, mit all ihren Facetten. Die Veranstaltungsreihe Lesart adelte mit dem aus Rundfunk und Fernsehen bekannten und in Billenhausen geborenen Professor und Buchautor ihr 15. Jubiläum.
Foto: Sandra Kraus

„Touch mich und nicht dem Touchscreen“, könnte ein Motto werden. Sorgen macht sich Schmid deshalb keine, die menschliche Sehnsucht nach Echtheit und Wahrheit werde das Digitale immer ergänzen und in Schach halten. Die Skala von Berührungen reicht von positiv, über unangenehm, unerwünscht bis hin zu gewaltsam. Die internationale „Me Too“-Bewegung zum Beispiel macht gewaltsame Berührung öffentlich. Schmid spricht darüber, wann welche Berührung angebracht ist, wann Grenzen von einem selbst oder dem anderen erreicht sind.

Streicheln: Die richtige Temperatur und die ideale Geschwindigkeit

Berührungen haben eine körperliche Ebene, unsere fünf Millionen Nervenenden registrieren Druck und Wärme. „Angenehm ist Streicheln mit einer Geschwindigkeit von zehn Zentimeter pro Sekunde und 30 Grad Wärme.“ Die wahrscheinlich ungläubigen Blicke aus dem Publikum kontert Schmid elegant: „Das ist die gefühlte Mitte zwischen kräftig Abrubbeln und beim Streicheln einschlafen.“

Sich selbst berühren lasse im Gehirn viel aufleuchten, Feuer unter dem Dach entstünde aber nur durch die Berührung anderer. Der Tastsinn ist in der siebten Schwangerschaftswoche der erste Sinn, der sich bei einem Embryo entwickelt, und wird am Lebensende einer der letzten sein, der geht. Berührungen legen eine ganze Wirkungskette an Biochemie frei, bringen das Immunsystem auf Vordermann und viele Hormone in Schwung.

Wo bekommen wir also die Grundversorgung an Berührung her? Schmid zählt auf: Der eine uns nahe stehende Mensch, Freunde, Tiere, die man streicheln kann, und gekaufte Berührungen bei Massagen, Kuschelpartys, Friseurbesuch oder dem schlichten Nassrasierer. Neben der körperlichen Berührung existiert die seelische Berührung, wenn Gefühle aufwallen und die Körperenergie in Fahrt kommt, die geistige Berührung, durch Gedanken, Gespräche oder Lesen.

Der Philosoph entpuppt sich als Zeitungsleser

An dieser Stelle outet sich Wilhelm Schmid, der inzwischen in Berlin lebt, als Zeitungsleser. „In Print natürlich, beim Händler gekauft, verbunden mit einer Plauderei über Politik und Wetter.“ Auch das eine Form der Berührung, die wie so oft vielschichtig ist und über mehrere Ebenen geht und die Sinne verbindet.

Die letzte Ebene der Berührung führt weit hinaus, Schmid nennt sie wahlweise kosmische Energie oder Allmacht Gottes, erreicht wird sie durch Beten oder Meditieren, beide Wege führen zum gleichen Ziel. Von der unendlichen Weite schickt der Philosoph die Zuhörer zurück in die Realität, empfiehlt einmal die Bodenberührung bewusst wahrzunehmen, stehend in der vertikalen, liegend in der horizontalen, mal angezogen, mal unbekleidet. Schmid verspricht: „Die Welt sieht dann anders aus!“

Er plaudert von den dreißig verschiedenen Arten des Lächelns, dem wohligen und dem hässlichen Schweigen, dem berührt und reicher werden von Lektüre. Am Ende ein berührender Schlusssatz des Philosophen: „Das war Theorie und Wissensvermittlung, jetzt gilt es die Praxis zu suchen auf die Weise, die am Besten gefällt.“

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