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Erziehung

09.05.2015

Alle Kinder lieben Sven

Gespräche zwischen Mutter und Erzieher: Mama Georgina Babbé, die kleine Jemima, fünf Monate alt, die vierjährige Julia auf einem Dreirad und Sven Schöpplein mit der zweijährigen Josephine auf dem Arm.
Bild: Ursula Katharina Balken

Auch Männer können beruflich Babys wickeln. In der Krippe St. Michael in Vöhringen tut das ein 31-Jähriger

Er lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Darf er auch nicht, denn sonst hätte Sven Schöpplein den falschen Job. Der 31-Jährige ist Erzieher in der Kinderkrippe St. Michael. Erzieher zu sein, ist mittlerweile in der meist von Frauen beherrschten Domäne keine Seltenheit mehr, wohl aber als Mann in einer Kinderkrippe zu arbeiten, in der Mädchen und Buben vom Säugling bis zu Dreijährigen tagsüber betreut werden. Für Sven, von allen nur Sveny genannt, ist der Beruf des Erziehers kein Job, sondern er sieht darin eher eine Berufung. „Ich habe mich schon immer gerne der Jugendarbeit gewidmet. Und mit den ganz Kleinen umzugehen, ist etwas ganz Besonderes.“

Er war Realschüler, hatte aber im Kopf Grundschullehrer zu werden. Dazu brauchte er aber das Abitur. Das hieß Wechsel auf ein Gymnasium. Rückblickend stellt er mit einem verlegenen Lächeln fest, „ich war zu schlecht für das Abitur, zum Beispiel Mathematik war überhaupt nicht mein Ding“.

Also entschloss er sich für den Beruf des Erziehers. Kein leichter Weg (siehe Info-Kasten) lag vor ihm. Aber einmal entschlossen, sich der Kindererziehung zu widmen, ging er mit neu erwachtem Ehrgeiz und Lerneifer an die Sache heran. Fünf Jahre Studium, Seminare und Praktika lagen vor ihm. Er kniete sich in die Materie rein, absolvierte das Fachabitur und hängte dann „das richtige Abitur“ trotz der Pflichtaufgabe Mathematik noch an. Er setzte sogar an, Grundschullehrer zu werden. Aber nach einigen Semestern hörte er auf. „Arbeiten machte mir mehr Freude als lernen.“

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Seinen Werdegang beschreibt er heute so: „Es hat eben eine Weile gedauert, bis ich wusste, was mein richtiger Weg war.“

Dass es die richtige Entscheidung war, entdeckte Sven Schöpplein, als er im Kindergarten Jedesheim Krankenvertretung machte, dann ein Jahr in der Illertisser Einrichtung tätig war und 2012 im Hort der Kindertagesstätte St. Michael arbeitete. Dass er schließlich in die neue Kinderkrippe mit 15 Mädchen und Buben im Kleinstkindesalter kam, verdankte er mehr einem Zufall. Die Leiterin der Kita, Alexandra Holl-Kreutner, blickt auf die damalige Situation zurück. „Die Buchungen für die Krippe gingen hoch, die Gruppe war mit 15 Kindern voll besetzt. Dann wurde eine Kollegin schwanger und ich fragte Sven, ob er Lust habe, in der Krippe zu arbeiten.“ Sven sagte Ja, mittlerweile hat er selbst Familie – er ist Vater von zwei Buben – und er weiß die Einrichtung für Eltern zu schätzen.

Die Ein- und Zweijährigen hatten am Anfang eine gewisse Scheu. Statt der Mami stand plötzlich ein Mann mit Bart, tiefer Stimme und dunkel umrandeter Brille vor ihnen. Da war der Bart ganz schnell kürzer, die langen Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden und schon wurde alles besser. „Heute ist das Verhältnis so gut zu den Kleinen, dass manche nur Sven als Bezugsperson wünschen und manche machen ihren Müttern beim Abholen klar, dass sie viel lieber bei Sven bleiben würden“, berichtet Alexandra Holl-Kreutner. „Ja, das ist richtig“, bestätigt Sven. „Man bekommt so viel Liebe und Herzlichkeit von den Kleinen zurück. Und die Kleinen spielen einem Sympathie und Zuneigung nicht vor, das kommt wirklich von innen.“

Am Anfang seiner Ausbildung war er unter lauter Mädchen ein Exot. „Der einzige männliche Begleiter, den ich hatte, war Günter Hiller im Jugendhaus Vöhringen, dort habe ich mein Anerkennungsjahr absolviert.“ Spitze Bemerkungen seiner Freunde, das sei doch kein Beruf für einen Mann, überhörte er einfach. „Ich kann mir nicht vorstellen, ein Handwerk auszuüben oder den ganzen Tag am Computer zuzubringen.“

Was ihm besondere Freude macht, ist, die Entwicklung der Kinder zu beobachten, wie sie laufen und sprechen lernen und ihre Wünsche artikulieren können. „Das macht auch die Arbeit einfacher.“ Aus der Ruhe bringt Sven nichts. „Auch wenn einer schreit, was meist dann nach sich zieht, dass alle schreien, das macht mir nichts.“

Lob gibt es für den Erzieher von Alexandra Holl-Kreutner, „wir sind froh, dass wir Sven haben, er ist ein engagierter Mitarbeiter und alle lieben ihn“.

Zum aktuellen Thema Streik in den Kindertageseinrichtungen sagt die Leiterin: „Ich habe Verständnis für den Streik. Fünf Jahre Ausbildung, dazu ein zeitintensiver Aufwand mit zusätzlichen Aufgaben wie Dokumentieren und die Entwicklungsbögen für jedes einzelne Kind kontinuierlich auszufüllen, da wäre eine angemessene finanzielle Honorierung der Erzieher angebracht.“

Holl-Kreutner erklärt, dass sie sieht, dass dort, wo gestreikt wird, jetzt ein Problem für die Eltern entsteht. „Aber ich verstehe auch die Erzieher, die eine finanzielle Anerkennung ihres Engagements wünschen.

„In den Köpfen mancher Menschen sitzt halt immer noch fest, im Kindergarten beschäftigt zu sein, bedeutet, den ganzen Tag zu basteln und zu spielen. Aber was wirklich hinter der Arbeit der Erzieher steckt, das sieht niemand.“

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